Lea Ritter-Santini: L’italiano Heinrich Mann, Bologna 1965 Übersetzt von Sabine Russ Einleitung



Yüklə 0,98 Mb.
səhifə14/20
tarix01.11.2017
ölçüsü0,98 Mb.
#26130
1   ...   10   11   12   13   14   15   16   17   ...   20

96 Gregorovius, Sizilien, Neapel: „In Santa Lucia … vor den Augen der feinsten Dame aus den Salons von Paris oder London springen Schaaren nackter Menschen in paradiesischer Unschuld in die Wellen. Fischerbuben laufen nackt selbst auf die Strasse und begrüssen mit vielen graziösen Verbeugungen und lebhafter Gesticulation den Fremden, der ihnen dann und wann einen Gran zu schenken pflegt … Auf einen Wink sprangen sie ins Wasser, und kehrten triefend zurück, um den Lohn zu empfangen. Den Anblick des Nackten wird man im ganzen Golf nicht los“. H. Mann, Göttinnen, S. 684: „Gefolgt von ihren Gästen in zahllosen Wagen fuhr die Herzogin über Santa Lucia. Die Juwelen und die Orden blitzten, die Spitzen zitterten, teure Düfte wehten unter Fächerschlägen hin und her - und dazwischen sprangen die nackten Burschen und winkten vom Strande die Mädchen mit zerzausten Röcken und offenen Miedern. An eine Hand die elegant bekleidet und in göttlicher Ruhe von einem Wagenpolster hing, befestigte sich der schöne, bebende Arm eines unschuldigen Sterblichen. Die Badenden standen auf den seidenen Kissen der Frauen und schnellten sich mitten in der Fahrt ins Meer.“ In diesen Fällen - und diese wiederholen sich - bemerkt man bereits den Willen zu einer „Umarbeitung“ des informativen Prätextes, der nicht „aufgenommen“ ist aufgrund des Bildgeschmacks, sondern aus Bequemlichkeit und die attestierte Ernsthaftigkeit der Begebenheit, auch wenn der Verzicht auf eine persönliche Wahrnehmung verwundern mag.

97 In der „Wiener Tageszeitung“ von 1903 (n 122: Der Hinweis geht auf L. Winter „Heinrich Mann und sein Publikum“, Köln 1965 zurück, eine sozioliterarische Untersuchung zum Verhältnis zwischen Autor und Publikum, die interessante Aspekte in der kritischen Bewertung von Th. und H. Mann bezüglich ihres ökonomisch-buchhändlerischen Erfolges aufdeckt) verteidigt sich Heinrich Mann verbissen gegen das Klischee, das drohte, ihn in der Formel des „Schülers D’Annunzios“ abzufertigen, indem es dadurch der Kritik die Möglichkeit gab, die Werke seines „urdeutschen Bruders“ gegen seine romanischsten und latinisch inspirierten auszuspielen. Es gibt allerdings nichts vereinfacherendes, als ein direktes Verhältnis der Untertänigkeit zwischen Heinrich Mann und D’Annunzio definieren zu wollen, ohne die Strömungen zu unterscheiden, deren sich beide bedient haben. So auch Klaus Mann in seinem „Wendepunkt“: „Während H. Mann, der Schüler Stendhals und D’Annunzios den deutschen bürgerlichen Geschmack durch den nervösen Elan seiner frühen Prosa befremdete …“

98 Im Archiv wird zwischen Notizen verschiedener Art ein anonymer italienischer Text aufbewahrt, der von fremder Hand abgeschrieben wurde (sie scheint weiblich zu sein) (n. 486, TNI) und auf Papier des „Grand Hotel des Palmes“ von Palermo verfaßt wurde. Es handelt sich um die Beschreibung eines Erntefestes, das wir später in exakter Form wiederverwendet finden bei einem Erntefest, dem Violante beiwohnt. Es ist die Wahl der gleichen Adjektive, mit einem blauen Stift unterstrichen, die den inzwischen Geübten wie mit einem Alarmsignal auf die Übernahme hinweisen: „… es erhebt sich ein fröhliches Echo der Feldlieder, denen sich das Zwitschern der Vögel anschließt, die dort im Hintergrund trällern, über den sarazenesken Olivenbäumen mit ihrem merkwürdigen Geäst.“ H. Mann: „…das abenteuerliche Geäst sarazenesker Olivenbäume . Sie hörten Vogelgetriller aus ihnen herüberperlen …“ Zur Klärung des Geheimnisses der stilistischen Kühnheit, der linguistischen Kreation: im Italienischen scheint das Adjektiv legitim in bezug auf die Oliven, weniger auf die Olivenbäume, und im Deutschen wird es sicherlich als eine linguistische Verwegenheit des wahren Künstlers interpretiert.

99 „Der Olivenbaum ist Schönheit und Reichtum zusammen … Schwächlich in der Erscheinung, da oft buckelig, verbeult und verwachsen, noch häufiger mit langgezogenen, merkwürdigen Spalten in denen das Messer des Pflegers um jeden Preis eindringen muß, mit schiefen Ästen und dem zarte Blatt von sehr blassem Grün, fast wächsern, steht er trotzdem Jahrhunderte und Jahrhunderte in der Geburtsscholle; (die Unterstreichungen wurden von Heinrich Mann vorgenommen) keine andere Pflanze etwa um sich, das sie an Langlebigkeit übertreffen könnte. Seit dem ersten Menschen, der sie pflanzte, hat sie seither 20 Generationen vorübergehen sehen … Das soll dem Bauern sagen, daß niemand das Alter des Olivenbaums angeben kann und daß er ewig lebe, wenn er nicht von der Kälte getötet wird. Die Olivenbäume wetteiferten im Alter mit dem Marmor der ersten Römer. „Krankheiten des Olivenbaums: Die lupa oder Karies, eine Art von Krebsgeschwür des Stammes, verursacht entweder durch Alterschwäche oder stagnierendem Wasser … Man behandelt sie, in dem man den betroffenen Teil mit einem sicheren und scharfen Messer herausschneidet … Die Fettleibigkeit oder Lissus paralepticus greift die Wurzeln in der Nähe des Stammes an und bringt ihn zum Faulen; sie ist verursacht durch Wasser, das keine Möglichkeit des Versickerns hat und sich beständig um die Wurzeln befindet. Die chirurgische Operation, die den Stamm aushöhlt und ihn oft derartig beschneidet in den äußeren dünnen Wänden, so daß es scheint, als halte er sich nur durch ein Wunder noch aufrecht, lebe, blühe und gebe reiche Frucht.“ „Die Fliege der Olivenbäume“: ungefähr die Hälfte der gemeinen Fliege, von aschgrauer Farbe mit gelbem Kopf und gelber Stirn … Schnelle, sprunghafte Bewegungen. Das Weibchen durchbohrt die Olive mit einem Stachel und deponiert dort 30 bis 400 Eier.“ Die Göttinnen S. 529: „… stiegen die schattenstillen Ölbäume. Ihre Wurzeln schleppten, mühsam voneinander gesetzte Füsse, die Last des Öles fort, worin der Abhang ertrank. Sie waren Schönheit und Reichtum, die Oliven! Sie waren von der Wollust so schwerer Fruchtbarkeit ganz müde und mürb. An ihren Wurzeln, unter gestauten Wassern, bildeten sie Fäulnisherde. Das Insekt mit gelbem Kopf, das mit ihnen kämpfte, bohrte sich in ihre Früchte und häufte darin seine Eier. Das Eisen des Pflegers höhlte ihren Stamm aus - sie aber erhoben ihn mit klaffenden und leeren Wänden in zerbrechlichen Windungen bis ins Licht. Das aschige Grün ihrer Häupter atmete darin, silbern lächelnd, wie seit tausend Jahren, und lächelnd und nie besiegt, ausser vor Kälte, vollbrachten sie das Wunder neuer Ernten.“ Und noch eine kurze Anmerkung aus Cesare Arici Sirmione: „vom Fuß bis zur Spitze der grünen Hügel wachsen üppig die bleichen Ölbäume.“ Die Beispiele lassen sich frei variieren, indem nichtliterarische Texte mit Anleihen französischer Autoren ersetzt werden, von denen Mann manchmal die Namen notierte und manchmal auch nur einen Teil des Titels nannte. Sofern es sich nicht um eine literarische Übersetzung handelt, die ausgesprochen häufig anzutreffen ist, besonders für die Texte italienischer Nicht-Literaten, erkennt man die eleganten Abkürzungen des bereits transformierten deutschen Textes, erkenntlich besonders an erhaltenen oder angenommenen Textvorlagen, an der für Heinrich Mann typischen syntaktische Ellipse, die ihn in der letzten Periode zur geheimnisvollen Unkenntlichkeit in Der Atem führen wird. Dennoch bleibt das Problem der „Nahtstelle“ zwischen den einzelnen Versatzstücken, des homogenen Einfügens der verschiedenen Elemente, die sich enthüllen lassen aber nur selten selbst verraten oder als Fremdkörper lesen lassen. Der stilistische und linguistische Kitt sind dem Künstler eigen und nicht dem Handwerker, ungeachtet der Unordnung und dem Eklektizismus der Werkstatt.

100 Für die Geschichte des Nachlasses von Heinrich Mann und des schwierigen Beginns des Berliner Archivs, wie auch für eine Reihe erhellender Erkenntnisse über die Freundschaft zu Heinrich Mann und seine letzte Lebensphase, ist die Lektüre seines „Deutschen Tagebuch[s]“ (München 1961, 2 Bd.) von größerer Wichtigkeit als das bereits zitierte Werk über das Verhältnis der beiden Brüder. Die Deutsche Akademie der Künste hat eine neue Kritische Ausgabe der gesamten Werke Heinrich Manns begonnen, die vom Aufbau-Verlag unter Leitung von Sigrid Anger veröffentlicht werden wird. Bereits zwei Bände, Essays und Der Untertan, (Heinrich Mann, Gesammelte Werke, Bd. 7 mit einer Nachbemerkung von Sigrid Anger, Berlin 1965) sind veröffentlicht.

101 Zwei berühmte Frauen in der Fäulnisenquete über Neapel, „Münchner Neueste Nachrichten“ vom 25. Oktober 1901; übereinstimmend mit Serao werden die Schwächen der Donna Lina Crispi aufgelistet. Für eine dokumentierte und weniger parteiliche Geschichte ist es hilfreich, wie auch für das umfangreiche Material zum Leben von napoletanischen Literaten und Journalisten dieser Jahre, das elegante und sehr gut dokumentierte Werk A. Bantis Mathilde Serao, Utet, Turin 1965 heranzuziehen, das uns in das Klima der postromantischen Intellektuellen der 80er und 90er Jahre zurückführt. Außerdem A. Consiglio: Napoli, amore e morte, 1962.

102 Wie Taine immer wieder auf die Metapher der Ratten und der Rattenfänger zurückgegriffen hat, um das Gewimmel des neapolitanischen Lebens zwischen Gassen und Palästen rund um das Kloster von Santa Chiara in einem Bild zu kondensieren, so wählt und beharrt Heinrich Mann auf der klassischeren und antropomorphen Metapher der Affen. „Aber gleich umringte mich ein ganzer Haufe dieser Affen und fuchtelte.“ Ebenso akzeptiert Violante von Assy in ihrer Rolle als panische Venus die sozialisierte Animalität: „Aber vor allem fand sie es unterhaltsam, den bizarren und verrückten Sog in den Gassen und den bunten Gassen […] Es war das Volk einer neuen Rasse. Sie antworteten auf ihre Befehle: „Die Signora wird bedient werden“ und alles ging gut aber anders. Mit offenen Mündern lagen sie herum und kaum, daß sie zur anderen Seite blickte, streckten sie ihr die Zunge heraus. Die Zofen bestahlen sie. Keiner verriet den anderen, sie waren aneinander treu, vereint wie die Affen, die sich im Käfig an den Schwänzen halten. „Ich bin im Land der redenden Tiere gelandet“, dachte sie.“ (Die Göttinnen, S. 545). Das ängstliche Mißtrauen desjenigen, der die von zuhause mitgebrachten Anschauungen in einem fremden Land nicht überwinden kann, eine Reserviertheit gegenüber der Grausamkeit, die südlich von Rom das italienische Leben zu einer Bedrohung werden lassen konnte - der von Bourget angeklagte Fehler - war der der gewollten Niedergeschlagenheit gegenüber dem Ambiente - ließen Heinrich Mann und seine Figuren vor dem „Großen Griechenland“ und Sizilien anhalten. Aus der Campagna kehrt die Herzogin in der Tat an den Gardasee zurück.

103 Im Archiv befindet sich ein handschriftlicher Entwurf (N. 32) eines Aufsatzes über Terre promise. Das Buch befindet sich in der Bibliothek Manns mit einigen Randbemerkungen, die noch vor der Italienreise die kritisch-philologische Beschäftigung des Autors mit der romanischen Welt erklären. Er glossiert: „Zur Technik werden häufig Landschaftsbilder verwandt, welche die Stimmung des Menschen illustrieren und Stimmungen erwecken. Es ist merkwürdig, wie trotz der langen, rein analysierenden Ausführungen die Stimmung niemals verloren geht. Diese italienischen Landschaften, die sich die Menschen für ihre Stimmungslage geradezu ausgesucht zu haben scheinen […] Steigerung bis zum direkten Vergleich der flamme d’ame und des Aetna …“ (es folgen die Bezüge auf den Seiten 374 und 383 der ersten Ausgabe von 1892)

104 Bourget als Kosmopolit Rezension von Heinrich Mann in „Die Gegenwart“, Berlin, 45 Bd., 1894, in der Mann anstelle der exzessiven Präzision Stendhals die „Schreibe“ „en artiste“ Bourgets vorzuziehen scheint.

105 In der Bibliothek Heinrich Manns befindet sich Les aventures dema vie von H. Rochefort (k. 204).

106 „Ich bin nun zwar eigentlich der Meinung (die Situation ist noch in der Form der Ich-Erzählung), daß diese großen Herren, soweit sie von dem aus dem modernen Rom herüberblasenden Winde des Ruins bisher verschont blieben, unproduktive Zehrer und wahre Hemmschuhe für die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Landes sind. Parzellierung von Grund und Boden, das ist das Wahre, wie auch der ehrenwerte Colajanni im „Messaggero“ täglich versichert.“ Colajanni publizierte 1896 I fatti di Sicilia e le loro cause [Die Fakten Siziliens und ihre Gründe]. Am 20. Dezember 1892 bereitete er eine Eingabe an die Kammer vor, die die verschwundenen Millionen und falschen Bankpapiere zur Untersuchung beinhalteten (siehe A. Banti, a.o.O., S. 189), die später die Fäulnisenquete über Neapel hervorbrachte und von Mann für die komplizierten Geschäfte des Don Saverio Cucuru wiederverwendet wurden. Zur Entstehung des sozialen und politischen Interesses der italienischen Autoren dieser Zeit ist besonders der Aufsatz Socialismo e letteratura nell’ultimo decennio dell’Ottocento [Sozialismus und Literatur im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts], herausgegeben von Mario Pomilio in „Filologia e letteratura“, X, II, Nr. 38, Neapel, 1964 von Bedeutung.

107 F. Tropeano (Saggio sulla prosa dannunziana, Florenz 1962) findet in Il Piacere (1889) die stilistische Chiffre, die dem repräsentativsten Roman des französischen Schriftstellers, Mensonges, am nächsten kommt. E. Paratore empfindet in Innocente das dekadentistische Klima wie bei Barbey d’Aurevilly, (H. Mann widmet ihm einen Aufsatz in „Die Gegenwart“, XLVIII, 1985) während in Trionfo della morte die Imitation von Bourgets Le disciple noch tönender und gezwungener ist. Letztgenannten Roman hat K. Schröter als eine der Hauptquellen des Einflusses auf den jungen Heinrich Mann nachgewiesen.

108 M. Serao, Opere, 2 Bd., Milano, Garzanti, 1944 mit einer Einleitung von P. Pancrazi.

109 Das Material und die Figuren, mit denen Heinrich Mann für einen Roman „arbeitet“, beschäftigten ihn oft noch lange Zeit, wenn sie nicht sogar zyklisch in anderen Werken wieder auftauchten, waren sie Objekte von mindestens einer Novelle. Die Ehrgeizige, geschrieben 1920, verfolgt die Schicksale und Charaktere einiger Personen aus Die kleine Stadt: Signora Camuzzi, die Ehefrau des Gemeindesekretärs, der junge Savezzo und der berühmte Tenor Cavaliere Giordano, dreizehn Jahre nach dem Roman.

110 Daß Gregorvius eine verbreitete und akzeptierte Quelle auch in Frankreich war, entnehmen wir Heinrich Mann in der bereits zitierten Rezension an den italienischen Bourget: „Von anderen, auf allen Gebieten der geistigen Production liegenden deutschen Einflüssen erwähnt Bourget selbst einen, wenn er in den „Italienischen Eindrücken“ gelegentlich seine Landsleute anklagt, dem deutschen Gregorovius größere Aufmerksamkeit zu schenken, als ihrem gleichwerthigen Historiker Lenormand“: was wiederum gleichzeitig die informative Auswahl rechtfertigt, die Mann für seine Ambiente-Studien heranzieht und repräsentiert keinen Geschmacksfehler für den, der „in französischen Begriffen lebte“ und in „französischer Syntax und Grammatik“ dachte.

111 B. Croce: La letteratura della Nuova Italia, Bari 1929, S. 33-72 und Conversazion critiche, Bd. II, S. 300.

112 Klaus Schröter (oben zitiert) analysiert die verschiedenen Einflüsse der dualistischen Energie Balzacs in der psychologischen Konzeption des in Manns Werken repräsentierten Individuums. Einige Linien sind mit Genauigkeit und manchmal übertriebenermaßen verfolgt worden, so daß man ihn mit seiner Arbeitsmethode und der Vielseitigkeit seiner intellektuellen Aufnahmebereitschaft nicht ausschließlich auf Modelle Balzacs zurückführen kann. Heinrich Mann hat von Bourget nicht, wie Schröter versichert, den Portraits de psychologie contemporaine die wichtige Unterscheidung zwischen „roman de moeurs“ und „roman de caractères“ entnommen, sondern die in der französischen Literatur sehr weit verbreitete allgemeine Gepflogenheit wird es ihn gelehrt haben, die alten und klassischen Unterscheidungen der Poetik zu übernehmen: „terme de poètique“ kodifiziert il Littré mit einer gesamten linguistischen und historischen Dokumentation.

113 Die Bücher Raffaello Barbieras informieren darüber, mit einem Materialreichtum, der Heinrich Mann sehr nützlich gewesen wäre, über viele weibliche Figuren in der Perspektive von „Legende und Realität“, die sich so hervorragend für D’Annunzios Italien eigneten. Für viele Belege der „Inspiration“, darunter sich sicherlich viele von Mann verwendete, aus journalistischen Quellen oder aus vorhergehendem Material extrahiert Elemente befinden, sind besonders wichtig: R. Barbiera: La principessa Belgiojoso, Milano Treves 1920; Voci e volti del passato (1800-1900), Milano Treves, 1920, Figure e figurine del secolo XIX, Milano 1899; Passioni del Risorgimento, Mailano Treves 1913, Ideali e caratteri dell’Ottocento, Milano Treves 1926 und E. Masi, Nell’Ottocento. Idee e figure del secolo XIX, Milano Treves 1933. Um viele italienische Anspielungen dieser Jahre rekonstruieren zu können, ist die mehrbändige Ausgabe der Cultura italiana del ‘900 attraverso le riviste, hrsg. im Verlag Einaudi, 1960, unerläßlich.

114 Sicherlich nicht wie in gleichem Maße wie Richarda Huch, die sich nicht nur innerhalb der Akademie von Berlin antithetisch zum Temperament Manns verhielt: Das Risorgimento ist ein häufiges Thema in Manns Werk. Die Novelle Auferstehung (1911), die E. Somarè „bestens“ fand und in seinem vierzehntägig erscheinenden Magazin „L’esame“ veröffentlichen wollte (nach einem im Archiv von Berlin erhaltenen Brief vom 22.12.1925 von A. Cohn), sowie Fulvia (1905) und Der Tyrann (1907), Variationen der Themen „Politik und Liebe“ (so interpretiert Weisstein), ist auf einer genauen und kritischen Kenntnis der Periode der italienischen Freiheitskriege konstruiert. Es gibt mehr Ähnlichkeiten zu den Novellen Boitos als zur heroischen Ernsthaftigkeit Fogazzaros. Boitos Novellen sind eher sinnlich und demütig, von der Ironie gemildert und von der Erinnerung der Lektüre Nievos. Chronologisch gehören diese Novellen zur Periode der Kleine[n] Stadt, aber die skizzierten Figuren erscheinen bereits in einer Novelle von 1897, sowie einige Figuren der Göttinnen, die im Gärungsprozeß des patriotischen Romans des ersten Teils dominieren, nehmen diejenigen des späteren „Risorgimentos“ voraus und bestätigen das anhaltende Interesse des Schriftstellers für die historische Epoche, in der man exemplarisch verdichtet zahlreiche - realisierte oder nicht - Möglichkeiten finden kann, ein Dorf in eine freie Nation zu transformieren.

115 Zu international war die Biographie von Cristina Trivulzio und für Heinrich Mann zu sehr an bedeutenden Namen gebunden, als daß der Autor nicht wenigstens einige der Anekdoten gekannt hätte, die Politiker und Literaten, die ihren Pariser Salon besuchten, in ihren Tagebüchern und Briefen erzählen. Die Konfiszierung des Besitzes und die Rückerstattung, das mühselige Exil und die mondäne Berühmtheit der Prinzessin, deren Schönheit in vielen Dingen mit den zahlreichen Beschreibungen der Herzogin von Assy korrespondiert, die Anbetung vieler glücklicher Bewunderer und die Freundschaft mit dem Maler Gerard (schließlich die gemeinen und anzüglichen Anmerkungen Gautiers), das von Lehmann ausgeführte Porträt, sind Details aus dem Leben der Belgiojoso, die alle in der Ausführung der Göttinnen wiedergefunden werden können.

116 Zum Modell der Baccantin-Menade in der deutschen Literatur des Fin de siècle verweist M. Marianelli in seiner Einführung in Pisa von R. Borchardt, Pisa 1965.

117 Oeuvres de Philarète Chasles: La France, L’Espagne et l’Italie au XVII Siècle, Paris Charpentier, 1877.

118 „Der Dichter, der diesen hohen Namen verdient, wird nie auch nur ein Motiv des Lebens in sein Werk übernehmen, ohne es durch die Alchimie des Schaffens so gründlich zu verändern, daß der Rückschluß von der erfundenen Gestalt auf die Wirklichkeit nur dem willkürlichen, oberflächlichen und kunstfremden Leser möglich sein und eben auch durchaus willkürliche Konjektur bleiben wird.“ Max Brod, als Antwort auf eine Umfrage über die Diskretion und die schriftstellerische Freiheit, durchgeführt von Willy Haas in „Literarische Welt“, Nr. 36, 3. Jahrgang, Berlin, 9.9.1927.

119 Der Nachlaß Heinrich Manns beinhaltet noch eine der alten Abbildungen, nach Art der Kalender, die in Bildern die heroischen Gesten des Helden Garibaldi erzählen (Garibaldi rettet im Alter von acht Jahren eine Wäscherin, Garibaldi und Bezzecca usw.). Die garibaldinische Öpopoe, noch nicht zu blanker Rhetorik verkommen, war gleichbedeutend für Manns Italienbild mit seiner Liebe für die lyrische Oper. Die Bibliothek bestätigt die Anwesenheit in einem einfachen Buch, das sich jedoch als wichtig erweist: Giuseppe Garibaldi. Vita e imprese narrate al popolo, erschienen im Verlag von Angelo Bietti, Milano-Buenos Aires, 1895. Eine Bleistiftzeichnung auf S. 15: „Eine der ersten Revolten war die von Rio Grande del Sud. Am äußersten Punkt des meridionalen Imperiums gebunden. Am 20. September 1836 erhob sich das Volk von Porto Alegre gegen seinen Gouverneur, die sich durch die Flucht rettete. Sein Sekretär war ein Italiener, der Bolognese Livio Zabeccari, der als begeisterter Revolutionär 1823 aus Italien verbannt worden war und in Spanien und von dort 1825 nach Amerika emigrierte. Nachdem er für die Unabhängigkeit Montevideos gekämpft hatte, ging er nach Brasilien. 1831 kam er nach Rio Grande und wurde dort zu einem der engagiertesten Verfechter der Unabhängigkeitsbewegung. Das Glück der neuen, kleinen Republik dauerte nicht lange: auf den Schlachtfeldern schlugen die kaiserlichen Truppen das kleine Heer und der Präsident wurde zusammen mit seinem Sekretär in Rio de Janeiro inhaftiert und in die kleine Festung von Santa Cruz festgesetzt.“ Heinrich Mann notiert „San Bacco“ und berechnet die Daten eines eventuell „fiktiven“ Alters. Und hier die Göttinnen, S. 60: „Er hatte seine Begeisterung und seine Faust den Griechen geliehen, den Polen und den Unabhängigkeitskämpfern Südamerikas, der französischen Kommune, Jungrußland und der italienischen Einheit. […] Er hat es als ein Knabe vernommen und war der Familie entlaufen, für das junge Italien eingekerkert und über Gefängnismauern nach Amerika entkommen, zu Garibaldi, seinem Helden. Er hatte als Korsar die kaiserlich brasilianischen Schiffe geplündert und als Diktator über exotische Republiken geherrscht […]“ Aber er ist noch nicht in ausreichendem Maße das, was er mit einer die Karikaturen des „Untertan“ antizipierenden Ironie werden sollte: der gutmütige und theatralische „Oberst der italienischen Armee, Commendatore des Ordens der Krone von Italien, Abgeordneter im Parlament in Roma. Man benutzt einige Details des Lebens Garibaldis, den San Bacco schon repräsentiert: „Die Passagiere der „sumaca“ keinen Schaden erleiden als den, den jeder einzelne ohnehin mit sich führte: ein solch ritterliches Verhalten wurde auch bei anderen Gelegenheiten an Garibaldi beobachtet.“ „[…] erzählte er friedlich und mit maßvollen Gesten die Eroberung eines großen brasilianischen sumaca. Es verstand sich, daß er gegen die Passagiere und besonders gegen die Frauen die ritterlichste Haltung beobachtet hatte. (S. 61). Nino hingegen wird in seinem jugendlich-politischen Ungestüm festgehalten, das ihn von der Herzogin entfernen wird, mit den Argumenten eines Artikels der „Münchener Neueste Nachrichten“ (24. März 1902) über die „Jungmonarchisten Italiens“, ihren Anführer Giovanni Borelli und über die Gründungen der Zeitungen „Il rinnovamento“, „L’Idea liberale“, „L’idea“, „L’ora nuova“, „Il risveglio liberale“. Die „Jungmonarchisten“ werden dargestellt als Missionare unter den Arbeitern und Bauern und zugleich als fähige Redner in den einfachen Versammlungen der kleinen Städte, in denen sie Vorträge „nazionalökonomischen Inhalts“ halten. Die frühe Jugend schützt sie vor zu harten Schlägen: „Das italienische Volk ist selbst bei politischen Angelegenheiten nicht unbeeinflußbar von seinem ästhetischen Sinne. Ein Ephebe, der zu dem Volke auf einem öffentlichen Platze, selbst gegen die Überzeugung der Mehrzahl, frei und begeistert spricht, braucht den Groll der Menge nicht zu fürchten. er darf ihnen auch unliebsame Wahrheiten sagen.“ So wechselt auch der Ephebe Nino von der Melancholie der venezianischen Lagune in die Reihen des „Rinnovamento“ [Erneuerung].


Yüklə 0,98 Mb.

Dostları ilə paylaş:
1   ...   10   11   12   13   14   15   16   17   ...   20




Verilənlər bazası müəlliflik hüququ ilə müdafiə olunur ©muhaz.org 2022
rəhbərliyinə müraciət

    Ana səhifə