Revolution für die Freiheit


Rote Armee gegen Weiße Armee



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Rote Armee gegen Weiße Armee


Soweit waren die Dinge gediehen, als ich die Rekrutenschule absolvieren mußte. Die sozialistische Jugend pflegte traditionsgemäß eine antimilitaristische Haltung. Hatten sich früher bei ihr starke pazifistische Tendenzen bemerkbar gemacht, so änderte sich das nunmehr unter dem Einfluß der russischen Revolution. Jetzt hieß es, die bürgerliche Armee zersetzen, das Waffenhandwerk gut erlernen, um als braver Revolutionssoldat zu kämpfen. In diesem Sinne wollte ich eine Aktion in der Rekrutenschule starten. Das Jugendsekretariat sollte mir verabredungsgemäß auf Verlangen das erforderliche Material zusenden. Jugendsekretär Arnold hatte kurz zuvor eine kleine, aber scharfe Broschüre gegen die Weiße und für die Rote Armee geschrieben. Im Laufe der ersten zwei Wochen erhielt ich mehrere Pakete dieser Broschüre, Handzettel, Werbeplakate für die Rote Armee, auf denen die Köpfe von Lenin und Trotzki prangten. An einem Sonntag - die ganze Rekrutenschule war in die Stadt Luzern ausgeflogen - klebte ich in den Gängen Plakate, legte Broschüren und Handzettel auf die Zimmer. Als am Abend die Rekruten wieder in die Kaserne strömten, brach der Tumult los. Erst gab's ein Trompetensignal und dann das Verbot, die Zimmer zu verlassen. Die Wache mit einem Leutnant an der Spitze durchkämmte die Zimmer, sammelte das gefährliche Material ein. Die Plakate an den Wänden wurden entfernt. Da mein Koffer noch eine Menge Material barg, hätte Leugnen nichts gefruchtet und lag auch gar nicht in meiner Absicht. Ein junger Offizier trat in mein Zimmer, fragte nach dem Täter und wurde totenbleich, als ich mich selbst als den Schuldigen bezeichnete. Er befahl mir, auf dem Zimmer zu bleiben. Zum Appell durfte ich nicht erscheinen. Am nächsten Morgen mußte ich im Hof vor der ganzen Schule antreten. In Achtungstellung stand ich vor dem Schulkommandanten, der in einer fulminanten Rede mich abkanzelte und gegen die kommunistische Wühlarbeit in der Armee donnerte. Danach wurde ich von vier Wachsoldaten in die Mitte genommen und in die Arrestzelle abgeführt.

Ich war allein, legte mich auf die Pritsche und döste. Ein kleiner Ofen stand im Raum, geheizt wurde noch nicht. Über der Tür gab es ein mit Eisenstäben vergittertes Luftloch. In der Nacht marschierte ein Wachtposten vor der Zelle auf und ab. Auf der Pritsche stehend, konnte ich durch das Luftloch sehen und vielleicht mit dem Wachtsoldaten reden. Ich hatte Glück. In der zweiten Nacht schob ein Stubenkamerad Wache. Ich sprach ihn an und bettelte um Zigaretten. «So hoch komm' ich doch nicht», antwortete er. «Steck' sie einfach aufs Bajonett, dann greife ich sie», suggerierte ich ihm. Nach einigem Zögern steckte er ein halbes Päckchen Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer auf sein Seitengewehr, und ich konnte zufrieden rauchen. Jeden zweiten Tag war ich auf Wasser und Brot gesetzt. Die Methode, mich «zu verpflegen», hatte sich bei den Rekruten herumgesprochen; wer Wachdienst tat, machte sich einen Spaß daraus, mir eine Portion Wurst oder Käse aufzuspießen, die ich mir dann durch das Luftloch angelte.

Täglich durfte man eine halbe Stunde im Kasernenhof Luft schnappen, natürlich unter Begleitung einer Wache. Das war mir zu wenig. Ich schlitzte meine alten Militärhosen von oben bis unten auf. Entsetzt darüber, führte mich der wachhabende Unteroffizier zum Zeughausverwalter, der mir neue Hosen anpassen sollte. Der Verwalter war ein Zivilist, ein gemütlicher, älterer Herr. Zusammen suchten wir aus einem Riesenberg von alten Militärhosen ein passendes Paar heraus. So konnte ich eine gute Viertelstunde außerhalb der Zelle zubringen. Da die Wache täglich wechselte, wiederholte ich das Experiment noch zweimal, dann aber mochte der Verwalter die Komödie nicht weiter mitspielen und beschied mich trocken: «Das sind die letzten Hosen, die du kriegst, in Zukunft kannst du im Hemd herumlaufen.» Zehn Tage saß ich bereits im Arrest, da wurde ich plötzlich vor einen Hauptmann der Militärjustiz gebracht. Nicht unfreundlich, ließ sich der Offizier mit mir in eine politische Diskussion ein. Am Schluß erklärte er: «Sie können die Schule nicht abschließen, wir schicken Sie nach Hause. Den restlichen Teil der Rekrutenschule beenden Sie nächstes Jahr.»

Während dieses Intermezzos in der Rekrutenschule hatten sich im Zentralkomitee der sozialistischen Jugend wichtige Veränderungen vollzogen. Nach langen Traktationen war Emil Arnold neben Fritz Wieser zum zweiten Redakteur des «Basler Vorwärts» bestellt worden. Fritz Lieb war zurückgetreten, um seine Theologiestudien fortzusetzen. Fritz Sulzbachner befand sich seit längerer Zeit in Deutschland, wo er seine Kontakte mit der KAPD und der Zeitschrift «Die Aktion» immer enger gestaltete. So wurde ich zum Sekretär der sozialistischen Jugend gewählt und später von einem Kongreß bestätigt.


Moskau 1922


Die allgemeine Ebbe der revolutionären Bewegung war in unserem Lande besonders fühlbar, der große Elan der ersten Nachkriegszeit durchweg gebrochen. Die sozialistische Jugend, ehedem unter Münzenberg noch vier- bis fünftausend Mitglieder stark, hatte mehr als die Hälfte verloren, als ich das Amt des Jugendsekretärs übernahm. Das monatliche Organ, die «Neue Jugend», vermochte sich nur durch fortlaufende Zuschüsse der Partei über Wasser zu halten. Von einer regulären Bezahlung der Sekretariatsarbeit konnte keine Rede sein. Ich schrieb mich als Arbeitsloser ein, ging stempeln - und die Unterstützung, die ich bezog, war das Sekretärsgehalt. Als Jugendsekretär wurde ich automatisch Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und lernte so die führenden Männer kennen. Ende Oktober wurde ich als Delegierter zum Kongreß der Kommunistischen (so hieß nun die Bewegung nach dem Anschluß an die Dritte Internationale) Jugendinternationale in Moskau geschickt. Damals folgten diese Kongresse üblicherweise nach denjenigen der Kommunistischen Internationale, die Jugenddelegierten konnten ohne Stimmrecht teilnehmen.

Von der Kommunistischen Partei wurden Dr. Franz Welti, Arbeitersekretär Hermann Kündig und Martin Vogel aus Pratteln entsendet. Während meiner Reisevorbereitungen, tief bewegt von dem Gedanken, zum erstenmal das revolutionäre Rußland zu sehen, wurde mir ein Italiener vorgestellt, der mit wichtigen Nachrichten aus Italien nach Moskau sollte. In Italien hatte der Faschismus mit dem ehemaligen Sozialisten Mussolini an der Spitze die Macht ergriffen; die Arbeiterparteien und Gewerkschaften wurden verfolgt, in ihrer Aktivität sehr eingeengt, später ganz verboten. Einen detaillierten Geheimbericht über diese schwerwiegenden Ereignisse trug der Italiener in seine schöne, seidene Krawatte eingenäht bei sich, um ihn in Moskau dem italienischen Parteiführer Amadeo Bordiga zu überbringen. Der Italiener war ein junger, hübscher Fünfundzwanzigjähriger von echt südländischen Temperament. Einen Paß besaß er nicht. Wir sollten ihn mit mir zusammen unter Benützung eines Passierscheines über die Grenze lotsen. Am Tag der Abreise besorgte ich ihm einen Passierschein, kaufte zwei Fahrkarten nach Berlin und bedeutete dem Italiener, mir einfach zu folgen. Da ich diesmal mit Paß fuhr, bestanden für mich keine Schwierigkeiten; meinen Italiener aber wies der schweizerische Zoll aus unerfindlichen Gründen zurück. Helfen konnte ich nicht; so bestieg ich mit zwei Billets in der Tasche den Zug nach Berlin. Nachdem ich mich in meinem Abteil eingerichtet hatte, öffnete ich das Fenster - und sah gerade noch, wie der Italiener am hellichten Tage das große Eisentor zum Bahnhofsareal überstieg, einige Gleise überquerte und unseren Zug suchte. Ich winkte ihm lebhaft zu, bis er mich am Fenster erblickte und zu mir ins Abteil kam. Niemand hatte ihn verfolgt. Unglaublich, wie das ohne Hindernisse klappen konnte. Er war aufgeregt, ich wurde aus seinem Redeschwall nicht klug. Nun besaßen wir zwei Fahrkarten, doch nur eine davon war geknipst. Um neue Gefahren zu vermeiden, nahm ich das ungelochte Billett an mich. Dem kontrollierenden Schaffner stammelte ich eine Entschuldigung vor.

Wer in jenen Jahren nach Moskau wallfahrte, mußte in Berlin auf dem WEB (Westeuropäisches Büro) der Kommunistischen Internationale absteigen, das sich in der Feurigstraße befand. Dort bekam man Instruktionen über den weiteren Verlauf der Reise, wurden die falschen Pässe für die Illegalen ausgestellt, Reisegelder ausbezahlt, Reisegruppen zusammengestellt. Für die Jugendinternationale leiteten Willi Münzenberg und Leo Flieg die Arbeit. Hier traf ich zum ersten Mal mit Willi Münzenberg zusammen, der mich sofort über die Verhältnisse in der Schweiz ins Gebet nahm; da ich ihm keine Schweizer Schokolade mitgebracht hatte, wurde er saugrob. Die ganze technische Arbeit unterstand Leo Flieg. Er trat nie an die Öffentlichkeit; still, aber mit fabelhafter Präzision und unerhörter Geschicklichkeit räumte er die zahlreichen Schwierigkeiten für die Delegierten aus dem Weg.

In wenigen Stunden hatte er meinem italienischen Begleiter einen guten Paß verschafft, mit dem er die baltischen Grenzen und Polen passieren konnte. Flieg war schon damals das, was man später als «Apparatschik» bezeichnete. Er agierte im Hintergrund, erfüllte jede ihm von Moskau anvertraute Mission. Es wurde ihm schlecht gedankt. Flieg verschwand wie tausend andere in den Jahren der großen Säuberung in Rußland.

Die lettischen Grenzbeamten in ihren operettenhaften Uniformen begegneten den Reisenden mit ausgesuchter Feindseligkeit, schikanierten uns nach allen Regeln, wohl wissend, daß der größere Teil aus kommunistischen Delegierten bestand.

Die Züge befanden sich in einem trostlosen Zustand: verlottert, verrostet, vor Schmutz starrend und ohne Fenster. Fauchend, keuchend, funkenspeiend holperte der Zug durch die Nacht. Es war November, über die weiten Ebenen fegte der eisige Nachtwind und ließ alle Reisenden trotz ihrer Mäntel erbärmlich frieren. Seit der lettischen Grenze war der ganze Wagen voll Reisender mit dem Ziel Moskau, alles Delegierte zum Kongreß, obwohl keiner darüber ein Wort verlauten ließ. Kurz nach der Grenze, an einer kleinen lettischen Bahnstation, war eine hübsche Dame zugestiegen. Mein italienischer Reisegefährte wurde unruhig, manövrierte sich in kurzer Zeit an die Seite der Schönen, entfaltete alle Künste und begann eine temperamentvolle Offensive mit italienischen, englischen, französischen Wortfetzen und grotesken Gesten. Das Spiel, dem die Dame sichtlich Geschmack abgewann, amüsierte den ganzen Wagen. Bald waren die zwei nur noch ein schwer wahrnehmbares Bündel in ihrer Ecke, aus der nichts als Seufzen, Geflüster und Gekicher an unsere Ohren drang. Aus den Antworten der Dame hatten wir herausgehört, sie werde in Wilna aussteigen. Gegen Morgen kamen wir in der Stadt an, wo uns die Schöne verließ - unter Stöhnen und Seufzen unseres Südländers, der in seiner Verliebtheit den Zug mit ihr verlassen hätte, wäre er nicht von uns zurückgehalten worden.

Die polnischen Zoll- und Grenzbeamten waren noch gröber und schikanöser als die Balten. Die Pässe wurden eingesammelt, die Koffer peinlich genau durchwühlt, dann mußten wir stundenlang warten, bis jeder einzeln aufgerufen wurde, um seine Papiere wieder in Empfang zu nehmen.

Alle atmeten erleichtert auf, als wir endlich polnisches Gebiet verließen und ins Russische einliefen. In raschem Tempo brachte uns der Zug nach Moskau.

Die meisten Delegierten wurden in Moskau im Hotel «Lux» an der Twerskaja einquartiert. Der Kongreß der Kommunistischen Internationale hatte bereits begonnen, Lenins Eröffnungsrede war uns entgangen. Man händigte uns die notwendigen Papiere zum Verlassen und Betreten des Hotels aus, sowie die Delegiertenkarte zum Eintritt in den Kreml, wo der Kongreß stattfand. Am ersten Abend, gleich nachdem ich mit anderen Delegierten ein Zimmer bezogen hatte, brach ich zur Besichtigung der Stadt auf. Die Menschen waren schlecht gekleidet, viele Geschäfte noch mit Brettern vernagelt oder gähnend leer; es gab weder Autobusse noch Taxis. Hingegen war die Straßenbahn vollgestopft mit Menschen, sie hingen in Trauben an den Türen, standen trotz der Kälte auf den Trittbrettern oder dem hinteren Teil der Wagen. An den Haltestellen wärmten sich die Wartenden an großen offenen Feuern. Die Feuer wurden von Frauen unterhalten, die für die Bahn die Weichen stellten. Neben der Tram war das wichtigste Verkehrsmittel die Droschke; die Kutscher, auch sie wärmten sich auf ihren Warteplätzen an Holzfeuern, trugen dicke, lange Mäntel, eine Art Kaftan, und lange, struppige Bärte.

Eine richtige Plage, vor allem für die Ausländer, stellten die Rudel von bettelnden Kindern dar. Völlig verwahrlost, schmutzig und in zerlumpte Fetzen gehüllt, erkannten sie sofort den Ausländer, umringten ihn, um etwas zu erstehen oder um ihn zu bestehlen. Wenn sie in großen Banden auftraten, konnten sie gefährlich werden, da sie vor tätlichen Angriffen nicht zurückscheuten. Schon beim ersten flüchtigen Rundgang durch ein begrenztes Gebiet — ich wagte nicht, mich zu weit vom Hotel zu entfernen - staunte ich über die große Zahl der alten, schönen Kirchen mit ihren oft vergoldeten Zwiebelkuppen.



Gelangte man nach einigen Tagen Aufenthalt etwas weiter über den Stadtkern hinaus, so entdeckte man Moskau als ein Riesendorf, das zur Hälfte aus einfachen Holzhäusern bestand. In den Außenbezirken hatten die engen Straßen und Gassen keine Bürgersteige, so daß man bei Regenwetter knöcheltief im Dreck watete.

Am zweiten Tag erhielt jeder Delegierte ein Bündel Papiergeld, einen großen perforierten Bilderbogen, von dem man die Rubelscheine wie Briefmarken abtrennte. Viel kaufen konnte man dafür nicht; für ein paar Zigaretten im Schleichhandel oder für einen Apfel beim Schwarzhändler auf der Straße ging der halbe Bogen drauf. Die Händler standen mit ihren Körben am Straßenrand, spuckten von Zeit zu Zeit auf ihre Äpfel und polierten sie mit ihrem Ärmel auf Hochglanz. Oft, wenn wir gerade einen Apfel kaufen wollten, packte der Händler in wilder Hast seinen Korb und rannte weg; denn sein geübtes Auge hatte von weitem einen Milizmann erspäht. Am Abend pirschten sich zahlreiche Prostituierte an die Ausländer heran. Der Kongreß der Kommunistischen Internationale tagte im riesigen Kronleuchtersaal des Kreml. Kaum hatte man den mächtigen Torbogen der Kremlmauer auf dem Roten Platz durchschritten, stand man vor einer riesengroßen Glocke, aus der ein Stück ausgebrochen war. Das Monstrum hatte im großen Glockenturm aufgehängt werden sollen, war zu schwer gewesen und herabgestürzt. Hinter den hohen roten Kremlmauern verbarg sich ein ganzer Komplex von Bauten: die Räumlichkeiten der Zarenfamilie, Konferenzsäle, Gebäude für zeremonielle Veranstaltungen, Wohnungen für das Personal, Stallungen. Der dritte Kongreßtag wurde von Grigorij Sinowjew eröffnet. Der Präsident der Internationale und Vorsitzende des Sowjets von Leningrad war ein fettlicher Mann mit fahler Gesichtsfarbe und dichtem Kraushaar. Seine hohe Fistelstimme störte zuerst; kam er als Redner aber in Schwung, konnte er sein Publikum mitreißen. Anwesend waren gegen achthundert Delegierte. Man hatte den rückwärtigen Teil des prachtvollen Raumes abgeschrankt, und hinter der Barriere konnte das russische Publikum (Parteimitglieder) den Verhandlungen folgen. Die Delegierten saßen nach Sprachgruppen zusammen, Hauptsprachen waren Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch; die wichtigsten Reden wurden simultan in alle vier Sprachen übersetzt. Hauptthema des Kongreßtages war die französische Frage, Berichterstatter Leo Trotzki. Lange bevor er auf der Tribüne erschien, drängten sich die Delegierten aus den Wandelgängen in den Saal, um sich rechtzeitig einen Platz zu sichern. Eine Rede Trotzkis war ein Ereignis. Der Schöpfer der Roten Armee, der den Bürgerkrieg siegreich beendet hatte, stand im Zenith seines Ruhmes. Er war sich dessen bewußt. Als die Gestalt Trotzkis hinter dem Rednerpult auftauchte, brach ein Beifallssturm los. Von etwas über mittelgroßer Statur, das schwarze Haar zurückgekämmt, den Kneifer auf der Nase, den Spitzbart kämpferisch in die Höhe gereckt, in eine schmucklose Litewka gekleidet, wartete er in straffer Haltung das Ende der Ovation ab. Trotzki sprach in einem ausgezeichneten Französisch, nahm nur selten Zuflucht zu seinen Notizen. Im Saal saßen die Vertreter der französischen Kommunistischen Partei, Marcel Cachin und Frossard. In großen Zügen schilderte Trotzki die Lage Frankreichs, analysierte die Parteien und kritisierte schonungslos die mangelhafte Führung der Kommunistischen Partei. Mit beißender Ironie geißelte er Marcel Cachin, dem er nichts aus seiner sozial-chauvinistischen Vergangenheit nachsah. Er erinnerte ihn daran, daß er während des Krieges als Beauftragter der französischen Regierung nach Italien gegangen war, um dieses Land für den Eintritt in den Krieg an der Seite der Alliierten zu kaufen. Im einzelnen malte er aus, wie Cachin damals dem Chefredakteur des sozialistischen Parteiblattes «Avanti», Benito Mussolini, Geld für Kriegspropaganda überbracht hatte.

In atemloser Stille lauschte der Kongreß der tiefen, weittragenden Stimme, applaudierte begeistert den brillanten, spontanen Formulierungen des großen Rhetorikers. Totenbleich, in sich zusammengesunken, mußte Cachin die erbarmungslose Abrechnung anhören. Jeder empfand dies nach Lenins Eröffnungsrede als einen Höhepunkt des Kongresses.

Cachins Verteidigungsrede bestand aus einem verlegenen Gestammel, einem Reuebekenntnis, der servilen Versicherung, künftig ein braver Kommunist zu sein, sowie aus einer flehentlichen Bitte um Vertrauen. Es war ekelhaft.

In den Wandelgängen des Kongresses begegnete man zahlreichen Männern des neuen Regimes, die sich mit den Delegierten aus allen Ländern unterhielten. Da marschierte Lunatscharski Arm in Arm mit dem norwegischen Schriftsteller Andersen-Nexö, Nikolai Bucharin, klein, schmächtig, lebhaft, diskutierte eifrig mit deutschen Delegierten. Kamenew und Rykow, ein Kettenraucher, schritten auf und ab. Der rotbärtige Karl Radek wanderte von einer Gruppe zur anderen, gab seine Witze zum besten, heimste Informationen ein. Tomski, der Sekretär der russischen Gewerkschaften, unterhielt sich in einer Ecke mit «Big Bill», Bill Haywood, dem amerikanischen Führer der IWW (Organisation der Internationalen Weltarbeiter), die einst gewaltige gewerkschaftliche Kämpfe geführt hatte. Haywood war einäugig, im Handgemenge mit Agenten der privaten Detektivagentur Pinkerton, die gegen Streikende eingesetzt wurde, hatte man ihm ein Auge ausgeschlagen. Der Kontrast zwischen dem kleinen Russen und dem amerikanischen Riesen frappierte.

Inzwischen war es in Moskau sehr kalt geworden. Durch Vermittlung von Lazar Schatzkin, dem Sekretär des russischen Jugendverbandes, erhielt ich einen dicken Pelzmantel. Zu dem kärglichen Essen gab es Schwarztee ohne Zucker in rauhen Mengen - unentbehrlich zum Hinunterspülen des feuchten Schwarzbrots (aus dem manchmal noch Strohhalme guckten), das trotzdem schwer im Magen lag. Als Hauptnahrungsmittel diente die schwarze «Kascha», ein aus dem Wasser gezogener Hirsebrei. Selten gab es mal ein Ei. Das kalte Klima, die ungenügende und ungewohnte Nahrung wirkten unter den ausländischen Delegierten verheerend. Viele kämpften wochenlang mit der Dysenterie, mußten ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen. Im Hotel «Lux» saß ich oft mit den Leuten von der schweizerischen Parteidelegation zusammen. Sie waren alle mehr oder weniger krank, schwach auf den Beinen, bettlägerig. Der dicke Martin Vogel aus Pratteln hatte für sich vorsorglich einen großen Koffer voll Fressalien mitgeschleppt, an denen er sich heimlich labte. Die Herrlichkeit währte nur kurz. Eines Tages kam Vogel ins Zimmer von Franz Welti gestürzt, wo wir meist zusammen saßen, und schrie fuchsteufelswild: «Das ist ein Skandal, man hat mir meinen Koffer gestohlen!» Hermann Kündig bereiteten andere Sorgen schlaflose Nächte. Er teilte sein Zimmer mit einem Delegierten, der sich jede Nacht mit einer anderen Frau im Bett vergnügte.

Nach Schluß des Kongresses gab es im Großen Saal des Gewerkschafthauses ein feudales Bankett für die Kongreßdelegierten. An endlos langen Tischen saßen die Ausländer und Russen bunt durcheinander. Die Tafeln bogen sich unter der Last der auserlesenen Speisen und Getränke. Da gab es gefüllte Fasanen, Bärenschinken, feinsten Lachs, Kapaunen, schwarzen und roten Kaviar, gedörrten Fisch, guten Wein von der Krim und aus Grusinien, sogar kirgisische Pferdemilch. Alle Früchte des Landes lagen in geflochtenen Körben vor den maßlos erstaunten Ausländern. Viele der ausländischen Delegierten konnten ihren Mißmut nicht verbergen und gaben ihn eingedenk der Hungertage, die sie «heroisch» überstanden hatten, offen kund. Der Kongreß der Kommunistischen Jugendinternationale dauerte eine Woche. Er war nur ein seichter Abklatsch des Parteikongresses. Auch in der Jugendbewegung dominierten die Russen mit Lazar Schatzkin, Fjodor Zetlin, dem baumlangen Kaukasier Lominadse. Die drei Sekretäre des Komsomol beherrschten die landläufigen europäischen Sprachen, waren begabte Redner und kannten sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung glänzend aus. Von den Ausländern traten drei in Erscheinung: der Österreicher Richard Schütter und die jugoslawischen Brüder Vujowitsch. Diese ganze Elite, die Führung der Kommunistischen Jugendinternationale, fand keine Gnade vor Stalin. Ein Teil wurde füsiliert, die übrigen verschwanden spurlos bei den Säuberungen der dreißiger Jahre, in denen alle oppositionellen Richtungen durch physisches Liquidieren ihrer Vertreter ausgeschaltet wurden. Schüller und einer der Brüder Vujowitsch verhörten mich eingehend über die Schweizer Verhältnisse. Im Auftrage des Zentralkomitees des Jugendverbandes sollte ich 1000 Dollar zur Finanzierung unserer antimilitaristischen Tätigkeit und zur Unterstützung der Jugendzeitung anfordern. Die Summe wurde trotz meines Einspruchs auf die Hälfte reduziert.

Nach sechs Wochen Aufenthalt rüstete ich mich zur Heimfahrt. Das Gros der Parteidelegierten war bereits abgereist. Wir erhielten von den Russen genaue Anweisungen für unser Verhalten beim Passieren der Grenzen. Nehmt überhaupt kein Material mit, das wird auf besonderen Wegen nachgeschickt, hieß es, und bei Schwierigkeiten wendet euch an die russischen Vertretungen.

Auf der Rückreise schloß ich mich einem Teil der deutschen Delegation an, die von dem Erziehungsfachmann Edwin Hörnle geleitet wurde. In Riga blieb der Zug stehen, wir mußten alle aussteigen und zwei Tage warten. Eine Stadtbesichtigung war ausgeschlossen, es wimmelte von Polizisten in Uniform und Zivil, die jeden Ausländer aufpickten, seine Papiere kontrollierten, ihn oft auf ein obskures Polizeikommissariat schleppten und stundenlang verhörten. Mit mehreren Delegierten suchte ich lieber auf dem Sowjetkonsulat Unterschlupf, wo wir ohne Decken oder Matratzen auf dem Boden schlafen konnten. Glücklicherweise war gut geheizt.

Nach zwei Tagen durften wir Weiterreisen und erreichten mitten in der Nacht die lettisch-deutsche Grenze. Wie gewohnt waren die Letten saugrob und zogen die Formalitäten in die Länge. Als wir endlich unsere Papiere zurück erhielten, fehlten die meinigen und die eines Ungarn. Auf unsere Beschwerde forderte uns ein Offizier auf, ihm zu folgen. Wir weigerten uns. Er holte vier Soldaten, sie zerrten uns beide aus dem Zug. Es gab einen wilden Aufruhr, deutsche und andere Delegierte setzten sich heftig für uns ein, Edwin Hörnle zückte seine Papiere als Reichstagsabgeordneter, und endlich gaben die Letten nach. Wir bekamen unsere Papiere und konnten den Zug wieder besteigen. Ohne Zwischenfall gelangten wir mit der Deutschen Reichsbahn nach Berlin.



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