Revolution für die Freiheit



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Sommer in Sibirien


In den Monaten Juni, Juli, August schloß die Universität ihre Pforten, die Studenten konnten in die Ferien reisen und ihren Aufenthaltsort selbst nach freiem Ermessen bestimmen. Einzige Bedingung: man mußte einen Monat Parteiarbeit ableisten. Der Student bekam die Bahnfahrt bezahlt und eine kleine Summe Zehrgeld ausgehändigt. Erb, Uli und ich wählten Sibirien. Unser Parteiauftrag lautete, am Bestimmungsort Untersuchungen über die Lage der Landwirtschaft, Struktur und Arbeit der Kolchosen zu führen, wenn irgend möglich bei der Arbeit lokaler Parteizellen mitzuhelfen und nötigenfalls solche zu bilden. Unser Ziel war Irkutsk am Baikalsee. Da unser Russisch viel zu primitiv war, vollzog sich unsere Parteiarbeit in den Dörfern der deutschen Kolonien.

Am Bahnhof in Moskau standen wir abwechselnd zwei Tage und zwei Nächte um die Fahrkarten an. Die breiten russischen Wagen waren geräumig, jedes Abteil bot Schlafplätze für sechs Personen - wenn auch nur einfache ungepolsterte Holzpritschen, auf denen man sich recht und schlecht ausstrecken und mit einer mitgebrachten Decke zudecken konnte. In jedem Wagen, wie auch auf jeder Station, gab es «Kipjatok», heißes Wasser zum Teeaufbrühen. Die Züge mit ihren Holzfeuerungsloks fuhren unendlich langsam, hielten an den kleinsten Orten, wo die Bevölkerung sofort zusammenlief und ihre Waren zum Verkauf anbot - Eier, Milch, Brote, Backwaren und Früchte. Unser Zug war überfüllt mit Bauernfamilien, die sich, mit sämtlichem Hausrat bepackt, in die Abteile und Gänge zwängten. Kinder, Matratzen, Teekessel, Körbe, Riesenbündel mit undefinierbarer Habe - alles schleppten sie mit, und alles verstopften sie. Woher und wohin diese Familien reisten, blieb uns dunkel.

Nach achttägiger Bahnreise erreichten wir Omsk. Dort meldeten wir uns beim Parteikomitee und bekamen die vorgesehene Parteiarbeit zugewiesen. Erb schickte man irgendwo in die Nähe von Irkutsk, Uli und mich zusammen in zwei deutsche Siedlungen fünfzig Kilometer von Omsk entfernt. Die Fahrt dorthin im Zweiräderkarren rüttelte uns tüchtig durch. Wir mieteten uns bei Bauern ein, denen wir einen Rubel pro Tag bezahlen konnten. Das war finanziell offenbar attraktiv, denn der Dorfsowjet beschloß sofort, wir hätten das Quartier alle acht Tage zu wechseln, um keine Unzufriedenheit aufkommen zu lassen.

Die deutschen Bauern in Sibirien stammten fast ausnahmslos aus Süddeutschland, viele hatten noch ihren Dialekt bewahrt, wenn die Sitten, natürlich, schon russisch waren. Sie gehörten meist der lutherischen Kirche an, Gottlosenbewegung und Partei hatten einen schweren Stand, die Bauern politisch aufzuklären. Das Produktions- und Lebensniveau der deutschen Bauern war bedeutend höher als das der russischen Bauern. Dennoch ergab sich nach einer ersten Aussprache mit dem Lehrer, einem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, als unsere wichtigste Hilfeleistung, den Leuten Lesen und Schreiben beizubringen. So mußten wir wider Erwarten als einfache Dorfschullehrer improvisieren und in den drei uns zugeteilten Dörfern dreimal wöchentlich unterrichten. Auf Initiative des Lehrers hin hatten die drei Dörfer gemeinsam eine Milchgenossenschaft gebildet, die aber noch ganz in den Kinderschuhen steckte. Alle unsere Bemühungen um Verbesserungen stießen auf den hartnäckigen passiven Widerstand der Bauern. Uns Neulingen war das Dorf leben mit seinen Nöten Neuland. Für die drei Dörfer gab es eine einzige Schule, ein altes Bauernhaus, das notdürftig für diesen Zweck hergerichtet war. Mit dem Dorflehrer begannen wir den Bau einer neuen Schule. Aus einer Grube fuhren wir Lehm heran. Nachdem er gut durchnäßt, mit Stroh und Kuhmist vermischt und von uns mit den bloßen Füßen stundenlang gestampft worden war, formten wir aus der Masse eine Art roher Backsteine, die wir einige Tage lang an der Sonne trocknen ließen und dann zu Hauswänden zusammenfügten, deren Fugen mit nassem Lehm ausgestrichen wurden. Schon zwei Wochen später stand das Schulhäuschen; und nun zimmerten wir mit einigen Bauern aus Holz und Weidengeflecht das Dach. Es war wohl die nützlichste Arbeit, die wir in dieser Zeit geleistet haben.

Sibirien war ein wunderbares Land. Wir halfen den Bauern bei der Erntearbeit, und es machte ihnen viel Spaß, uns zu zeigen, wie man mit der Sense das Gras schnitt, auf die hohen Wagen lud und in die Scheunen einbrachte. In der weiten Steppe gab es große Flächen, wo wir mit der Sense Erdbeeren mähten, die dann in großen Körben eingesammelt wurden. Am Abend kamen sie in Riesenschüsseln mit dicker Milch auf den Tisch.

In den deutschen Siedlungen wimmelte es von religiösen Sekten, was nicht nur für Sibirien galt, wie ich später in der Ukraine und im Kaukasus feststellen konnte. Doch hier hatten wir es mit einer ganz bestimmten Sekte zu tun, die eifrig ihren Glauben an sieben Himmel propagierte. Und mindestens ebenso viele Tugenden waren notwendig, um in den siebten Himmel zu gelangen. Gegen diese raffinierte Dialektik kamen wir mit rationalen Argumenten nicht an. Nach einem Monat dieser nicht sehr ergiebigen Parteiarbeit kehrten wir mit einer etwas realistischeren Einstellung zum Landleben nach Omsk zurück.

Omsk war damals eine typische Provinzstadt. Nur im Zentrum gab es Steinbauten - vornehmlich administrative Gebäude - während der Rest aus solide gehauenen Blockhäusern bestand. Holzplanken entlang den Häuserfronten stellten die Bürgersteige dar und waren nach oder bei einem Gewitter wahre Rettungsbalken. Im Parteihaus konnten wir uns gratis einquartieren, um auf die Ankunft von Erb zu warten. Nach zwei Tagen erschien er, völlig abgerissen, verschmutzt, mit kohlschwarzem Bart. Seine Hosen reichten knapp bis an die Knie, sie waren sichtlich mit der Schere abgeschnitten worden, als Weste trug er eine alte zerschlissene Uniformjacke. Kurz vor dem Ende seiner Parteiarbeit war ihm eines Nachts alles gestohlen worden, außer seinen Papieren. Um wenigstens bekleidet nach Omsk zu kommen, bettelte er sich ein paar alte Lumpen zusammen. Obendrein war er völlig verlaust. Zu allererst rannte er zu einer gründlichen Wäsche ins russische Bad. Uli und ich machten unterdessen einen Besichtigungsgang durch Omsk und plauderten munter miteinander. Plötzlich hielt uns ein gut gekleideter Mann an: «Ah, Sie sprechen Deutsch!» Er stellte sich vor als Ingenieur und ungarischer Kriegsgefangener: «Ich bin hier verheiratet, freut mich, wieder mal Deutsch zu sprechen. Oh, ich war auch schon ein paar Tage in der Schweiz. Darf ich Sie für heute abend zum Essen einladen? Meine Frau würde es sich zur Ehre anrechnen, Ihnen einen echt ungarischen Gulasch zu servieren.»

Wir akzeptierten mit Freuden, vergaßen dabei aber ganz unseren Freund Erb. Als er aus dem Bad kam, setzten wir ihn ins Bild und ersannen folgende Kriegslist: Wir zeigten ihm das Haus, wo wir eingeladen waren, und verabredeten, daß er zur bestimmten Zeit davor pfeifen solle, woraufhin wir unserem Gastgeber erklären würden, daß wir zu dritt seien. Um ihn einigermaßen hoffähig auszustaffieren, lieh ich ihm meine schneeweißen Sommerhosen.

Uli und ich dinierten mit dem Ungarn und seiner Frau herrlich, jedoch das Pfeifen von Erb wollte und wollte nicht ertönen. Als wir ins Parteihaus zurückkehrten, lag er bereits im Bett und war verärgert. Der arme Kerl hatte sich in der Straße geirrt, vor dem falschen Haus gepfiffen und gepfiffen, bis sein Getue verdächtig wurde und die Miliz ihn abführte; dank seiner Parteiausweise ließen sie ihn wieder laufen.

Unsere restlichen sechs Ferienwochen wollten wir am Baikalsee zubringen. Die Bahnfahrt Omsk-Irkutsk dauerte nochmals drei Tage. Von dort benützten wir eine Nebenbahn zum See. Auf dem Parteikomitee in Irkutsk hatte man uns eine Adresse in einem kleinen Nest am Baikal angegeben, wo wir Quartier machen konnten. Die 24stündige Fahrt nach Missowaja gehörte zu unseren schönsten Erlebnissen. Durch zahlreiche Tunnel dampfte der Zug langsam an dem weiten, klaren, im Mondschein blinkenden Gewässer entlang. Mit jeder Biegung, jeder Tunnelausfahrt wechselte das Bild, bald fuhren wir auf hohen, steilen Felsen am Ufer dahin, bald durch den Wald, durch dessen Bäume von Zeit zu Zeit der glitzernde Spiegel herüber leuchtete. In Missowaja war der Lehrer unser Quartiergeber, auch er ein ehemaliger deutscher Kriegsgefangener. Er gab uns gründlich Auskunft über die Gegend, und wir unternahmen wundervolle Wanderungen durch den Wald, wo wir uns an Heidelbeeren satt aßen. Wir kehrten nicht jeden Abend nach Missowaja zurück, sondern nächtigten einige Male in alten Holzfällerhütten. Alles hat ein Ende, wir mußten an die Umkehr denken.

Um Platz und Billett für den Zug von Missowaja nach Irkutsk mußten wir wieder zwei Tage und zwei Nächte vor dem Schalter anstehen. Der ganze Bahnhof war vollgestopft mit reisenden Bauern oder Arbeitern mit ihren Familien, die hier schon seit Tagen auf einen Zug warteten.

In Irkutsk bot der Bahnhof dasselbe Bild, ganz Rußland schien auf Reisen befindlich. Der große Wartesaal war ein einziges Wallensteinsches Nachtlager, die Menschen schliefen auf dem Boden, auf Matratzen oder Decken, entlausten sich, kochten ihren Tee. Für die lange Fahrt nach Moskau hatten wir von unserem letzten Geld einige Eier, einen großen gedörrten Fisch sowie einige Laibe Brot erstanden. Die Lebensmittel auf den Märkten in Omsk und Irkutsk waren außerordentlich billig und von bester Qualität. Für einige Kopeken bekam man eine Vierliterflasche Milch, für fünf Kopeken ein Dutzend Eier, für etwa zehn Kopeken ein Kilo fetten sibirischen Käse. Auf dem Bahnhof in Irkutsk hatten sich Erb und Uli Läuse geholt; sie konnten sich nur mit viel Mühe und dank hilfreicher Erklärungen der Mitreisenden von der Plage befreien. Ich blieb glücklicherweise stets von Läusen verschont. Diese ganze Rückreise nach Moskau war strapaziös, unser Eßvorrat reichte nicht, nach wenigen Tagen fing unser Fisch an zu stinken und mußte zum Fenster hinausgeworfen werden. Die letzten zwei Tage waren eine kleine Hungerkur.




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