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Nachkriegszeit


Als die Sowjets nach langem Kampf unser Dorf am 16. März 1945 zum zweiten Mal besetzten, sagte ein deutschsprechender Soldat der Roten Armee (offenbar ein Volksdeutscher) zu einer deutschen Bauernfrau: »Wenn Sie wüßten, was nach dem Krieg kommt, dann würden Ihnen die Haare zu Berge steigen.« Die einfache Frau konnte damals nicht ganz begreifen, was der Rotarmist eigentlich meinte. Erst ein Jahr später wußte sie, was er ihr damit sagen wollte. Die Hungersnot war noch nicht zu Ende, die Familien beweinten noch ihre im Krieg gefallenen Angehörigen, als im März 1946 ein neues Leid über Tarian kam.

Am 16. März begann das Requirieren1.

Unter der Führung eines jungen Mannes – Kállai Miklós2 – aus Budapest beschlagnahmte man von den deutschen Bauern das Frühjahrssaatgut (Gerste, Hafer, Mais). Dabei wirkte ein kleiner Teil der eingesessenen Ungarn eifrig mit. Es war nicht genug, daß ein Teil des deutschen Vermögens requiriert wurde, zwei Familien mußten ihr Haus ganz räumen. In diese und in zwei leerstehende Häuser wurden eingesessene ungarische Familien eingewiesen.

Im März 1946 waren in Tarian »Kontrollkommissionen« tätig. Ihren Namen trugen sie zu recht, denn sie kontrollierten, wer von den Deutschen das meiste Vermögen hatte, den setzten sie dann auf die »Volksbundliste«, ganz gleich, ob er tatsächlich Mitglied des Volksbundes war oder nicht. Im Laufe des Monats März wurden weitere Enteignungen durchgeführt. Die noch nicht enteigneten deutschen Bauern mußten mit ihren Pferdewagen nach Tatabánya–Obergalla fahren und die 52 ungarischen Siedler-(Telepesch) Fa­­­­­­mi­­lien3 aus Egerlövõ (Komitat Heves) mit ihren Habseligkeiten abholen. Außer diesen Siedlern kamen noch etwa 29 weitere Familien, meist kommunistische Arbeiterfamilien aus Tatabánya, nach Tarian. Aus ihren Kreisen rekrutierten sich die Funktionäre der KP.

Wir schrieben den 28. August 1947, als die Nachricht eintraf, daß aus Környe/Kirne (Komitat Komorn, ca. 20 km von Tarian entfernt) die ,Schwaben‘ nach Deutschland ausgesiedelt würden4. Die Arbeit auf den Feldern wurde wieder eingestellt. Viele Deutsche suchten in der Pfarrei Trost, denn der damalige Pfarrer Imre Fütty stand ihren Problemen aufgeschlossen gegenüber.

Die Siedler von Tarian fuhren nach Kirne und nach Budapest in die Ministerien, um zu erreichen, daß anschließend die Tarianer ,Schwaben‘ ausgesiedelt werden. Sie bekamen auch die Zusage, daß ihr Wunsch erfüllt wird. Deswegen haben sie keinen Deutschen mehr aus dem Dorf gehen lassen. Sie standen mit Mistgabeln und Holzhacken an den Ausfallstraßen. Wenn jemand nach Tatabánya auf den Wochenmarkt gehen wollte, dem haben sie alles weggenommen. Es versteht sich fast von selbst, daß die Polizei dabei eifrig mitgewirkt hat. Manche bekamen als Bezahlung für die beschlagnahmte Ware eine Tracht Prügel…

Wegen der Einengung der Bewegungsfreiheit und der

ständigen Ungewißheit war im Herbst 1947 in Tarian die Verzweiflung groß. Die Gemüter hatten sich kaum beruhigt, als im April 1948 erneut das Gerücht der Aussiedlung auftauchte4. Im Gemeindehaus wurde sogar die Namensliste der auszusiedelnden Bewohner ausgehängt. 2037 ,Schwaben‘ wollte man nach Deutschland vertreiben. Die Leute stellten wieder die Arbeit ein. Sie waren sehr verbittert. Die Männer fertigten große Kisten an, in denen sie das wichtigste Hab und Gut unterbringen konnten. So warteten wir auf die Ausweisung.

Es vergingen Wochen, bis sich die Menschen wieder beruhigten. Die Habseligkeiten wurden wieder aus den Kisten geholt. Vor der Ernte enteignete man von den ,Schwaben‘, denen man zuvor noch etwas gelassen hatte, die besten Felder samt Frucht. Die wenigen Deutschen, die im Sommer 1948 noch etwas zu dreschen hatten, wurden beim Dreschen benachteiligt. Zuerst durften die Siedler und eingesessenen Ungarn ihr Getreide dreschen, dann kamen erst die Deutschen an die Reihe. Die noch vorhandenen "Kulaken" (reiche Bauern) kamen natürlich zuallerletzt dran.

Vierundzwanzig Stunden nach dem Dreschen mußte sämtliches Getreide mit Ausnahme der Kopfquote und des Saatgutes bei der staatlichen Sammelstelle für wenig Geld abgeliefert werden. Dieser Getreidespeicher befand sich im enteigneten Bauernhaus von Stefan Vértes (Weiler), welches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von dem berühmten Barockbaumeister Jakob Fellner gebaut wurde. Trotzdem hat man es abgerissen. Heute befindet sich das Wirtschaftshaus »Fekete-kõ « darin…

Im September 1948 begann eine neue Zwangs-

zusammensiedlung der »Schwaben«. In jedem – für Ungarn nicht geeigneten – Haus wurden mindestens zwei deutsche Familien untergebracht. Da nicht genug leere Gebäude zur Verfügung standen, wurden nachträglich auch solche Familien auf die Enteignungsliste gesetzt, die ein größeres Vermögen und ein schönes Haus hatten, obwohl sie sich vorher zu Ungarn bekannt haben.

Durch die dauernden Umsiedlungen im Ort und Enteignungen wurde das ganze Dorf durcheinander gebracht. Man war offensichtlich nicht nur auf das Vermögen der Leute aus, sondern man wollte sie auch verunsichern und einschüchtern.

Im Oktober 1948 trafen die ungarischen Umsiedler aus der Slowakei, dem ehemaligem Oberungarn (Felvidék = Oberland) in Tarian ein. Es sind insgesamt 43 Familien angekommen. Ihr mitgebrachtes, bewegliches Vermö-gen wurde aus Svodin/Szõgyén mit 5 Güterzügen bis Totis/Tata transportiert, von dort mit Lastautos nach Tarian gefahren. Es dauerte Wochen, bis der Hausrat der neuen Siedler aus Totis abtransportiert war. Die aus Szõgyén stammenden Ungarn verließen ihre angestammte Heimat unter Zwang im Rahmen des ungarisch-tschechoslowakischen Bevölkerungsaustauschs.

Obwohl die Felvidéker (= Ober­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­länder) ihre ganze bewegliche Habe mitbringen durften (Familie Sámson kam mit 14 Waggon Mobiliar an!)5 und in Tarian Haus und Ackerland bekamen, waren doch viele unter ihnen, die ihrer alten Heimat lange nachtrauerten. Am Rande sei es vermerkt, daß manche Familien von ihnen deutsche Namen hatten wie Schweizer, Wolter, Elser, Stegmar, Hos usw. Ihre Vorfahren sind assimilierte Deutsche aus Német-Szõgyén (Deutsch-Södjen), das mit Magyar-Szögyén zu Szõgyén vereinigt wurde…

Ursprünglich hätten die Felvidéker in der 7 km entfernten slowakischen Gemeinde Tardos untergebracht werden sollen, und zwar in den Häusern, die in die Slowakei umgesiedelten Slowaken zurückgelassen haben. Deswegen wurden die Eisenbahnzüge mit dem Hausrat nur bis Totis geleitet, da dieser Bahnhof zu Tardos am nächsten liegt. Die Slowaken von Tardos hatten wenig Ackerland, ihre Häuser waren klein (in einem Hof wohnten nicht selten 4 bis 5 Familien). Sie waren zum großen Teil in den Roten Marmor-Brüchen in der Nähe beschäftigt. Die 1948 ausgewanderten Slowaken ließen so gut wie kein Vermögen zurück. Da für sie die Auswanderung freiwillig war, sind nur wenige – ärmere – Familien aus Tardos fort.

Angesichts der schlechten Bedingungen wei-gerten sich die Felvidéker, nach Tardos zu ziehen. Sie wollten in Ungarn für ihr Haus und Ackerland, welches sie in der Slowakei aufgeben mußten, angemessen entschädigt werden. Was lag näher, als daß man ihnen in den benachbarten deutschen Gemeinden – Tarian, Tolnau, Augustin –, wo es genug schöne Bauernhäuser und Felder gab, auf Kosten der entrechteten ,Schwaben‘ den erlittenen Schaden gutmachte.

Nun wohnten in Tarian fünferlei Menschen: Zwei katholische Gruppen (»Schwaben« und Felvidéker) und zwei reformierte Gruppen (eingesessene Ungarn und die Siedler aus Egerlövõ) sowie die religiös indifferente Gruppe der »auswärtigen Ungarn«. Das Zusam-menleben dieser durch die Nachkriegsereignisse zusam-mengewürfelten Menschen war nicht ganz reibungslos. In den ersten Jahren verging kaum ein Wochenende, an dem es keine Schlägerei gab. Jede Gruppe wollte im Dorf den Ton angeben. Die Egerlövõer rauften mit den Schwaben, die Felvidéker mit den eingesessenen Ungarn. Aus Tatabánya mußte öfters die Polizei nach Tarian kommen, um den Messerstechereien eine Ende zu setzen …

Im Laufe des Sommers 1949 wurden weitere deutsche Familien enteignet. Die Häuser mußten innerhalb von 8 Stunden geräumt werden. Von dieser Maßnahme waren vor allem die Besitzer von Wirtshäusern (6) und Gemischtwarengeschäften (8) – sofern ihre Häuser nicht schon vorher beschlagnahmt wurden – sowie von Fleischbanken (2) betroffen.

Von nun an gab es im Dorf nur noch zwei Wirtshäuser, ein Lebensmittelgeschäft und eine Fleischerei. Besitzer war die »Bauerngenossenschaft«6.

Zu Beginn der 50er Jahre waren die Meinungs-verschiedenheiten zwischen den einzelnen Gruppen noch immer groß, doch war hier und da schon eine Verbesserung des Verhältnisses zu verzeichnen. Die Egerlövõer Siedler – die langsam anfingen wegzuziehen – nahmen teilweise die früheren Besitzer in ihr Haus zurück. Die Felvidéker blieben dagegen unerbittlich7. Mit der fadenscheinigen Begründung, daß die Behörden sagen könnten, „Wenn Ihr Euer Haus mit anderen teilt, dann ist dies ein Zeichen dafür, daß es zu groß ist, deshalb geben wir Euch ein kleineres!“, lehnten sie jeden Vorschlag, die früheren, rechtmäßigen Besitzer in ihr Haus aufzunehmen, ab. Wegen dieser starren Haltung bestand zwischen den beiden katholischem Gruppen eine erhebliche Spannung. Die ,Schwaben‘ gaben den Felvidékern die Schuld wegen der Enteignung. Sie warfen ihnen auch unchristliches Verhalten vor, indem sie sagten: „Wenn ihr Felvidéker so religiös seid, warum übt Ihr die christliche Nächstenliebe nicht aus?!“ Doch dies alles nützte nichts.

Nach dem Motto »Divide et impera!« (Teile und herrsche!) wurden in Tarian vielfach auch die ,Schwaben‘ gegeneinander ausgespielt, da man das Feld des einen einem anderen gab8. Nicht nur in den Besitzverhältnissen, sondern auch in den Seelen der Menschen wurde ein heilloses Durcheinander angerichtet. Die Folge davon war, daß die ,Schwaben‘ resignierten. Sie zogen sich vollkommen zurück. Niemand wollte etwas von Politik wissen. Die neuangesiedelten Ungarn fühlten sich indessen auch nicht sehr wohl in Tarian.

Nach und nach verkauften viele Telepeschen das ihnen anvertraute Haus und zogen entweder wieder nach Egerlövõ oder nach Érd/Hanselbeck. Ein Teil der Felvidéker tat dasselbe. Sie wanderten nach Totis ab. Das Abwandern der Siedler ist teils auch auf die Propaganda zurückzuführen, die dauernd vor der neuen deutschen Gefahr sprach. Auf Grund dessen hofften wiederum viele Schwaben im Stillen, sie würden bald ihr Vermögen zurückerhalten. Es hieß immer: „Jetzt dauert es nicht mehr lang“. Im Oktober 1956 schien es so, als ob diese geheime Parole Wirklichkeit würde. So mancher glaubte schon, die Zeit sei gekommen, um mit den Kommunisten abrechnen zu können. Doch diese Optimisten wurden bitter enttäuscht. Sie mußten – nachdem der Aufstand niedergeschlagen war – für ihr voreiliges Handeln hart büßen …

Jahrzehnte vergingen, ein Großteil der Geschä-digten ist gestorben. Ihre Kinder und Enkel vergaßen in der materiellen Hetze das Unrecht und ihre Volks-zugehörigkeit…

Eine teilweise Wiedergutmachung für das erlit-tene Unrecht erfuhren die Deutschen mit dem sog. Entschädigungsgesetz Anfang der 90er Jahre. Mit den Entschädigungsscheinen haben sie begonnen, wieder Land zu erwerben. Wenn auch nur wenige daran den-ken, sich wieder als Landwirte zu betätigen.

Die 45jährige national-kommunistische Herrschaft in Ungarn ruinierte die Deutschen nicht nur wirtschaftlich, sondern brach auch ihr von den Vorfahren ererbtes Volkszughörig­keits­­bewußtsein. Immer weniger junge Menschen erlernen die deutsche Muttersprache. Der Deutschunterricht in der Schule zeigt bei den wenigsten den wünschenswerten Erfolg …





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