Die Verben



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1. Einige Maskulina (in den meisten Fällen mit dem apokopierten -e im Auslaut) werden im Sg. stark, im Pl. schwach flektiert, womit die gemischte Deklination der Maskulina entsteht: mhd. Nom. Sg. veter(e), psalm(e), smerze > nhd. Vetter, Psalm, Schmerz - Nom. Pl. Vettern, Psalmen, Schmerzen.

Dieser Deklination schließen sich auch einige ursprünglich stark flektierte Substantive an: Dorn - Dornen (im 18. u. 19. Jhd. auch Dorne, Dörner als weitere Varianten der Pluralform); Staat - Staaten (seit dem 16. Jhd.); Pantoffel - Pantoffeln (der Plural lange auch endungslos).

Einige Substantive schwanken noch heute im Gen. Sg. Nachbar, Spatz - Gen. Sg. - Nachbars, Spatzes oder Nachbarn, Spatzen.

2. Diejenigen Maskuline, die -e im Auslaut behalten, sind den femininen Substantiven sehr ähnlich, sodass es in einigen Fällen zum Genuswechsel kommt - zugunsten der Feminina. Dazu kommt es nicht selten bereits im Mhd. Die „neuen“ Feminina schließen sich der gemischten Deklination an: mhd. Maskulina - nhd. Feminina (zu dem Genuswechsel kommt es bei den einzelnen Substantiven in unterschiedlicher Zeit): vlock(e), knospe, slange, snecke, bluome, grille, trūbe > nhd. Flocke, Knospe, Schlange, Schnecke, Blume, Traube.

3. Einige zunächst schwach flektierte Maskulina schließen sich der starken Deklination an - sowohl im Sg., als auch im Pl. Dem Zusammenfall hilft wieder die Apokope (oder auch die Analogie): mhd. stern(e) - Gen. Sg. sternen, Nom. Pl. sternen, grîse, nabel (ahd. nabalo), aberelle, lenze, meie, merze, lîchname > nhd. Stern, Gen. Sg. Sternes, Nom. Pl. Sterne, Greis, Nabel, April, Lenz, Mai, März, Leichnam (mit anderer Bedeutung als im Mhd.).

Einige Substantive werden im Plural auch umgelautet: mhd. Nom. Sg. hane, herzoge, storch(e) > nhd. Hahn, Herzog, Storch - Gen. Sg. mhd. hanen, herzogen, storchen > nhd. Hahnes, Herzoges, Storches, Nom. Pl. hanen, herzogen, storchen > nhd. Hähne, Herzöge, Störche. Die schwachen Formen einiger Substantive kommen noch im 18. 19. Jhd. vor: z. B. verwendet M. Wieland schwache Formen im Dat. Sg: Lanzen, Märzen (nhd. Lenz, März). Einige schwache Formen erscheinen im Nhd. in den Komposita: Schelmenstück, Maienzeit, Sternennacht.



4. Einige schwach flektierte Maskulina bekommen bereits im 15. Jhd. die Genitivendung -ens (statt der ursprünglichen Endung -n), wohl aus dem Grund, damit der Genitiv anschaulicher charakterisiert und von anderen Kasus besser unterschieden werden könnte. Diese Substantive werden im Mhd., Spätmhd. und z. T. noch im Fnhd. auch weiter schwach flektiert: mhd. Nom. Sg. name, vride, balke, bisse, boge, krage, garte, grabe, buochstabe, gedanken, glaube, brunne u. a. - Gen. Sg. mhd. namen, vriden, balken, bissen > fnhd. namens, vridens, balkens, bissens - Nom. Pl. mhd. fnhd. namen, vriden, balken, bissen. Im 19. Jhd. wird bei ihnen die Genitivendung -ens wieder durch die Endung -n ersetzt (wegen der Systematisierung).

In der Entwicklung dieser Substantive sind seit dem Fnhd. zwei Tendenzen zu betrachten:



A. Dank der -ens Endung im Gen. Sg. erinnern die schwachen Maskulina an die stark flektierten Maskulina, die im Nom. Sg. den -(e)n Ausgang aufweisen. Manche schwach flektierte Substantive geben daher die schwache Deklination auf und werden weiterhin stark flektiert. Der starken Flexion passen sie sich neu auch durch die Form des Nom. Sg. an, indem sie analogisch den stark flektierten Substantiven den n- Ausgang im Nom. Sg. übernehmen: mhd. Nom. Sg. brunne, garte, bisse, boge, krage, rase, schinke - Gen. Sg. brunne, garten, bissen, bogen, kragen, rasen, schinken - Nom. Pl. brunnen, garten, bissen, bogen, kragen, rasen, schinken; nhd. Nom. Sg. Brunnen, Garten, Bissen, Bogen, Kragen, Rasen, Schinken - Gen. Sg. Brunnens, Gartens, Bissens, Bogens, Kragens, Rasens, Schinkens - Nom. Pl. Brunnen, Garten, Bissen, Bogen (südd. Bögen), Kragen, Rasen, Schinken. Einige Ortsnamen weisen bis heute die ursprünglichen Formen auf: Schönbrunn, Stuttgart.

Die mhd. schwach flektierten Maskulina backe, karre, zacke > nhd. Backen, Karren, Zacken werden im Nhd. wie die oben erwähnten Substantive stark flektiert. Daneben bleiben auch die mhd. Formen mit dem auslautenden -e erhalten, die aber zu Feminina der gemischten Deklination werden: nhd. Backe, Karre, Zacke, die sich von den Maskulinen semantisch differenzieren.



B. Einige Maskulina schwanken bis heute in der Form des Nominativs - mit oder ohne das auslautende -n. In den obliquen Kasus unterscheiden sie sich nicht von den unter A beschriebenen Substantiven. Der Prozess des Übergangenes zu der starken Flexion ist bei ihnen noch nicht wöllig abgeschlossen. Ihre Deklination wurde in den älteren Grammatiken als unregelmäßig oder als Mischtyp (z. B. Helbig/Buscha 2002) bezeichnet (nicht mehr z. B. im Duden 2005). Beispiele: mhd. Nom. Sg. name, geloube - Gen. Sg. namen, gelouben - Nom. Pl. namen, gelouben; nhd. Nom. Sg. Name(n), Glaube(n) - Gen. Sg. Namens, Glaubens - Nom. Pl. Namen, Glauben. (weitere Beispiele und die dazugehörende Problematik des Neutrums Herz vgl...). Bei den Substantiven Name(n), Friede(n), Buchstabe(n) war noch zu Beginn des 20. Jhs. die Genitivform mit der -n Endung möglich: Namen(s), Frieden(s), Buchstaben(s).

Das im Ahd. Mhd. stark flektierte Maskulinum nuz weist im Mhd. auch die schwach flektierte Nebenform nutze, aus dem sich die nhd. stark flektierte Form Nutzen - Gen. Sg. Nutzens entwickelt. Das Substantiv Nutz bleibt in einigen festen Wendungen erhalten: nutzlos, Eigennutz, zu Nutz und Frommen, nutzbringend usw. Dagegen entwickelt sich das im Nhd. stark flektierte Substantiv Reifen (Gen. Sg. Reifens) von dem im Mhd. schwach flektierten Subst. reif (Gen. Sg. reifen) > nhd. Reif (heute auch stark flektiert, also Gen. Sg. - Reifes). Die Substantive sind heute semantisch differenziert.


Neutra:

Bereits im Mhd. gibt es nur sehr wenige schwach flektierte Neutra: herze, ouge, wange, ôr(e). Bei ouge und ôr entwickeln sich im Fnhd. die starken Singularformen, während der Plural auch weiter schwach flektiert wird. So schließen sich diese Neutra der gemischten Deklination an. Zusammen mit ihnen auch einige ursprünglich stark flektierte Neutra: mhd. bet(te), ende, hemde - Gen. Sg. bettes, endes, hemdes - Nom. Pl. bette, ende, hemde > nhd. Nom. Sg. Bett, Ende, Hemd - Gen. Sg. Bettes, Endes, Hemdes - Nom. Pl. Betten, Enden, Hemden.

Das Substantiv mhd. wange > nhd. Wange verändert im 15. Jhd. das Genus - wird zum Femininum.

Das Neutrum Herz (mhd. herze) wird im Nhd. auch stark flektiert, z. T. weist es aber bis heute den Übergangscharakter auf, vgl. 4.1. Die Apokope des auslautenden -e in herze setzt sich endgültig im 18. Jhd. durch, noch lange kommen auch die schwachen Formen in den obliquen Kasus vor.

5. Die Verben. Die grammatischen Kategorien.
5.1. Die grammatische Kategorie des Tempus
Bevor die einzelnen Tempusformen näher beschrieben werden, muss auf zwei Merkmale aufmerksam gemacht werden:

1. Die Bezeichnung der Tempora, z. B. Imperfekt, Perfekt und andere beziehen sich in den einzelnen indoeuropäischen Sprachen oft auf unterschiedliche Tempusformen. Es kommt also nicht selten zu der Überlappung der Termini, allerdings nur in der Bezeichnung, nicht in der Bedeutung. Die Ursache dafür stellt die unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Sprachen aus der gemeinsamen Ursprache dar. Diese Tatsache muss man auch im Falle des Deutschen berücksichtigen, z. B. kann das indoeuropäische Perfekt mit dem neuhochdeutschen Perfekt (= Präsensperfekt) nicht für dieselbe Tempusform gehalten werden.

2. Die Problematik der Aktionsarten und Aspekte („vidy“). Beide Kategorien sind mit der Entwicklung der ide. Tempusformen sehr eng verbunden. In den Grammatiken werden sie manchmal vermischt, denn sie weisen einige gemeinsame Merkmale auf. Trotzdem werden hier kurz beide Elemente und ihre Eigentümlichkeiten angedeutet, damit ihre „Rollen” in den einzelnen Sprachen ganz klar sind.



Die Aktionsarten

Die Definition der Aktionsarten nach Helbig/Buscha: „Unter der Aktionsart eines Verbs versteht man die Verlaufsweise und Abstufung des Geschehens, das vom Verb bezeichnet wird. Die Differenzierung des Geschehens erfolgt nach dem zeitlichen Verlauf (Ablauf, Vollendung, Anfang, Übergang, Ende) und nach dem inhaltlichen Verlauf (Veranlassung, Intensität, Wiederholung, Verkleinerung). Der zeitliche und inhaltliche Verlauf greifen oft einander.” (Helbig/Buscha 2001: 62) Es geht also um die Art, in der der Sprecher die verbale Handlung sieht. Die Aktionsarten bleiben in allen Tempusebenen dieselben. Man unterscheidet 2 Hauptgruppen: durative (auch imperfektive) und perfektive Verben. Zu den durativen (z. B. arbeiten) gehören die iterativen (flattern, streicheln), die intensiven (brüllen, saufen), die diminutiven Verben (lächeln, hüsteln). Zu den perfektiven Verben werden folgende Gruppen der Verben gezählt: die ingressiven oder inchoativen (aufblühen, einschlafen), die regressiven (verblühen, zerschneiden), die mutativen (reifen, sich erkälten), die kausativen oder faktitiven Verben (öffnen, senken, sprengen). Die Aktionsart kann (aber nicht unbedingt) auch mittels der Präfixe angedeutet werden, z. B. drückt das Präfix. er- (erblühen, erschrecken) die ingressive Aktionsart aus usw. Um im Nhd. die perfektive Aktionsart ausdrücken zu können, bedient man sich heute u. a. der Umschreibungen mit den Funktionsverbgefügen, z. B.: Das Wasser kocht = durative Aktionsart : Das Wasser kommt zum Kochen = perfektive Aktionsart.



Das System der Aspekte

Das System der Aspekte ist v. a. mit den slawischen Sprachen verbunden: „In der Regel ist das Verbum einer slawischen Sprache eigentlich ein Paar Verben: zwei Verben werden benötigt, um dieselbe Handlung oder denselben Vorgang zu beschreiben, je nachdem, ob die Handlung usw. im Hinblick auf ihre Fortdauer bzw. auf ihre Vollendung betrachtet wird” (Szemerenyi 1989: 332). Diese Verben haben also dieselbe lexikalische Bedeutung, sie unterscheiden sich in ihrer Beziehung zu der Abgeschlossenheit der Handlung. Der perfektive Aspekt („vid dokonavý”) drückt aus, dass die Handlung abgeschlossen wurde oder in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Die Präsensform kann eigentlich nicht gebildet werden, weil eine in der Sprechergegenwart ablaufende Handlung von dem Sprecher nicht als abgeschlossen bezeichnet werden kann. An dieser Stelle entsteht daher eine Systemlücke. Der imperfektive Aspekt („vid nedokonavý”) bezeichnet eine nicht abgeschlossene Handlung.

Damit man von einem System der Aspekte einer Sprache sprechen kann, muss diese Sprache über die konstanten grammatischen Mittel für die Bildung (Derivation) der einzelnen Aspekte verfügen. Diese Bedingung ist gerade in den slawischen Sprachen erfüllt. Dagegen haben nicht alle deutschen Verben diese Möglichkeit, sich mit einem Präfix oder Suffix zu verbinden, um den Aspekt auszudrücken. Es existiert z. B. erblühen – perfektiv, dagegen z. B. *erkommen als imperfektiv gibt es nicht. Wenn man sagt: „Gestern habe ich einen Brief geschrieben.”, kann es im Tschechischen zweierlei bedeuten: 1. Včera jsem psal dopis.”- der imperfektive Aspekt; 2. „Včera jsem napsal dopis.”- der perfektive Aspekt.

(Bem: Es muss noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Verben der slawischen Sprachen auch hinsichtlich der Aktionsarten klassifiziert werden können, was eher mit der lexikalischen Bedeutung der Verben zusammenhängt. Beispiele aus dem Tschechischen: Iterativum: vídávat - zu vidět „sehen“; křičívat - zu křičet „schreien“. Ins Deutsche können diese Verben mit der betreffenden Aktionsart durch die Konstruktion pflegen + Infinitiv übersetzt werden, z. B.: er sieht - er pflegt zu sehen. Intensiva: tsch. naplakat se „sehr intensiv und lange weinen“ - zu plakat „weinen“; upít se „durch das sehr intensive Trinken sterben“ - zu pít „trinken“.

Im mittelalterlichen Deutschen (eigentlich auch in anderen germanischen Sprachen, z. B. im Gotischen) gab es die Möglichkeit, die perfektiven Verben von den imperfektiven Verben durch das Anhängen des Präfixes ge- (ahd. gi-, ga-, got. ga-) an das einfache Verb zu unterscheiden. (Die meisten einfachen Verben drücken bis heute die imperfektive Aktionsart aus.) Beispiele: mhd. sitzen = „gesessen sein” : gesitzen – „sich setzen”; stēn = „stehen”: gestēn = „ergehen”; swīgen = „still sein” : geswīgen = „verstummen”. Diese Funktion des Präfixes ge- blieb noch teilweise im Mhd. erhalten, während der weiteren Entwicklung des Deutschen wurde sie aber aufgegeben. Im Nhd. kommen nur noch nur noch wenige Verben vor, deren ge- Präfix sich auf die Aktionsart bezieht, und das zugleich die imperfektive Variante neben sich hat, z. B. gedenken (< mhd. gedenken < ahd. gadenchan) - perfektiv und denken - imperfektiv; gefrieren - perfektiv und frieren - imperfektiv. Bei einigen Verben kommt es während der Geschichte zur festen Verknüpfung des Präfixes mit dem Verb, sodass die Opposition mit Formen ohne ge- nicht mehr möglich ist, z. B. glauben (< mhd. gelouben < ahd. gilouben…germ. *ga –laubjan „für lieb halten, gutheißen”, eine ge- Bildung zu der ide. Wurzel *leubh-„lieb, gern haben, begehren“); gebären (< mhd. gebâren < ahd. giberan - eine ge-Bildung zu dem bereits untergegangenen Verb ahd. bëran „tragen”), gedeihen (mhd. bedîhen …ahd. gedīhan - eine ge-Bildung zu dem Verb ahd. thīhan „wachsen, fest, dicht werden”).

Im mittelalterlichen Deutschen wurde ge- von Anfang auch an bei den von den modalen Verben abhängigen Infinitiven gebraucht, weiter in den verallgemeinernden Aussagen mit ie, niemer, iemer und in den Wunschsätzen, in denen man nur an die Erfüllung dachte (nicht an den Verlauf). Masařík führt an, dass ge- auch an den Indikativ Präsens angehängt werden konnte, um das Futur oder an das Präteritum um die Bedeutung des später entstandenen Plusquamperfekts, also die Vorvergangenheit, ausdrücken zu können.

Die perfektivierende Kraft des Präfixes ge- wird auch dadurch bewiesen, dass ge- bald bei dem Partizip Perfekt erschien, das bis heute den Abschluss einer Handlung ausdrückt. Das Part. Perf. der an sich perfektiven Verben, z. B. kommen, finden, bringen wurde jedoch noch lange ohne ge- gebildet, also: Inf. ahd. quëman, findan, bringan, wërdan - Part. Perf. quëman, funtan, brāht, wortan. Noch im Frühneuhochdeutschen kamen diese Verben, bzw. ihr Part. Perf. ohne ge- vor. Erst im 18. Jhd. wurde die Form des Part. Perf. vereinheitlicht. Damit wurde die Opposition zwischen Verben mit ge- und ohne es neutralisiert.

(Bem: Das Präfix ge- weist neben den obengenannten noch andere Funktionen auf. Es kann z. B. zur Bildung der Kollektiva, z. B. „Gebirge, Gebüsch, Gebeine“ gebraucht werden, was mit der ursprünliglichen Bedeutung von ge- zusammenhängt – das Präfix ge- entstand wahrscheinlich aus einer Präposition mit der Bedeutung „zusammen, mit“ und ist so mit dem lat. Präfix. com- (dieses Präfix geht auch auf die Präposition cum „mit, zusammen“ zurück) oder mit griech. sýn- zu vergleichen, z. B: lat. compassio = griech. symphátheia = dt. Mitleid oder lat. conscientia = griech. syneidesis = dt. Gewissen.)


5.1.1. Die Tempora im Indoeuropäischen

Viele Forscher nehmen an, dass es sich im Indoeuropäischen zur Entwicklung von mindestens drei Tempora kam: Präsens, Aorist, Perfekt. Die Systeme des Präsens und des Aorists gehören im Ide. sehr eng zusammen (sie wurden mit denselben formalen Mitteln gebildet – darum spricht man von dem sog. Präsens-Aorist-System), während das Perfekt eine Sonderposition einnahm.

Einige Forscher (Szemerenyi, Kienle) lassen noch die Möglichkeit zu, dass es bereits im Ide. auch Futur, Imperfekt, und Plusquamperfekt (eine Art Vergangenheitstempus, nicht Tempus der Vorvergangenheit) gab, was dagegen z. B. Beekes für unwahrscheinlich hält.

Es wurde bereits auf die enge Verbindung der alten ide. Tempora mit der Kategorie der Aspekte und der Aktionssarten aufmerksam gemacht. Erhart, Kienle, Kümmel und andere Forscher vertreten die Theorie, dass sie (also die Aspekte und die Aktionsarten) die wichtigste Rolle vor der Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus gespielt haben. Eigentlich kann man nicht von Anfang an über das System der Aspekte sprechen, denn die Fähigkeit der Verben, den ihrer Grundbedeutung nicht eigenen Aspekt durch konstante grammatische Mittel zu bilden, entwickelt sich erst nachträglich, vgl. weiter. (Die Sprache kann auch ohne die Kategorie des Tempus ganz natürlich zurechtkommen, was u. a. am Beispiel der semitischen Sprachen bestätigt wird. Das Arabische unterscheidet zwei Grundformen, die als Perfekt und Imperfekt bezeichnet werden. Diese Formen drücken keine von der Gegenwart des Sprechers aus bestimmte Zeitstufe aus, sondern sie dienen nur dazu, die Handlung entweder einfach zu konstatieren (=Perfekt), oder aber sie in ihrem Verlauf zu schildern (=Imperfekt).

Einen weiteren Beispiel stellt das Malaisische dar, in dem die reale Zeit überhaupt nicht ausgedrückt ist, z. B: bedeutet der Satz: Ahmad pergi – „Ahmad ist gekommen, geht, kommt”. Der Tempus muss also mittels der Adverbien angedeutet werden: Ahmad pergi semalam – „Ahmad ist gestern gekommen.”)

Was das Indoeuropäische betrifft, hatte der eine Teil der ide. Verbalwurzel die imperfektive Bedeutung (= „Präsens“ - für Ausdruck der im Verlauf befindlichen Handlung), der andere dann die perfektive Bedeutung (= „Aorist“ - für Ausdruck der abgeschlossenen Handlung). Beide Aspekte waren natürliche Bestandteile der eigenen Bedeutung der einzelnen Verben. Die Aspekte (Aktionsarten) unterschieden sich in dieser Phase nur durch ihre innere Struktur, nicht durch die Endungen. Die Entstehung der spezifischen Endungen für die einzelnen Tempora tritt erst im Zusammenhang mit der Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus ein, vgl. weiter.

Neben diesen „Primärbildungen“ entstanden in dieser Zeit auch einige „Sekundärverben“, die von den bereits existierenden verbalen Wurzeln (Deverbativa) oder von Nominalstämmen (Denominativa) abgeleitet wurden. Mit diesen Verben wurden die verschiedentsten Aktionsarten ausgedrückt, u. a. voluntative, intensive, desiderative, iterative, nach Kümmel auch fientive und essive Aktionsart. Diese Sekundärbildungen fielen später in vielen Fällen in dem imperfektiven Präsens oder in dem perfektiven Aorist zusammen (ihre Bedeutung bleibt auch weiter erhalten), oder sie bekamen eine neue Funktion in den neu entstandenen grammatischen Kategorien des Modus oder der Diathese, vgl. 5.2. und 5.4. Nehmen wird ganz konkret die Iterativa, die von den Wurzeln mit perfektiver Bedeutung abgeleitet werden konnten - zunächst durch ein natürliches Mittel - die Reduplikation (was die Reduplikation betrifft vgl. noch 5.1.1.3.) Die später entstandenen Iterativa kennzeichneten sich dann durch verschiedene an den Stamm angefügte Suffixe. Nicht selten kam es jedoch dazu, dass einige der Iterativa zu einfachen Imperfektiven wurden, was zur Entstehung von Synonymformen führte. Viele der Iterativa, deren iterative Bedeutung verblasste, wurden zu Kausativen oder Intransitiven (Ständeverben), sodass sie sich neu der Kategorie der Diathese anlehnten. (Was die Diathese Stativ betrifft, vgl. 5.2.1.3.)

Während der weiteren Entwicklung des Indoeuropäischen kam es zur Ausformung des Systems der Aspekte - es entwickelte sich die Möglichkeit, von den imperfektiven Verben die perfektiven zu bilden.

Dieser Phase folgte bereits die Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus, was mit der Entwicklung des menschlichen Denkens zusammenhängt – es erschien das Bedürfnis, die aktuelle Handlung von der nichtaktuellen (die bereits verlaufen ist, oder die noch nicht eingetreten ist), gründlich unterscheiden zu können. Diese Bestrebung führte also zu der Ausformung der grammatischen Kategorie des Tempus, womit es zur Auflösung des alten Systems der Aspekte, bzw. zur Eliminierung ihrer bisher dominierenden Rolle kam. Die einzelnen Verbalstämme, mit denen zunächst nur die einzelnen Aspekte und Aktionsarten bezeichnet wurden, also bloß das Geschehen, ohne Hinsicht auf die Zeitebene, fangen an, die Zeit zu bezeichnen und die einzelnen Tempora gründlich zu unterscheiden.

Damit man von dem grammatischen Tempus sprechen kann, muss eine wichtige Bedingung erfüllt werden - es müssen mindestens zwei Gruppen von Formen nebeneinanderstehen, die durch grammatische Mittel unterschieden werden. Im Falle des ide. Tempus wurde diese „Aufgabe“ durch die Einführung des Merkmales „aktuell“ und durch die damit zusammenhängende Entstehung der Vergangenheitsform erreicht. Die neuen Verhältnisse spigeln sich v. a. an der Form der personalen Endungen wider. Die sog. primären Endungen wurden zum Kennzeichen des Präsens, die sekundären dann zum Ausdruck der Vergangenheit (Aorist), vgl. noch 5.1.1.4.

Die Zeitform Präsens entstand aus den alten Imperfektiven und Iterativen, an die die primären Endungen angehängt wurden. Die alten Perfektiva konnten sich nicht zu Präsensformen entwickeln, denn eine abgeschlossene Handlung kann eig. nicht im Präsens stehen. Der perfektive Aspekt wird aus der Zeitform Präsens ausgeschlossen. Die perfektiven Stämme trugen daher zu der Entwicklung des Vergangenheitstempus - des Aorists bei.

Neben diesen Zeitformen kam es im Indoeuropäischen noch zur Entwicklung des Tempus Imperfektum, u. z. aus den imperfektiven Verbalstämmen. Diese Imperfektiva wurden im Unterschied zu denen, die bei der Entstehung des Präsens standen, nicht mit den primären Endungen versehen. Dieses Imperfektum machte später in den westindoeuropäischen und ostindoeuropäischen Sprachen eine unterschiedliche Entwicklung durch. In den ostide. Sprachen gewann es eher die modale Bedeutung (die Dualität akutell : nichtaktuell impliziert nämlich auch die Bedeutung real : irreal), in den westide. Sprachen (also auch in den späteren germanischen, keltischen Sprachen, im Lateinischen) wurde das Imperfektum zum Vergangenheitstempus.

Was die Zeitform Perfekt betrifft, vgl. 5.1.1.3.

5.1.1.1. Das Präsens im Indoeuropäischen

Es handelt sich um das Grundtempus. Die die Gegenwart bezeichnenden Verbformen stellen wahrscheinlich die ersten Formen mit Personalendungen dar, die in der Sprache entstanden sind. Mit deren Bildung hängt auch die Ausformung der Kategorie der Person zusammen. Ursprünglich (in der Zeit vor der Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus) wurden mit diesen Verbformen die Handlungen des Verbs allgemein, also ohne Hinsicht auf das Tempus bezeichnet.

Bis heute kann das Präsens eine dauernde unvollendete Handlung ausdrücken (imperfektive oder durative Aktionsart), es behält auch nach der Ausformung der grammatischen Kategorie des Tempus seine Unmarkiertheit, die einzelnen Formen sind zeitneutral. Mit den Formen des Präsens können die Handlungen auf beliebiger Stelle der Zeitachse beschrieben werden, vgl. Kapitel 1.

Für die Bildung der Präsensstämme stand im Indoeuropäischen eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung. Diese Vielfalt der formalen Mittel ergibt sich wohl aus der ursprünglich sehr engen Verbindung mit den zahlreichen Aktionsarten zusammen. (Diese Theorie wird u. a. von Erhart unterstützt.) Die Allomorphie konnte in einigen Fällen aber auch bloß durch die Lautumgebung bewirkt werden.

Für das Germanische ist das sog. thematische Präsens am bedeutendsten, deren Bildung (bereits im Indoeuropäischen) in der Erweiterung der vollstufigen und betonten Wurzel um ein Suffix bestand, an das dann die Personalendung trat. Diese Variante stellt die Grundlage für das Präsens der sog. starken Verben im Germanischen dar. Beispiele: ide. 1. P. Sg. *bher-ō - „trage”, ai. bhárā-mi, lat. ferō, got. baīra, ahd. bëru; 3. P. Sg. ide. *bhe-re-ti, ai. bhár-a-ti, lat. fert, got. baīriþ, ahd. bërit.

Weitere ide. Präsensbildungen (in der Auswahl):

Die Wurzelklasse - die Endungen traten unmittelbar an die Wurzel. In den westindoeuropäischen Sprachen ist das athematische Präsens nur auf wenige Verben reduziert, dagegen nimmt die Zahl der thematischen Bildungen zu - eigentlich folgen alle neu entstehenden Verben der thematischen Flexion. Es kommt auch nicht selten dazu, dass die ursprünglichen Wurzelverben zu thematischen Verben umgebildet wurden. Im Germanisschen bleiben nur noch vier Wurzelverben erhalten - „tun, stehen, gehen, sein”, vgl. 6.6. (Die Reduzierung der Zahl der Wurzelverben im Germanischen hängt auch mit der Veränderung der Wortstruktur zusammen, vgl. 2.3.)

Die Nasalklasse: Verben mit eingeschobenem Nasal - lat. vinco < ide. *wi-n-k, vgl. dagegen das lat. Perfekt: victus (ohne Nasal). Im Germanischen nur im gotischen standan – Prät. stōþ erhalten. In einigen Fällen wurde der Nasal fest und auf das ganze Paradigma übertragen: lat. junxi : jungo „verbinde”; ahd. dwingan „zwingen”, ahd. springan, bringan, gilingan usw.

Die reduplizierende Klasse- (was die Reduplikation betrifft vgl. 5.1.1.3.): im Germanischen bleiben nur noch Reste der reduplizierten Präsensformen erhalten: ahd. bibēm „ich bebe” - ai. bibhēti; ahd. zitterōn, is. titra „zittern” < *titrāmi. Die die Reduplikation enthaltenden Verbformen hatten die iterative oder intensive Bedeutung, vgl. 5.1.1.

Die Klasse der sekundären Bildungen: die auf diese Weise entstandenen Verben wurden bereits von einem Stamm abgeleitet, der dann um verschiedene Ableitungssuffixe erweitert wird, z. B: *-eÔo, *-ēÔo, *-Ôe / *-Ôo. Es handelt sich um die Deverbativa (u. a. auch Kausativa, Iterativa usw.) und Denominativa, vgl. 5.1.1.

Diese Möglichkeit der Bildung der Verben ist in den meisten ide. Sprachen ziemlich häufig. Im Germanischen gehören die meisten von diesen Verben zu der Gruppe der sog. schwachen Verben. Es muss jedoch darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch einige der sog. starken Verben auf Grund des Ableitungssuffixes -j- (ide. -*Ôo) entstanden sind. Sie werden als j-Präsentien bezeichnet und im Ahd. bleiben 10 solche Verben erhalten, vgl. 6.1.1. Diese starken Verben können ihrer Form nach mit den lat. j- Bildungen verglichen werden, z. B: lat. cupio, capio, sapio.

Von den möglichen Präsensbildungen sind im Germanischen v. a. die thematischen Präsentien von Bedeutung. Die anderen werden nicht mehr gebraucht, denn die ursprüngliche enge Verbidnung mit den Aktionsarten wurde noch im Indoeuropäischen weitgehend aufgelöst.

Die Tatsache, dass die Formen des Präsens bis heute merkmallos sind, bedingte in einigen Sprachen die Entwicklung einer besonderen Präsensform, die die Handlungen im Augenblick der Rede ausdrückt, z. B. im Englischen: I am speak+ing „ich spreche gerade”. Im Deutsch müssen in diesem Fall lexikalische Mittel verwendet werden, z. B. die Adverbien usw. Die Form des Englischen „ing – Präsens” kann auch auf die in der Vergangenheit verlaufenden Handlungen übertragen werden, z. B: I was speaking „ich habe gerade gesprochen.”

An die die Tempusform Präsens ausdrückenden Verbalstämme wurden im Indoeuropäischen die sog. primären Endungen angehängt, vgl. 5.1.1.5.

5.1.1.2. Der Aorist im Indoeuropäischen

Der Aorist entstand aus den perfektiven Verbalstämmen und als Tempus stand er im Ide. in der Opposition zum Präsens (als „Nichtpräsens“). Im Unterschied zu dem die imperfektive oder durative Aktionsart ausdrückenden Präsens verbarg der Aorist die perfektive Aktionsart in sich und bezog sich nur auf die abgeschlossene Handlung, bzw. wurde die Handlung vom Anfang bis zum Ende als Einheit zusammengefasst. Daher wurde der Aorist vorwiegend als Vergangenheitstempus aufgefasst und kann als markierte Zeitform bezeichnet werden, denn im Unterschied zu der unmarkierten Präsensform konnte er nicht alle Zeitebenen umfassen. Die mit dem Aorist ausgedrückten Handlungen konnten eindeutig zeitlich eingeordnet werden.

Der Aorist änderte seine Funktion während der Entwicklung des Ide., was mit der Entstehung einer neuen Vergangenheitsform, des Präteritums, zusammenhängt. Das Präteritum wurde direkt aus der Form des Präsensstammes gebildet und seine Funktion war, die Präsenshandlung in die Vergangenheit zu setzen – ohne irgendwelche Beschränkung seitens der Aktionsart wie es bei dem Aorist war. Im Griechischen wurde dann der Aorist zu einem einfachen Vergangenheitstempus mit perfektiver Aktionsart. Dem Präteritum entspricht dann im Griechischen das Imperfekt, das auch die Handlung in der Vergangenheit mit durativer Aktionsart ausdrückt.

Für den Aorist war im Indoeuropäischen der sog. Augment charakteristisch: *-h1e, der die Position vor der Wurzel einnahm. Dieser Augment war ursprünglich wohl ein selbstständiges Wort, ein Adverb mit der Bedeutung „früher, damals”.

Der Aorist wies im Ide. drei Tempusstämme auf. Es sind: der s-Aorist, der thematische Aorist und der Wurzelaorist, wobei die letzten zwei für die Tempusformen des Germanischen von Bedeutung sind, vgl. unten.

Der Aorist kennzeichnete sich neben dem Augment auch durch die sog. sekundären Endungen, vgl. 5.1.1.5.

In den germanischen Sprachen entwickelte sich der Aorist zu einem selbstständigen Tempus nicht. Einige seiner Elemente verschmolzen mit dem Perfekt und wurden zum Vergangenheitstempus der sog. starken Verben, vgl. 5.1.2.2. In den slawischen Sprachen trat dann die umgekehrte Richtung ein - der Aorist wurde zu einem regelmäßigen Tempus, dagegen kam es zur Vermengung des Perfekts mit der Zeitform Präsens in eine Tempusform.

5.1.1.3. Das Perfekt im Indoeuropäischen

Wie schon angedeutet wurde, nahm das Perfekt im Ide. eine Sonderstellung ein. Seine Urform und Urfunktion wird von mehreren Forschern (Erhart, Szemerenyi, Kümmel, Tichy) in dem grammatischen Genus Verbi (Diathese) gesucht, vgl. 5.2.1.3. Die Entwicklung der Flexion des Perfekts als einer „Tempusform“ fängt erst nach dem Zerfall des Ide. an, und das eig. nur in den ostindoeuropäischen Sprachen, z. B. im Griechischen. In den westindoeuropäischen Sprachen stellt das Perfekt kein selbstständiges Tempus dar. Es verschmilzt mit dem Aorist, wobei seine Formen im Falle des Germanischen an den Vergangenheitsformen der starken Verben bis heute sichtbar sind, vgl. 5.1.2.2. (Was das im Ahd. entstandene Perfekt, das mit dem ide. Perfekt nur einige Aspekte gemeinsam hat vgl. 5.1.3.)

Das Perfekt (als Stativ? - vgl. 5.2.1.3.) kennzeichnete ursprünglich…“einen aus einer vergangenen Handlung resultierenden Zustand in der Gegenwart.” (Szemerenyi 1989: 317). Die vorausgegangene Handlung, die zur Erreichung des Zustandes führte, ist also miteinbegriffen. Diese Tatsache wird meist durch die Zustandsänderung veranschaulicht. (Das nhd. Perfekt kann (neben anderen Funktionen) die Handlung in der Vergangenheit bezeichnen, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen, was aus dem Kontext ersichtlich sein muss, z. B: Es hat geschneit = d. h. der Schnee liegt auf der Erde. Er ist eingeschlafen = d. h. er schläft jetzt. Das nhd. Perfekt bezieht sich jedoch ausschließlich auf die Vergangenheit.)

Neben der Bezeichnung des Zustandes konnte das ide. Perfekt nach Szemerenyi solche Handlungen ausdrücken wie - „er schreit, er duftet, er brüllt, er streichelt, er saust”, die als Intensiva oder Iterativa zu verstehen sind, wozu gerade die Form des Perfekts - die Reduplikation (vgl. noch unten) sehr passend gebraucht werden konnte.

Nach der Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus entwickelte sich das Perfekt in den ostindoeuropäischen Sprachen zu einem Vergangenheitstempus. Kümmel vertritt die Meinung, dass es dazu erst nach dem Rücktritt der Diathese Stativ kam - dann wurde nach ihm das Perfekt konsequent ins Aktiv übergeführt, vgl 5.2.1.3. Allmählich verblasste auch die Beschränkung des erreichten Zustandes auf das Subjekt. Im Altgriechischen wurde das Perfekt zum Tempus Präteritum (= narratives Tempus). Dieses alte Perfektum geht im Griechischen später verloren und wird durch neue Formen ersetzt.

In den westindoeuropäischen Sprachen kam es zur Bildung neuer Vergangenheitstempora, die mit anderen grammatischen Mitteln gebildet wurden als das ide. Perfekt, es geht z. B. um das -vi- Perfekt im Lateinischen (z. B. laudavi „ich habe gelobt“) oder das Präteritum im Germanischen. (Das nhd. Präteritum wird allgemein als Tempus der Erzählung wahrgenommen, was mit der Funktion des ide. Perfekts als Tempus Präteritum in den alten ostindoeuropäischen Sprachen übereinstimmt.) Eine der Ursachen für die Entstehung des germanischen Präteritums oder des neuen lateinischen Perfekts sieht Szemerenyi in der „Abnutzung der Perfektformen”, also in der ursprünglichen großen Variabilität der Bedeutungsmöglichkeiten des alten ide. Perfekts.

Für die Formen des Perfekts waren folgende Merkmale charakteristisch: die spezifischen Endungen, die Reduplikation und wenn möglich die Abtönung und Abstufung, also der Ablaut. Die Kumulation aller Mittel war aber nur sehr selten, z. B. kam sie im Griechischen oder bei einigen Verben im Gotischen vor. In den meisten Fällen wurde das Perfekt durch Verwendung von nur einigen diesen Mitteln ausgedrückt.

Die Reduplikation (=die Doppelung) hatte ursprünglich (in der Zeit vor der Entstehung der „reinen” Tempusformen) semantisch die Nuance der Wiederholung (es betrifft nicht nur die verbalen Formen) Die die Reduplikation enthaltenden Formen sollten die iterative Aktionsart andeuten. Darum konnte die Reduplikation auch bei den Präsensbildungen stehen, vgl. 5.1.1. Auch die alten Funktionen des Perfekts, die Intensiva oder den Resultatszustand auszudrücken, sind mit der Reduplikation sehr gut vereinbar. „Reduplizierte Bildungen bezeichnen, wenn man der Reduplikation ikonischen Wert zuschreibt, in ihrer etymologischen Ausgangsbedeutung den iterativen Verlauf der Handlung. Im Zuge der Grammatikalisierung ist, wie auch bei anderen reduplizierten Bildungen, die iterative Funktion verloren gegangen.” (Tichy 1999: 84)

Im Zusammenhang mit der Entstehung der grammatischen Kategorie des Tempus wurde die Reduplikation zu einem rein grammatischen Mittel.

Die geläufigste ide. Reduplikation besteht darin, dass vor die Wurzel der erste Konsonant + e tritt - das betrifft die konsonantisch anlautenden Verben, z. B: lat. canō – „singe”: ce-cinī -„ich habe gesungen”; got. haita - „heiße“: haī-hait - „ich habe geheißen”. Die vokalisch anlautenden Verben reduplizierten mit einfachem e-, das mit dem Wurzelvokal zu einer Länge kontrahiert wurde, z. B. lat. ēdī (zu edō - „essen”). Die Reduplikation kommt auch im Germanischen vor. Die einzelnen germanischen Sprachen gebrauchen sie jedoch mit unterschiedlicher Intensität, z. B. ist sie häufig im Gotischen, dagegen erscheint sie sie im Althochdeutschen nicht mehr. Eine Ausnahme stellt wahrscheinlich nur Ind. Prät. des starken Verbs tun dar - 1. P. Sg. Prät. - tëta, 1. P. Pl. Prät. – tātum, worin man aber nur eine Art „Archaismus“ sehen muss, es handelt sich auf keinen Fall um eine erst im Ahd. neu gebildete Reduplikationsform.

Die Bedeutung des ide. Perfekts und der Aspekt der miteinbegriffenen Handlung in der Vergangenheit (vgl. oben), die zu dem Zustand führte, bewirkte in einigen ide. Sprachen (z. B. im Germanischen, Lateinischen und Griechischen) die Entstehung der sog. Präteritopräsentia. Der Form (=die Reduplikation, die Endungen, der Ablaut) und der Funktion nach gehen sie auf das ide. Perfekt (Stativ) zurück - nicht jedoch ausschließlich - was z. B. das Germanische betrifft, nimmt auch der Aorist an der Bildung der Präsensformen der Prät.-Präs. teil (sie entsprechen den präteritalen Formen der starken Verben), vgl. 6.4. Die Präteritopräsentia erhielten dann (nach der Entstehung der Kategorie des Tempus) die Präsensbedeutung. Die Vergangenheitsformen wurden neu gebildet (im Germanischen nach dem Vorbild der schwachen Verben, vgl. 6.2.2.)

Die Perfekta mit Präsensbedeutung kommen v. a. im Griechischen sehr häufig vor, im Lateinischen (als Perfektum Präsens) gibt es nur noch wenige, z. B: ōdi - „ich hasse”; memini - „ich erinnere mich”. Im Deutschen bleiben 6 Prät.-Präs. erhalten (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wissen) erhalten, wobei ihre ursprüngliche Verwandtschaft mit dem Perfekt bis heute daran zu erkennen ist, dass die 1. und 3. Person Sg. endungslos sind (ich weiß, er kann, er mag, ich darf, ich muss, er soll).
5.1.1.4. Das Futur im Indoeuropäischen

Seine Existenz bereits im Indoeuropäischen ist nicht eindeutitig zu beweisen, denn auch nicht alle späteren ide. Sprachen verfügen über die betreffenden Formen für die Zukunft. (Dagegen ist die Struktur der Vergangenheitstempora bereits im Ide., und v. a. dann in den meisten ide. Sprachen reich entwickelt.) Einige Formen des Futurs stellen ganz bestimmt spätere Neuerungen dar. Szemerenyi macht aber auf die Formen des griechischen Futurs, des lateinischen Typus faxō, des altirischen Futurs mit -s, z. B: seiss - „wird sitzen” aus *sed - s - ti und des arischen Futurs mit dem Suffix -sy- aufmerksam. Diese Sprachen bilden das Futur auf sehr ähnliche Weise, daher lässt Szemerenyi die Existenz einer ide. „Musterform“ zu. (Von der möglichen Verwendung des Konjunktivs an Stelle des Futurs vgl. 5.4.1.5.)



5.1.1.5. Die Endungen im Indoeuropäischen. Die primären, sekundären Endungen, die Endungen des Perfekts.)

Im Indoeuropäischen wurde zwischen den primären (aktuellen) und sekundären (nichtaktuellen) Endungen unterschieden. Neben ihnen standen noch die Endungen des ide. Perfekts, die sich durch ganz unterschiedliche Formen kennzeichneten. Im Präsens-Aorist-System wurden die primären und sekundären Endungen gebraucht, wobei diese Differenzierung auch im Germanischen beibehalten wird. Erhart betont die Tatsache, dass der Unterschied zwischen ihnen im Germanischen besser erhalten ist als z. B. im Lateinischen.



Die primären Endungen:

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