Die Verben


Sg. *ide. *germ. ahd. Pl. *ide. *germ



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Sg. *ide. *germ. ahd. Pl. *ide. *germ. ahd.

1. -mi -m > n -m, -u 1. -mes -m > n -ēs

2. -si -s -is(t) 2. -te -t -et

3. -ti -t -it 3. -nti -nt -ant

Die primären Endungen standen im Ide. im Indikativ Präsens. (Dasselbe betrifft auch das Althochdeutsche - mit der Ausnahme der 1. P. Sg. der thematischen Verben, die auf -u- ausgeht, z. B. ahd. nimu „ich nehme“. Dieses -u- geht auf den ide. Themavokal *-o zurück, der gedehnt wurde. Im Ahd. wird er zu -u < mhd. e. Die athematischen Verben behalten dagegen die primäre Endung, z. B. ahd. ich tuom > tuon. Später kommt es zu dem Ausgleich der Formen nach dem Vorbild der thematischen Verben, vgl. 6. 6. Die germanische Endung der 2. P. Sg. wird im Spätahd. und v. a. im Mhd. um den Konsonanten -t ergänzt, das auf das Personalpronomen du/tu zurückgeht, das in dieser Zeit oft in der enklitischen Stellung (also erst hinter dem Verb) steht und wird allmählich als Bestandteil des Verbs empfunden: ahd. nimis du > nimis-tu > nimist > mhd. nim(e)st.)

Die sekundären Endungen

Sg. *ide. *germ. ahd. Pl. *ide. *germ. ahd.

1. -m - - 1. -me(n) -m > -n -n

2. -s (-s) -st 2. -te -t -t

3. -t - - 3. -nt -n -n

Im Ide. standen die sekundären Endungen im Indikativ Aorist, im Germanischen dann im Konjunktiv Präsens, im Konjunktiv Präteritum der starken Verben, im Präteritum der schwachen Verben und im Plural Präteritum der starken Verben (im Sg. Prät. stehen die Endungen des Perfekts, die 2. Sg. Prät. geht auf die Aoristform zurück).

Ganz anscheinend ist die Tatsache, dass die Differenzierung zwischen den primären und sekundären Endungen im Vokal -i liegt. Szemerenyi versteht diesen Vokal als Element, mit dem die Zeitform der Gegenwart betont werden sollte. Damit wird nach Erhart das Merkmal „aktuell” in die Sprache eingeführt, was das Aufhören der Vorherrschaft der Aktionsarten über dem Tempus zur Folge hatte. Mit den neuen Endungen kommt es zur Ausformung der grammatischen Kategorie des Tempus. Die Form der Endungen (ihre auffallende Ähnlichkeit) unterstützt nach Szemerenyi die Theorie, dass die Zeitformen der Gegenwart und Vergangenheit ursprünglich eins waren und erst später kommt es zu ihrer Scheidung. Es wurde bewiesen, dass die primären Endungen von den sekundären abgeleitet worden sind. Aus dem chronologischen Gesichtspunkt muss man also die sekundären Endungen als die primären und zunächst auch als die einzigen betrachten, mit denen bloß die unmarkierte Zeitform, das Geschehen allgemein, bezeichnet wurde. Die i- losen Formen waren also zeitlos, ohne Rücksicht auf Tempus und Modus. Szemerenyi bezeichnet sie daher als „primitive Endungen” (Szemerenyi 1989: 357). Durch die Agglutinierung des aktualisierenden Elementes -i an die alten Endungen enstanden die primären Endungen (-mi, -si usw.). Die ursprüngliche Variante der Endungen wurde dem markierten Tempus der Vergangenheit zugewiesen. (Eine Parallele zu dieser Entwicklung ist bei der Entstehung der grammatischen Kategorie des Numerus bei den Substantiven zu betrachten, vgl. 3.1.3.)

Es ist ziemlich interessant, dass die Endungen (bzw. die Konsonanten der Endungen) in der deutschen Sprache (mit kleinen Veränderungen) bis heute erhalten bleiben, auch wenn die Aufgabe, die einzelnen Personen zu bezeichnen, an den obligatorisch bei den Verben stehenden Personalpronomina liegt. Ihre Rolle nahm im Zusammenhang mit der althochdeutschen und mittelhochdeutschen Schwächung der Endsilbenvokale zu -e stark zu. Im Englischen treten die Personalpronomina auch verpflichtend bei den Verben ein, was in dieser Sprache zur Abschaffung der Endungen führte ( mit der Ausnahme der 3. P. Sg. Präs., die die Endung -s aufweist). Im Deutschen bleiben dagegen die Endungen erhalten, „…und zwar aus historischen, nicht aus grammatischen Gründen: ein Zeichen des Prestiges der östlichen und südöstlichen deutschsprachigen Gebiete in der Zeit, als Grammatiker und Drucker auf eine Standartdsprache hinarbeiteten”. (Wells 1990: 183).
Die Endungen des Perfekts im Indoeuropäischen

Das indoeuropäische Perfektum stellt eine spezifische Zeitform dar, wie auch die Form der Endungen beweist. (Mehr dazu vgl. 5.1.1.3.)

*ide. *ide.

Sg. 1. -h2a Pl. 1. -me/-mē

2. -th2a 2. -e?

3. -e 3. -r / -o
5.1.2. Die Tempusformen im Germanischen mit besonderem Hinblick auf das Althochdeutsche

Im Germanischen ist die ursprüngliche Verbindung von Aktionsart und temporaler Aussage aufgelöst. Der verbale Aspekt tritt stark zurück. Die Perfektivität kann nur unsystematisch ausgedrückt werden, z. B. mittels des Präverbs ahd. gi-, vgl. 5.1. Die betreffende Stammbildung bezeichnet das Tempus im eigentlichen Sinn. (Die meisten Verbalstämme bezeichnen etwas Andauerndes, Duratives, andere können die perfektive Aktionsart ausdrücken. Was die Kategorie der Aktionsart und den Gebrauch der Präfixe für die Bildung der Aktionsarten, besonders des Präfixes ge- betrifft vgl. 5.1.

Was die einzelnen Tempora anbelangt, kommen im Germanischen zwei Grundformen vor, die an ihre ide. „Ahnen” anknüpfen - das Präsens und das Präteritum. Die weiteren Tempora - Perfekt, Futur, Plusquamperfekt werden in der weiteren Entwicklung durch neue umschreibende Formen gebildet.
5.1.2.1. Das Präsens

Diese Zeitstufe charakterisiert …“die Handlung, die sich in der Gegenwart vollzieht.” (Kienle1960: 236). Sie behält auch im Germanischen ihre Unmarkiertheit und kann sich (im bestimmten Kontext) sowohl auf die Zukunft, als auch auf die Vergangenheit beziehen.

Bis heute kann mit dem Präsens das Futur ausgedrückt werden. Im Ahd. wird eine Umschreibung des Futurs nur sehr wenig gebraucht. Es werden dazu die Hilfsverben sculan „sollen” oder wellen „wollen” verwendet.

Der Gebrauch des Präsens als einer Vergangenheitsform (= das historische Präsens) ist im Gotischen, Althochdeutschen, Altenglischen nur in Einzelfällen belegt. Auf die andere Seite macht Hirt darauf aufmerksam, dass das historische Präsens sehr häufig im Altisländischen gebraucht wurde. Darum vertritt er die Meinung, dass die Germanen diese Form kannten und gebrauchten.

Was die Bildung des Präsensstammes anbelangt, gibt das Germanische die meisten ide. Präsensbildungen auf (es bleiben einige Reste von ihnen erhalten, die man in einigen Fällen heute als Unregelmäßigkeiten betrachtet, vgl. die Wurzelverben). Es hängt mit der Hauptfunktion der germanischen Verben zusammen, „bloß“ die betreffende Zeitstufe zu bezeichnen, nicht mehr also die Aktionsarten.
5.1.2.2. Das Präteritum

Das Präteritum stellt im Germanischen das allgemeine Tempus der Vergangenheit dar. Es wird zur …“Charakterisierung der als vergangen zurückliegenden Handlung gebildet.” (Kienle1960: 236).

Die Relationen des deutschen Perfekts, das der Funktion nach z. B. dem griechischen Perfekt (nicht dem ide. Perfekt!) entspricht (vgl. 5.1.1.3.), kann im Germanischen auch durch das einfache Präteritum wiedergegegeben werden. Dasselbe betrifft auch das Plusquamperfekt. Daneben entwickeln sich bereits in den ältesten Phasen der germanischen Einzelsprachen auch die analytischen Formen, mit denen das Perfekt und Plusquamperfekt ausgedrückt werden können. (Die analytischen Formen entwickeln sich im Zusammenhang mit dem Zerfall des ide. Endungssystems, wozu im Germanischen die Verschiebung des Akzentes und die sich daraus ergebende Schwächung der Endsilbenvokale beigetragen haben.)

Bei der Beschreibung des Präteritums muss gründlich zwischen dem Prätateritum der starken Verben, der schwachen Verben und der Präterito – Präsentia unterschieden werden, denn sie weisen unterschiedliche Formen auf. Das ergibt sich aus der unterschiedlichen Art der Entstehung der einzelnen Gruppen der Verben. (Es wird in einem anderen Kapitel behandelt.)



Das Präteritum der starken Verben

Das Präteritum der starken Verben, das z. B. dem lateinischen Imperfekt entspricht, entsteht auf Grund des Synkretismus zweier ide. Tempusformen, u. z. des Perfekts und des thematischen Aorists. Wie schon angedeutet wurde, kennzeichnete sich das ide. Perfekt durch die Reduplikation, besondere Endungen und wenn möglich die Abtönung und Abstufung der Wurzelsilbe, der Aorist dann durch die Schwundstufe der Wurzelsilbe und durch das Augment. Der Synkretismus erklärt die Existenz zweier Stufen des Ablautes im Germanischen. Die eine Stufe stellt die abgetönte Stufe des Singulars, die andere dann die Schwund (bzw. die Reduktionsstufe) - oder Dehnstufe im Plural dar. Die Ursache des Synkretismus sucht Hirt in der Entwicklung im Indoeuropäischen. Das Perfekt, das im Indoeuorpäischen mehrere Funktionen füllte, entwickelte sich in einigen Sprachen zu einem Vergangenheitstempus. Seine Formen wurden daher nicht mehr von denen des Aorists, mit dem vorwiegend die Vergangenheit ausgedrückt wurde, unterschieden. Diese Tatsache konnte im Germanischen zu dem Zusammenfall beider Formen beitragen. Die Bedeutung des Ablautes bei der Bildung des Präteritums und die Gliederung der starken Präterita in die einzelnen Ablautsreihen wird in 6.2.2.2.2.-3 beschrieben.

(Während der weiteren Entwicklung des Deutschen kommt es dann auf Grund des Systemzwanges zur Vereinfachung der Formen und zu dem analogischen Ausgleich des Ablautes zwischen dem Singular und Plural Präteritum. Daher sind im Nhd. die ursprünglichen Unterschiede zwischen Sg. und Pl. nicht mehr zu erkennen. Der einzige Beleg der damaligen Verhältnisse stellt wahrscheinlich das Verb „werden” dar, das den zweistufigen Ablaut zwischen Sg. und Pl. Prät. bis zum älteren Nhd. behalten hat, bis er zugunsten des Plurals ausgeglichen wurde: ich ward (heute nur ich wurde, die Form ich ward kommt nur noch selten vor, z. B. in der Belletristik) - wir wurden (ahd. ward – wurtum, wobei sich der Wechsel -t- und -d- aus dem grammatischen Wechsel ergibt). Die nhd. Form „wurde” kennzeichnet sich noch durch ein spezifisches Merkmal - u. z. durch das in der Endung der 1. 3. P. Sg. Prät. der starken Verben „nichtgrammatische“ -e, vgl. ich wurde - ich nahm, ich schrieb usw. Dieses -e spiegelt bis heute die mhd. Gewohnheit wider – das Suffix –e wurde an das Präteritum der starken Verben angehängt, durch Übertragung von schwachen Verben. Es betrifft auch andere starke Verben, bis heute bleibt allerdings diese Form nur in „wurde” erhalten.)

Der Synkretismus beider Tempusformen betrifft im Germanischen auch die Personalendungen. Die Endungen der 1. 3. P. Sg. gehen auf die Endungen des ide. Perfekts zurück, es sind: 1. P. Sg. *-h2 a, 3. P. Sg. *-e. Beide kurzen Vokale fallen lautgesetzlich im Germanischen weg, darum bleiben die neu entstandenen Formen endungslos. Die ide. Perfektsendung der 2. P. Sg. *-th2 a (-t im Germ.) wird im Westgerm. (also auch im Ahd.) durch die Aoristsform ersetzt. Die -i Endung der 2. P. Sg. entspricht der sekundären Endung des thematischen Aorists. Im Gotischen (= ostgerm. Sprache) bleibt dagegen die Perfektendung in der 2. P. Sg. erhalten. (Im Ahd. kommt sie zunächst nur bei den Präterito-Präsentia vor.) Was die Endungen im Plural betrifft, entspricht die Endung der 3. P. Pl. ahd. got. -un dem thematischen Aorist. Die Endungen der germ. 2. P. Pl. - ahd. -ut, got. -uþ entwickeln sich wohl auf Grund der Analogie, denn sie entsprechen weder dem Perfekt, noch dem Aorist. Die germ. Endung der 1. P. Pl. -um kann auf die des ide. Perfekts zurückgehen (ide. *-me/-mē.). Es ist jedoch nicht eindeutig erklärt.



Beispiel der Flexion:

*ide. got. ahd. ahd.

Sg. 1. -h2 a halp half kan

2. -th2 a halpt hulfi1 kanst2

3. -e halp half kan

Pl. 1. -me/-mē hulpum hulfum kunnun

2. -e? hulpuþ hulfut kunnut

3. -r / -o hulpun hulfun kunnun

Ad 1: Die ahd. 2. P. Sg. geht auf den Aorist zurück.

Ad 2: Die t-Endung des Perfekts tritt im Sg. Präs. der Präterito –Präsentia ein, deren Endungen im Sg. völlig den ide. Perfektendungen entsprechen - im Unterschied zu dem Prät. der starken Verben.)


Das Präteritum der schwachen Verben

Die schwachen Präterita bilden die Vergangenheitsformen durch das Anhängen eines Dentalsuffixes an den Stamm. Die Entstehung dieser Bildungsweise wurde noch nicht mit Sicherheit erklärt. Es gibt sehr viele Theorien hinsichtlich des Ursprungs des Dentalsuffixes. Die am häufigsten vertretene Hypothese, die bereits von J. Grimm, Fr. Bopp oder später auch von Hirt vetreten wurde, leitet das Dentalsuffix vor dem augmentlosen athematischen Wurzelaorist der Wurzel *dhē-/dhō – „tun, machen” ab. Seine Form ist v. a. an den Formen des Gotischen zu betrachten, die im Plural sogar die Reduplikation bewahren.

Beispiel der Flexion:

got. ahd. ae.

Sg. 1. lagida legita legde

2. lagidēs legitōs legdes

3. lagida legita legde


Pl. 1. lagidēdum legitōm legdun

2. lagidēduþ legitōt legdun

3. lagidēdun legitōn legdun
Die Wurzel *dhē- wird also nach dieser Theorie als „Hilfsverb” gebraucht, wozu es auch in anderen Sprachen kommt, in einigen Fällen mit anderen Hilfsverben, so z. B: lat. ferē - bam (entsteht aus - bhwām, abgeleitet von der Wurzel *bheu - „sein”); lit. pene - davau (entsteht aus der Wurzel *dou- „machen”).

Erhart macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass ähnliche Verbindungskonsonanten in mehreren ide. Sprachen zu finden sind. Es können unterschiedliche Konsonanten sein, wobei gerade d/dh eine besondere Stellung einnimmt. Er kommt in mehreren ide. Sprachen vor, z. B. im Baltischen, Germanischen, in den keltischen Sprachen oder im Lateinischen.

Auch nach Seebold kann nicht die Tatsache bestritten werden, dass sich die schwachen Präterita und das Präteritum von - während der Entwicklung auf bestimmte Weise beeinflusst haben. Es bleibt nur die Frage, ob das Präteritum der schwachen Verben wirklich nur auf das Präteritum von dō- zurückgeht.

Daneben entstehen auch andere Hypothesen seitens des Ursprungs dieser Flexion. Z. B. die von Behaghel, der das Dentalsuffix aus der 2. P. Sg. des altindischen Aorists Medii, (auf seine Form geht der griechische passivische Aorist zurück) auf -thēs hergeleitet hat. Die 2. P. Sg. sollte dann den Ausgangspunkt für das ganze Paradigma darstellen. Die aind. Endung -thēs ist direkt aus dem ide. *-thēs entstanden.

Prokosch führt noch die Hypothese von Brugmann an: das schwache Präteritum tritt ein als…“Umbildung eines vorgermanischen themavokalischen Präteritums auf *-to-m - te-s -te-t. Dieses gehörte zu der Klasse der aus uridg. Zeiten stammenden mit -to- gebildeten Präsentia, deren Formans dasselbe ist wie das der adjektivischen und substantivischen Nomina auf -to- (-tā-).” (Prokosch 1939: 197).
Nach dem Vorbild des Prät. der schwachen Verben wird das Präteritum der Präteritopräsentia gebildet, vgl. 6.4.
5.1.3. Die Tempora im Althochdeutschen

Die Haupttempora stellen auch weiterhin die synthetisch gebildeten Tempora Präsens und Präteritum dar. Das Präsens vertritt meistens auch das Futur, das Präteritum kann für alle Vergangenheitstempora gebraucht werden – also auch für das Perfekt und Plusquamperfekt. Die das Perf. und Plusq. ausdrückenden analytischen Formen werden in dieser Zeit noch nicht viel ausgenützt. Im Zusammenhang mit den synthetischen Tempusformen ist noch auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass man mit ihnen nur die absolute Zeit, also die Zeit in der Beziehung zu dem Moment der Sprechzeit, ausdrücken konnte (und bis heute kann). Im Nhd. wird diese Form nur in einfachen Hauptsätzen verwendet, die gewählte Tempusform ist nur von dem Sprecher abhängig. Die relative Zeit, die sich aus der temporalen Abhängigkeit mehrerer Sachverhalte ergibt, die in bestimmten Beziehungen stehen und die die Zeitform bestimmen (Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit), kann erst mittels der analytischen Formen ausgedrückt werden. Beispiele: absolut: Wir arbeiteten im Garten. Wir frühstückten gut - relativ: Wir arbeiteten im Garten, nachdem wir gut gefrühstückt hatten. In der Zeit vor der Entstehung dieser analytischen Formen konnten die Relationen der Vorzeitigkeit nur aus dem Kontext erschlossen werden.



Das ahd. Präsens drückt die Gegenwart aus, die allgemein gültigen Aussagen und steht auch für das Futur. Die letzte Funktion wird nach Masařík dadurch ermöglicht, dass einige der perfektiven Verben die futurische Bedeutung bereits in sich verbirgen, z. B. bringan, quëman „kommen“, z. B: Quëment noh thio zīti - „Es werden noch die Zeiten kommen”. An die imperfektiven Verben wird im Ahd. oft das Präfix ge- angehängt:…inti thiu quena Elisabeth gebirit thir sun …“wird einen Sohn gebären…” (= perfektive Variante des ahd. Verbs bëran „tragen“, vgl. 5.1.)

Das historische Präsens ist im Ahd. nur in wenigen Fällen belegt, Masařík führt z. B. einen Beispiel aus dem Ludwigslied an: Gode lob sagēda, Her sihit thes hēr gerēda - „Er sagte GottLob, damit dieser sieht, was er wünschte.”



Das Präteritum gilt im Ahd. als allgemeiner Tempus der Vergangenheit, es werden mit ihm auch diejenigen Handlungen bezeichnet, die in der Beziehung zu der Gegenwart stehen, was im Nhd. nur durch das Perfekt ausgedrückt werden kann. (Diese Rolle des Perfekts kann im Nhd. nicht mehr vom Präteritum übernommen werden, z. B: Es hat geschneit (= d. h.: der Schnee liegt auf der Erde). Peter ist (vor einigen Stunden) eingeschlafen (= d. h.: er schläft jetzt). Das Ergebnis des vollendeten Geschehens reicht also in die Gegenwart des Sprechers hinein. Das Perfekt ist dann präsentisch umzuschreiben. Dagegen kann das nhd. Perfekt ein einfaches vergangenes Geschehen ausdrücken und das Präteritum in dieser Rolle ersetzen.)

5.1.3.1. Die Entstehung der analytischen Formen

Das Futur

Das Futur kann im Ahd. durch Umschreibungen mit modalen Verben sculan, wellen, mugan, muoµen ausgedrückt werden, die in der Verbindung mit den Vollverben im Infinitiv die futurische Bedeutung aufweisen. Es hängt damit zusammen, dass die Zukunft in sich oft die Nuance der Unsicherheit verbirgt, die gerade mittels der modalen Verben ausgedrückt werden kann. Nach Paul hängt es immer vom Einzelfall ab, wie stark die modale oder temporale Bedeutung in den Umschreibungen mit den modalen Verben ist.

Die im Nhd. verwendete Konstruktion werden + Infinitiv kommt im Ahd. und Mhd. noch nicht vor oder nur sehr selten vor. Sie beginnt sich, erst seit dem 14. Jhd. durchzusetzen, vgl. 5.1.5.

Das Verb ahd. wërdan > mhd. wërden wird nach Masařík im Ahd. Mhd. wegen seinem inchoativen Charakter für den Ausdruck des Eintretens einer Handlung, sowohl in der Zukunft, als auch in der Vergangenheit gebraucht. (Die „Präsensform“ von werden schließt eigentlich die reine Gegenwart aus.) In diesen Fällen wird werden (oder auch sīn „sein“) in Verbindung mit dem Partizip Präsens verwendet, z. B.: Inti nu wirdist thu swīgenti inti ni maht sprehhan. - „Und jetzt wirst du stumm werden und nicht sprechen können.”; Tho ward mund sīner sār sprechantīr. - „Und sobald er begann zu sprechen, eigentl. sobald wurde sien Mund sprechend.” (Was den Faktor der Modalität bei werden betrifft, vgl. 5.1.5.)



Das Perfekt (heute auch als Präsensperfekt bezeichnet)

Die Umschreibungen mit habēn, eigēn („haben”), wësan + Partizip Präteritum treten bereits in den ältesten Quellen auf. Sie drücken die abgeschlossene (perfektive, resultative) Handlung aus.

Die Konstruktion entsteht nach Masařík auf Grund der Verbindung eines Hilfsverbs mit dem Partizip Präteritum. (Das Partizip stellt seiner Herkunft nach das Adjektiv, vgl…..) Zunächst bezog sich nur auf das im Satz anwesende Objekt, also nicht auf das Verb. Das Partizip trat also als ein selbstständiges Satzglied ein und stimmte im Falle der transitiven Verben mit dem Objekt überein, z. B: ih habēn ir funtan - „Ich habe es als etwas Gefundenes.” Diese Konstruktion konnte daher zunächst nur in Sätzen mit transitiven Verben verwendet werden, in denen das Objekt anwesend war. Die weitere Entwicklung führte dazu, dass habēn auch bei denjenigen transitiven Verben stand, bei denen es kein Objekt gab, z. B: laz iz sus thuruh gān, so wir eigun gisprochan - „Lass es auf diese Weise geschehen, wie wir jetzt gesprochen haben, urspr. wie wir es jetzt als Besprochenes haben.” Diese Konstruktion wird zuletzt auch auf die Sätze mit intransitiven Verben übertragen. Das Partizip Präteritum wurde also zum Bestandteil der Verbmorphologie und verlor seine ursprüngliche Selbstständigkeit.

Das Perfekt mit dem Hilfsverb sīn entwickelte sich aus dem kopulativ-nominalen Prädikat der intransitiven Verben, z. B: Arstorbana sint thie thar suohtun thes knehtes sēla „Verstorben sind diejenigen, die nach Seele des Knaben trachteten.”


Das Plusquamperfekt (lat. „mehr als vergangen“, heute auch als Präteritumperfekt bezeichnet) entwickelt sich aus der selbstständigen Verwendung des Partizips, es nützt seine ursprüngliche Bedeutung und Form eines Adjektivs aus, z. B: was funtan – die Konstruktion drückt zunächst aus : er war ein Gefundener (Perfekt: er ist funtan - „er ist ein Gefundener” ).

5.1.4. Die Tempora im Mittelhochdeutschen

Im Mhd. kommt es zu keinen wesentlichen Veränderungen gegenüber dem Ahd. Die wichtigsten Tempora stellen auch in dieser Periode das Präsens und das Präteritum dar. Das Futur kann durch Umschreibungen mit soln, müeµµen oder weln gebildet werden. Die Umschreibung mit wërden + Part. Präs. bezeichnet wie im Ahd. den Eintritt einer Handlung oder Zustandes.



Das Präteritum kann für alle Zeitformen der Vergangenheit stehen. Das Perfekt und das Plusquamperfekt können auch durch Umschreibungen gebildet werden - mittels sîn und haben, bzw. was und hâte, z. B: ich bin - ich was gevarn; ich hân - hâte gelësen. Die transitiven Verben gebrauchen hân, die intransitiven bei Orts- und Zustandsveränderungen meistens sîn. Diese Verwendungsweise ist jedoch auf keinen Fall regelmäßig verteilt. Mit hân und sîn können nach Paul auch andere Kategorien bezeichnet werden, u. z. die perfektive (sîn) und imperfektive (hân) Aktionsart, z. B: ich hân getanzt - unbestimmte Dauer; ich bin getanzt - eig. „ich habe getanzt und bin jetzt fertig damit”; ich hân gesëµµen - „ich habe (auf unbestimmte Zeit) gesessen”: ich bin gesëµµen - „ich bin zu sitzen gekommen, ich habe mich hingesetzt” (also resultativ).

Die Distribution der Verwendung der Tempora Präteritum - Perfekt beginnt sich, während des Mhd. zu entwickeln. Das Perfekt tritt meistens in Dialogen ein, das Präteritum wird allmählich zum Erzähltempus. Die Tempora werden neu auch relativ gebraucht (die Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit). Das Perfekt drückt in Verbindung mit dem Präsens diejenige Handlung aus, deren Folgen in die Gegenwart hineinreichen.


5.1.5. Die Tempora im Frühneuhochdeutschen und im Neuhochdeutschen

In dieser Zeit kommt es bereits zur Stabilisierung der analytischen Vergangenheitsformen. Seit etwa 1300 sinkt rasch die Zahl der synthetischen Formen. Hartweg führt an, dass der Anteil des synthetisch gebildeten Präteritums um etwa 1530 weniger als 50% beträgt. Der Schwund wird v. a. aus der gesprochenen Sprache übertragen. In der Schriftlichkeit bleibt das Präteritum erhalten und wird regelmäßig gebraucht, in Norddeutschland sogar über seinen eigentlichen Bereich. Die analytischen Bildungen nehmen jedoch in den meisten deutschen Dialekten wesentlich zu. Die Tendenz, v. a. das Perfekt und das auch als Tempus der Erzählung zu verwenden (in der Standardssprache wird in dieser Funktion konsequent das Präteritum bevorzugt), kommt v. a. in Süddeutschland vor, wo das Präteritum fast völlig verdrängt wurde. Diese Erscheinung bleibt in den oberdeutschen Mundarten bis heute erhalten. Hartweg spricht von der sog. Präteritallinie, wobei man südlich davon nur das Perfekt gebraucht. Die Schwundgrenze nach Norden hin verläuft nach ihm etwa von Trier über Frankfurt auf die Südostgrenze Schlesiens zu. Im Duden wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Schwund nicht nur das Präteritum, sondern auch das Plusqamperfekt betrifft, was in Süddeutschland zur Bildung einer neuen Form für die Vorvergangenheit führte. Beispiele: Ich habe es ganz vergessen gehabt (statt: ich hatte es vergessen). Ich bin eingeschlafen gewesen (statt: ich war eingeschlafen). Im Jung wird noch die Tatsache erwähnt, dass die unterschiedliche Verwendung der Tempora in Nord- und Süddeutschland den falschen Gebrauch des Plusquamperfekts in der Umgangssprache Mitteldeutschlands bewirkt hat: Ich bin beim Bäcker gewesen (südd.). Ich war beim Bäcker (nordd.). Ich war beim Bäcker gewesen (mitteld.). Der Form nach wird das mitteld. Plusquamperfekt richtig gebildet, wird aber nicht passend (als Präteritum) gebraucht. (Eigentlich könnte man in dieser mitteld. Form das „Präteritum” sehen, das aber als Ergebnis der Vermengung der bevorzugten Zeitform Norddeutschlands einerseits und Süddeutschlands andererseits entstanden ist.)

Die Gründe des Erfolges des analytisch gebildeten Perfekts ist noch nicht völlig erklärt. Eine der Ursachen sieht Hartweg in der Tendenz zu der Rahmenbildung, die gerade durch die Periphrase ermöglicht ist. Zu der Bevorzugung der analytischen Formen konnte auch die durch die Lautentwicklung (u. a. auch die Apokope des auslautenden -e) bewirkte Ähnlichkeit der Formen des Präteritums mit denen des Konjunktivs beitragen.

Die periphrastische Futurform - werden + Infinitiv beginnt sich, seit dem 14. Jhd. immer mehr durchzusetzen und wird während der Entwicklung allmählich nur auf die Zukunftsformen beschränkt. Aber noch Luther nützt den inchoativen Charakter des Verbs werden auch für den Ausdruck des Eintretens einer Handlung in der Vergangenheit aus, z. B: Moses aber ward zittern. Im Nhd. kann diese Relation nur mittels einer umschreibenden Konstruktion ausgedrückt werden, z. B.: Moses begann zu zittern. Die im Mhd. übliche Form Modalverb + Inf. mit temporaler Bedeutung wird noch im 15. Jhd. vor der Form werden+Inf. bevorzugt. Als Zukunftsform wird sie schließlich im 16./17. Jhd. grammatikalisiert und wird auch immer mehr verwendet als die oben erwähnten Modalverben, deren temporale Bedeutung immer weniger empfunden wurde. Das betrifft v. a. müssen+Inf. Dagegen erscheint die Konstruktion wollen+Inf. in dieser Funktion noch im späten 17. Jhd.

Der Faktor der Modalität ist auch dem Verb werden eigen und wird im Nhd. für den Ausdruck der Vermutung verwendet. Die Präsensform von werden mit Inf. kann die Vermutung bezeichnen: du wirst von der Reise ermüdet sein = eig. du bist vermutlich ermüdet. Werden kann heute dank seinem modalen Unterton auch in der Rolle des sog. Futur II auftreten. In dieser Rolle weist es dreierlei Funktionen auf:

1. Bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der Vergangenheit, der Modalfaktor ist damit obligatorisch verbunden, z. B: er wird (gestern) die Stadt besichtigt haben.

2. Bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der Vergangenheit mit resultativem Charakter, der Modalfaktor ist auch enthalten, z. B: Peter wird (vor einigen Stunden) eingeschlafen = er schläft jetzt.

3. Bezeichnet ein zukünftiges Geschehen, das in bestimmter Perspektive oder Betrachtzeit als abgeschlossen, vollzogen vorzustellen ist, z. B: Morgen wird er die Arbeit beendet haben. Bis Montag wird er das Buch gelesen haben. Die Temporalangabe tritt hier im Unterschied zu den zwei oben erwähnten Varianten obligatorisch ein. Der Faktor der Abgeschlossenheit spielt in dieser Funktion eine wichtige Rolle, und Futur II kann daher in dieser Funktion (aber nur in dieser Funktion) durch das Perfekt ersetzt werden, das an sich die abgeschlossene Handlung ausdrückt. Im Helbig/Buscha wird von dem sog. „Zukunfts-Futur II gesprochen. Die Voraussetzung für die Verwendung des Perfekts stellt die obligatorische Anführung des Modalfaktors dar, die bei dem Futur II nur fakultativ ist. (Eigentlich enthält diese Variante des Futurs II in sich den Modalfaktor auch ohne zusätzliches lexikalisches Element). Beispiele: Morgen hat er die Arbeit vermutlich beendet haben = Zukunfts - Futur II. Morgen wird er die Arbeit (vermutlich) beendet haben - Futur II.


5.2. Die grammatische Kategorie des verbalen Genus (= die Diathese)
Die Genera Verbi sind Verbalsysteme, mit denen das Verhältnis des Subjekts zum Geschehen ausgedrückt wird. Die Verben werden nach ihrer Richtung (die Verhaltensart) im Hinblick auf das Subjekt klassifiziert. (So kann der lateinische Ausdruck Genus als „Handlungsrichtung“ ins Deutsche übersetzt werden.) Das Subjekt kann entweder den Ausgangspunkt oder den Zielpunkt einer Handlung darstellen. Die Genera unterscheiden sich also durch eine verschiedene Perspektivierung des Sachverhaltes. Die grammatische Kategorie des Genus kommt aber nicht in allen Sprachen ein. „Als eine grammatische Kategorie besteht die Diathese nur in denjenigen Sprachen, wo die Richtung einer konkreten Verbalhandlung mit Hilfe von konstanten formalen Mitteln geändert werden kann.” (Erhart 1989: 29) Man muss daher unterscheiden: 1. die Grunddiathese = die lexikalische Eigenschaft des Verbs; 2. die grammatische Diathese = führt die Verhaltensart an, die mit der Grunddiathese ausgedrückt wird, in eine andere über und modifiziert so die lexikalische Bedeutung.

Im Deutschen (und natürlich in vielen anderen Sprachen) unterscheidet man zwei Genera, die in der Opposition zueinander stehen: das Aktiv (lässt das Geschehen als agensorientiert oder agenszugewandt erscheinen, das Agens tritt obligatorisch ein) und das Passiv (lässt das Geschehen als nicht-agensorientiert oder agensabgewandt erscheinen, das Agens muss nicht genannt werden), wobei das Aktiv als normal gilt, das Passiv dann als Ergebnis einer Transformation. Beide Genera können in allen Tempora und allen Modi gebildet werden.



5.2.1. Die Genera Verbi im Indoeuropäischen

Im Ide. war die Opposition Aktiv:Passiv noch nicht entwickelt. Für das Ide. wird die Existenz von Aktiv, Medium und Stativ vorausgesetzt, wobei die selbständige Form des letzteren von einigen Forschern bestritten ist. Die einzelnen Genera werden zunächst nur durch Endungen abgesondert, die Form des Stammes ändert sich nicht. Während der weiteren Entwicklung werden für die Unterscheidung der einzelnen Genera auch Ableitungssuffixe und periphrastische Formen verwendet.


5.2.1.1. Das Aktiv

Das Aktiv bezeichnet eine Handlung des Subjektes allgemein. Die Handlung geht von dem Subjekt nach außen. Diese Diathese gilt als die normale und wird daher mit keinen besonderen Endungen versehen (verwendet werden die primären und sekundären Endungen und die Perfektsendungen).


5.2.1.2. Das Medium

Die Forscher sind sich der Urform und der Urfunktion des ide. Mediums nicht völlig einig. Eine „Komplikation” stellt die in einigen Fällen ziemlich große Überlappung der Bedeutung des Mediums mit der Bedeutung der im Aktiv stehenden Verben dar. Die Grenze zwischen beider Genera ist nicht scharf.

Die meist vertretene Hypothese verkoppelt das Medium eng mit dem Subjekt (Szemerenyi bezeichnet das Medium daher als Subjektivum). Das Medium drückt nach dieser Hypothese aus, dass das Subjekt an der Handlung stark beteiligt oder interessiert ist. Die Handlung spielt sich in der Sphäre des Subjektes ab. Mit dem Medium kann auch die Tatsache angedeutet werden, dass das Subjekt von der eigenen Handlung betroffen ist. Zum Teil kann das Medium mit der Bedeutung einiger deutscher reflexiver Verben verglichen werden (die ddeutschen reflexiven Verben werden aber zu den aktiven Formen gezählt!), nicht jedoch ganz konsequent, denn das Medium tritt auch bei denjenigen Verben ein, die im Dt. nicht reflexivisch gebraucht werden. Im Duden wird darauf aufmerksam gemacht, dass einige der dt. reflexiven Verb(variant)en manchmal unter den Begriff medial einbezogen werden. Damit wird die Tatsache angedeutet, dass…“der Subjektaktant nicht nur als Agens o. dgl., sondern ganz oder teilweise auch in einer nicht agentiven Rolle an dem Geschehen beteiligt ist.“ (Duden 2OO5: 407). Beispiele: sich kämmen, sich hinsetzen, sich bürsten, sich umdrehen, sich bekämpfen, sich beklagen, sich änstigen, sich sehnen, sich interessieren usw. Der Bedeutung des alten Mediums nähert sich auch der Gebrauch einiger Verben in einigen dt. Dialekten, z. B. im Kölschen (=das um die Stadt Köln am Rhein verwendete Dialekt). In diesem Dialekt werden nämlich einige in der Schriftsprache nicht reflexive Verben reflexiv gebraucht, deren Bedeutung dann an das Medium erinnert, z. B: Ich dun m'r jet bedde. (wörtl.: Ich tue mir ein wenig beten.) Ich han m'r e Hämche jejesse. (wörtl.: Ich habe mir ein Eisbein gegessen.)

Im Ide. werden drei Hauptgruppen des Mediums unterschieden:



  1. das reflexive Medium: z. B: vedisches Medium (indirekt-reflexives): yájate „er (der Opferveranstalter) opfert (für sich)“ - dagegen ved. Aktiv yájati „er (der Priester) opfert (für einen anderen)“; griechisches Medium (direkt-reflexives): loúetai „sie wäscht sich, badet” - dagegen gr. Aktiv: loúei „sie wäscht jdn. oder etwas”.

  2. das reziproke Medium = Tätigkeit zweier oder mehrerer Handlungsträger mit gegenseitiger Wirkung: gr. Medium: máchesthai „miteinander kämpfen”; syntíthesthai „einen Vertrag schließen”.

  3. das dynamische Medium: z. B: griechisches Medium politeýomai „ich komme den Verpflichtungen eines Bürgers nach, ich bin öffentlich tätig” - dagegen gr. Aktiv: politeým „ich bin Bürger”.

Neben diesen drei Arten des Mediums führt Tichy noch das sog. patientive Medium an, das die Tätigkeit mit Wirkung auf den Handlungsträger ausdrückt, die von einem anderen Agens ausgeführt wird und ist daher funktional einem Passiv gleichwertig.

Es gibt Verben, die kein Aktiv, nur das Medium bilden können. Sie werden als Media tantum oder auch als Deponentia (z. B. im Lateinischen) bezeichnet werden.

Das Medium tritt von Anfang an nur im Präsens und im Aorist ein. Das Perfekt unterliegt zunächst der Opposition Aktiv: Medium nicht. Die Formen des Mediums bei dem Perfekt scheinen u. a. nach Beekes erst jünger zu sein.

Das Medium unterscheidet sich vom Aktiv nur durch die Endungen. Die Form des Stammes ändert sich bei beiden Genera nicht. Die Unterscheidung der einzelnen Genera durch Ableitungssuffixe und periphrastische Formen entwickelt sich erst sekundär, was nach Erhart mit der ursprünglich sehr engen Beziehung des Genus mit der Kategorie des verbalen Aspektes zusammenhängt. Diese Beziehung hat sich erst im Zusammenhang mit der Entstehung des grammatischen Tempus gelockert, vgl. 5.1.1.

Nach Erhart kommt es nach der Spaltung des Ide. zum Verlust einiger Züge des Mediums (wohl seiner semantischen Kompliziertheit wegen oder zu der Verschiebung dessen Funktion in der Richtung Aktiv, Reflexiv, Passiv oder auch auch Mediopassiv, das u. a. im Gotischen, Lateinischen und Griechischen zu finden ist, vgl. unten. (Im Lateinischen bezeichnen die Formen des Mediopassivs (=die sog. Deponentia) die Handlung im Aktiv, z. B: venor „ich jage“ - vgl. dagegen die „normale“ Form des Ind. Akt. - laudo „ich lobe“ - Ind. Pass. laudor „ich werde gelobt“.) Erhart macht noch darauf aufmerksam, dass der Prozess der Veränderung der Funktion des Mediums eine Parallele in der späteren Entwicklung der slawischen Sprachen hat, in denen das Reflexivum zum Ausdruck der im Passiv verlaufenden Handlung dient, v. a. in den Fällen, wo der Agens nicht angeführt wird, z. B. dům se (= Reflexivum) staví „das Haus wird gebaut“ (der Form nach weist das Verb staví die Formen des Aktivs auf: die 3. P. Sg. Ind. Akt.).
5.2.1.3. Das Stativ

Durch das Stativ wird bloß von dem Zustande des Subjektes berichtet, etwa wie z. B: Der Knabe sitzt. Das Stativ verfügt also über statische, nie aber reflexive Funktion. In den Einzelsprachen unterscheidet sich das Stativ nicht von dem Aktiv und weist keine eigentümlichen Endungen oder Eigenschaften auf. Im Deutschen unterscheidet man die sog. statischen Verben (auch Zustandsverben) nur im Rahmen der semantischen Gliederung der Verben. Sonst kennzeichnen sich diese Verben durch keine besonderen formalen Mittel.

Wie bereits erwähnt wurde, wird die selbständige Existenz des Stativs im Ide. in Frage gestellt, z. B. von Szemerenyi, dagegen vertreten Erhart, Kümmel oder Tichy die gegenteilige Meinung. Beekes unterscheidet das Stativ nicht von dem intransitiven Medium, das er in die Gruppe der reflexiven Media einreiht. Kümmel setzt das Perfekt dem Stativ gleich. Erst nach dem Rücktritt der Diathese Stativ konnte nach ihm das Perfekt ins Aktiv übergeführt werden und sich zu einem Vergangenheitstempus in den ostindoeuropäischen Sprachen entwickeln, vgl. 5.1.1.3. Auch nach Erhart wurde das ursprünglich der Kategorie Diathese angehörende Perfekt (Stativ) bereits in der ostide. Phase zu einer temporalen Form, wobei mindestens ein Teil der Formen zunächst die resultative Bedeutung - also …“mit implizierter Gegenwartsrelevanz“ (Tichy 1999: 83) erhalten hat. Tichy spricht von der sog. resultativen Metonymie. Noch später (etwa im 3. Jh. v. u. Z.) entwickelt sich das Perfekt zu einem narrativen Tempus, die Beschränkung seitens des erreichten Zustandes auf das Subjekt wurde also beseitigt, vgl. 5.1.1.3. Den Übergang von dem Stativ (=Diathese) zu dem Präteritum (=Tempus) kann nach Erhart folgenderweise interpretiert werden:

Stativum: es ist gekocht (es steht auf dem Tische);

Resultativum: es ist gekocht, weil se jemand gekocht hat;

Antepräsens: er hat es gekocht (und infolgedessen ist es jetzt gekocht);

Präteritum: er hat gekocht.
In jedem Fall kann es nicht bestritten werden, dass im Ide. mindestens in der 3. P. Sg. u. Pl. Präs. einiger ansonsten medial flektierter Präsentien besondere Endungen vorkommen, die weder dem Aktiv noch dem Medium zugeschrieben werden können. Tichy führt als Beispiele folgende Verbformen an: ved. sáye „liegt”; ved. duhé „gibt Milch”. Die diese Endungen tragenden Verben verfügen dann über gewisse semantische Eigentümlichkeiten und weisen viele gemeinsame Züge mit den Endungen des Perfekts auf. Das Perfekt ist mit dem Stativ auch durch seine Urfunktion verbunden – es bezeichnet …“einen aus einer vergangenen Handlung resultierenden Zustand in der Gegenwart.” (Szemerenyi 1989: 317)
5.2.1.4. Die Endungen des Aktivs, Mediums und Stativs im Indoeuropäischen


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