Revolution für die Freiheit


Die Spaltung der Arbeiterbewegung



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Die Spaltung der Arbeiterbewegung


Mit Kriegsausbruch war das stolze Gebäude der Sozialistischen Internationale wie ein morscher Baum in sich zusammengestürzt. Die «vaterlandslosen Gesellen» (so nannten sich die deutschen Sozialdemokraten gerne) entdeckten ihr Herz für das Wilhelminische Kaiserreich; sie waren ebenso bereit, gegen das zaristische Rußland zu marschieren wie gegen die französische Republik. Die sozialistische Idee war noch kaum in die Massen gedrungen. Für einen Teil der Linken in der deutschen Sozialdemokratie, die sich während des Revisionismusstreits um Rosa Luxemburg geschart hatten, Franz Mehring, Parvus, Radek, Schönlank, Karski, kam der Zusammenbruch nicht ganz unerwartet, doch kein Mensch hatte ihn in dieser Tiefe vorausgeahnt. Lenin war von der Katastrophe niedergeschmettert und nach Berichten von Zeitgenossen überzeugt, die Nummer des sozialdemokratischen «Vorwärts» mit der Nachricht, die Reichstagsfraktion habe die Kriegskredite bewilligt, sei gefälscht. Die tieferen Umschichtungen in der europäischen Arbeiterschaft waren ihm verborgen geblieben; die Autorität von Karl Kautsky bewunderte er noch zu einer Zeit, als Rosa Luxemburg mit ihm in heftigster Fehde lag. Seine Reaktion fiel dafür um so hitziger aus.

Gemeinsam mit der sozialistischen Jugend und der sozialdemokratischen Partei unternahmen die russischen Emigranten in der Schweiz Schritte, das internationale Gebäude wieder zu errichten. Dieses Vorhaben unterstützten auch die sozialdemokratischen Parteien der neutralen Länder, Italien, Schweiz, Holland und in Skandinavien. Es kam zu mehreren ergebnislosen Versuchen, bis sich 1915 im Landdörfchen Zimmerwald die erste sozialistische Konferenz unter dem Vorsitz von Robert Grimm versammelte. Neben den Organisationen der neutralen Länder waren die Russen, Polen und Bulgaren vertreten.



Aus Deutschland erschien als Vertreter des Spartakusbundes Hugo Eberlein mit dem Auftrag, sich der Spaltung der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland zu widersetzen. Die Konferenz versuchte, dem Internationalen Büro der Zweiten Internationale neues Leben einzuhauchen. Doch die großen Parteien standen alle im Dienste ihres Vaterlandes, und das Internationale Büro wollte von der Konferenz nichts wissen. Die russischen Bolschewiki unter Führung von Lenin, die eine scharfe Verurteilung der Internationale und revolutionäre Kampfmaßnahmen gegen den Krieg verlangten, blieben in der Minderheit. Lenin und seine Anhänger formierten die lose Zimmerwalder Linke, die ein Jahr später in Kienthal stärker in Erscheinung trat; sie postulierten die Losung Krieg dem Kriege, Umwandlung des Krieges in die proletarische Revolution, und setzten damit die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung auf die Tagesordnung.

Die Februarrevolution von 1917, die in Rußland den Zarismus hinwegfegte, löste in Deutschland und Mitteleuropa starke revolutionäre Bewegungen aus. Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen in Deutschland für kurze Zeit die Macht, in München wurde eine totgeborene Räterepublik gebildet (zuerst unter der Führung von Linkssozialisten und Anarchisten, zuletzt von Kommunisten), die aber bei der totalen Zerrissenheit der deutschen Arbeiterschaft nicht leben konnte. Genauso brach die ungarische Räterepublik zusammen, da das revolutionäre Rußland zu keiner Hilfeleistung fähig war. Sehr rasch zeigte sich, daß diese Aktionen nicht von der großen Mehrheit der Bevölkerung getragen wurden; denn diese wollte Frieden, Ruhe und Ordnung. In Rußland war es der bolschewistischen Partei gelungen, die provisorische Regierung unter Kerensky zu stürzen und die Macht zu ergreifen. In logischer Fortsetzung der in Zimmerwald und Kienthal bezogenen Positionen gründeten sie die kommunistische Dritte Internationale. Die Spaltung der Arbeiterbewegung war damit endgültig vollzogen. In der schweizerischen Sozialdemokratie entbrannte der Kampf für oder gegen die Dritte Internationale ebenfalls. An diesen Richtungskämpfen nahm die sozialistische Jugend lebhaft Anteil. Sie hatte schon auf ihrem Jugendkongreß 1920 in Aarau mit überwältigender Mehrheit den Anschluß an die neue kommunistische Jugendinternationale vollzogen, deren internationaler Sekretär Willi Münzenberg war. Zu einer eigentlichen Spaltung der Jugendorganisation kam es dabei nicht. Auf dem Kongreß sprachen nur drei Redner gegen den Beitritt: Emil Oprecht und Ernst Weber aus Zürich sowie Hermann Leuenberger aus Basel. Begeisterte Befürworter waren Emil Arnold, Fritz Sulzbachner und Fritz Lieb, der dem Kongreß präsidierte. In der Partei aber nahmen die Kämpfe stürmischen Charakter an. In Zürich war es schon 1919 zur Gründung einer kommunistischen Partei gekommen; sie bezog ihre Impulse aus Moskau, doch stammten viele ihrer Ideen von Fritz Brupbacher. Nach wenigen Nummern eines Blättchens namens «Der Vorbote» wurde von Joggi Herzog, Hermann Bobst, Simon Schwarz, Willi Trostel und anderen mit tatkräftiger Unterstützung der sozialistischen Jugend das Wochenblatt «Neue Ordnung» herausgegeben. Diese «Altkommunisten» hielten engen Kontakt mit der Parteilinken, die noch ihren Weg suchte. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz zählte damals in der Zweiten Internationale zu den linksstehenden Parteien. Sie lehnte die Landesverteidigung ab, bewilligte nie die Militärkredite und trat für eine etwas nebulose proletarische Revolution ein. Zu gleicher Zeit wie die Jungburschen veranstaltete die Sozialdemokratische Partei ihren Kongreß in Aarau. Er legte ein Bekenntnis zur russischen Revolution ab und votierte mit starker Mehrheit für den Eintritt in die Dritte Internationale. Allerdings sollte der Beschluß noch einer Urabstimmung unterzogen werden. Diese Mehrheit setzte sich aus den heterogensten Elementen zusammen und umfaßte auch wirklich überzeugte Anhänger der Dritten Internationale wie der schweizerische Parteisekretär Fritz Platten, ein Freund Lenins, der den Transit der russischen Emigranten aus der Schweiz im «plombierten Wagen» durch Deutschland organisiert hatte. Der geistig führende Kopf der Partei, der Berner Robert Grimm, stand gewiß stark unter dem Einfluß der Bolschewiki in Zimmerwald und Kienthal, wurde aber dort mißtrauisch gegen die Taktik und autoritäre Parteiführung Lenins. Er versah darum die Entscheidung über den Anschluß mit einigen Vorbehalten, um sich Rückzugsmöglichkeiten offenzulassen. Zu seiner Richtung gehörten, mit Nuancen, Ernst Nobs aus Zürich, Leon Nicole aus Genf sowie Paul Graber und Charles Naine, ebenfalls aus der französischen Schweiz. Von den Altkommunisten, der Jugendorganisation und der entschiedenen Parteilinken wurde der Aarauer Beschluß als bloßes Lippenbekenntnis bekämpft. Die drei Richtungen kamen überein, sich auf nationaler Ebene zu organisieren, traten in Olten zu einer Konferenz zusammen und konstituierten sich als Ausschuß der Linken. An der ersten Konferenz der Parteilinken nahm ich als Mitglied des Zentralkomitees der Jugend teil. Weder Fritz Platten noch Robert Grimm erschienen. Platten befand sich in Moskau, Grimm war krank. Seine Richtungsfreunde Nobs und Schneider waren anwesend und versuchten, Wasser in den gärenden Wein zu gießen. Der Schaffhauser Walter Bringolf gab einen Bericht über seine Reise nach Moskau, die er im Auftrag der Parteilinken unternommen hatte. Er befürwortete rückhaltlos den Eintritt in die Dritte Internationale. Zusammen mit Jules Humbert-Droz hatte er am Kongreß der Kommunistischen Internationale teilgenommen, der die berühmten 21 Bedingungen zur Aufnahme der Parteien stipulierte. Sie waren scharf, autoritär, verlangten im Prinzip eine vollkommene Unterordnung unter die russische Politik und waren für demokratische Sozialisten unannehmbar; an ihnen schieden sich die Geister. Alle jene, die mit Robert Grimm und dem Gewerkschaftsflügel in der Partei schon vor den 21 Bedingungen Einwände vorgebracht hatten, wurden nun heftige Gegner des Anschlusses. In der Parteilinken selbst flog die Spreu vom Weizen. Auf der zweiten Konferenz der Oltener Parteilinken kam es zum Bruch. Friedrich Schneider, Ernst Nobs, Conrad Wyss, Paul Graber wollten diese undemokratischen Bedingungen nicht schlucken. Nobs, der präsidierte, verließ nach stürmischen Debatten gemeinsam mit Schneider die Konferenz; sie wollten von nun an ihre eigenen Wege gehen. Noch im selben Jahr nahm ein außerordentlicher Kongreß der Sozialdemokratischen Partei in Bern Stellung zur Dritten Internationale. Diesmal war eine breite Mehrheit gegen die Eingliederung, die Spaltung damit perfekt.

Im März 1921 konstituierte sich die Linke in der «Eintracht» in Zürich zur Kommunistischen Partei der Schweiz. Die nachfolgende Urabstimmung in der Sozialdemokratischen Partei brachte eine erdrückende Mehrheit gegen den Beitritt zur Dritten Internationale. In Basel stimmte eine Mehrheit der Partei für den Anschluß. Vergeblich versuchte Friedrich Schneider, eine Revision der 21 Bedingungen zu erkämpfen, die Russen blieben hart. Schneider und seine Freunde traten in die Kommunistische Partei ein, aber die Gegensätze blieben bestehen. Beim Ringen um die Beherrschung des «Basler Vorwärts», den die Kommunisten eroberten, trat Schneider aus der Partei aus. Mit seinen Anhängern gründete er die UKP (Unabhängige Kommunistische Partei), die als Tageszeitung die «Arbeiterstimme» herausgab. Für kurze Zeit existierten in Basel drei Arbeiterparteien, da sich die Reste der Sozialdemokratischen Partei neu konstituiert hatten. Die Schneidersche Parteigründung erwies sich als kurzlebig, nach wenigen Monaten löste sich das Gebilde auf, und die Mitglieder kehrten in die Mutterpartei zurück.

Die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) war schwach. Bei den Nationalratswahlen zeigte sich, daß sie über nur geringen Einfluß verfügte. Sie besaß drei Tageszeitungen, den «Basler Vorwärts», den «Kämpfer» in Zürich und die «Schaffhauser Arbeiterzeitung». In Schaffhausen ging die Sozialdemokratische Partei unter dem Einfluß von Walter Bringolf geschlossen zu den Kommunisten über.



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