Wintersemester 2006/07



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Das Es

„Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt und unbewußt, diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus dem W-System als Kern entwickelt. ... Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm zusammen. ... Das Verdrängte ist nur vom Ich durch die Verdrängungswiderstände scharf geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommunizieren. ...

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direkten Einfluß der Außenwelt unter Ver­mittlung von W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der Oberflä­chendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Einfluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprin­zips zu setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das Ich die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Be­sonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält.“
Sigmund Freud, Das Ich und das Es (1923), Studienausgabe Bd. III, 283, 284, 292, 293f.

Sigmund Freud, Das Ich und das Es, Studienausgabe (1923), Bd. III, 293.

Das Ich

„Man könnte das Verhältnis des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd verglei­chen. Das Pferd gibt die Energie für die Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter das Roß dahin führen muß, wohin es selbst gehen will.


Das arme Ich ... dient drei gestrengen Herrn, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen in Einklang miteinander zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer auseinander, scheinen oft
unvereinbar zu sein; kein Wunder, wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die drei Zwingherrn sind die Außenwelt, das Über-Ich und das Es. ... Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen muß, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es.“
Sigmund Freud, 31. Vorlesung (auf der Basis von 'Das Ich und das Es' von 1923), Studienaus­gabe Bd. I, 514, 515.
Das Über-Ich (Ichideal)
„Es war uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch die Annahme aufzuklä­ren, daß ein verlorenes Objekt im Ich wiederaufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird. ...
Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgege­benen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. ...
Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch ein Höheres Wesen im Men­schen geben, antworten: 'Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer Elternbeziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später in uns selbst aufgenommen.“

Sigmund Freud, Das Ich und das Es (1923), Studienausgabe, Bd. III, 296, 297, 303.
„Die Grundlage dieses Vorgangs ist eine sogenannte Identifizierung, d.h. eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten so be­nimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich aufnimmt. ... Die Identifizierung ist eine sehr wichtige Form der Bindung an die andere Person, wahrscheinlich die ursprüng­lichste, nicht dasselbe wie eine Objektwahl.“

Sigmund Freud, 31. Vorlesung, Studienausgabe Bd. I, 501.

Walter J. Schraml, Einführung in die Tiefenpsychologie für Pädagogen und Sozialpädagogen, 61976 (1968), 110.

Neurose und Psychose

„Die gemeinsame Ätiologie für den Ausbruch einer Psychoneurose oder Psychose bleibt im­mer die Versagung, die Nichterfüllung eines jener unbezwungenen Kindheitswünsche, die so tief in unserer phylogenetisch bestimmten Organisation wurzeln. Diese Versagung ist im letzten Grunde immer eine äußere. ... Der pathogene Effekt hängt nun davon ab, ob das Ich in solcher Konfliktspannung seiner Abhängigkeit von der Außenwelt treu bleibt und das Es zu knebeln versucht oder ob es sich vom Es überwältigen und damit von der Realität losreißen läßt. ...


Die Übertragungsneurose [= Hysterie- Angst- und Zwangsneurose] entspricht dem Konflikt zwischen Ich und Es, die narzißtische Neurose dem zwischen Ich und Über-Ich, die Psychose dem zwischen Ich und Außenwelt. ...
Die Übertragungsneurosen entstehen nach dem Ergebnis aller unserer Analysen dadurch, daß das Ich eine im Es mächtige Triebregung nicht aufnehmen und nicht zur motorischen Erledi­gung befördern will oder ihr das Objekt bestreitet, auf das sie zielt. Das Ich erwehrt sich ihrer dann durch den Mechanismus der Verdrängung; das Verdrängte sträubt sich gegen dieses Schicksal, schafft sich auf Wegen, über die das Ich keine Macht hat, eine Ersatzvertretung, die sich dem Ich auf dem Wege des Kompromisses aufdrängt, das Symptom; das Ich findet seine Einheitlichkeit durch diesen Eindringling bedroht und geschädigt, setzt den Kampf ge­gen das Symptom fort, wie es sich gegen die ursprüngliche Triebregung gewehrt hatte, und dies alles ergibt das Bild der Neurose.“

Sigmund Freud, Neurose und Psychose (1923), Studienausgabe Bd. III, 335, 336, 333f.


  1. Religion als Zwangshandlung



Methodologische Anmerkung

„Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissen­schaft mit solchen Definitionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige Anfang der wissen­schaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzu­wenden, die man irgendwoher, gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt.“



Sigmund Freud, Triebe und Triebschicksale (Metapsychologische Schriften, 1915), Studienaus­gabe Bd. III, 81.

„Ich bin gewiß nicht der erste, dem die Ähnlichkeit der sogenannten Zwangshandlungen Nervö­ser mit den Verrichtungen aufgefallen ist, durch welche der Gläubige seine Frömmig­keit bezeugt. Der Name ‘Zeremoniell’ bürgt mir dafür, mit dem man gewisse dieser Zwangs­handlungen belegt hat. Doch scheint mir diese Ähnlichkeit eine mehr als oberflächliche zu sein, so daß man aus einer Einsicht in die Entstehung des neurotischen Zeremoniells Analo­gieschlüsse auf die seelischen Vorgänge des religiösen Lebens wagen dürfte. ...


Die Analyse der Zwangshandlungen hat uns bereits eine Art von Einsicht in die Verursachung derselben und in die Verkettung der für sie maßgebenden Motive ermöglicht. Man kann sa­gen, der an Zwang und Verboten Leidende benimmt sich so, als stehe er unter der Herrschaft eines Schuldbewußtseins, von dem er allerdings nichts weiß ... . Dies Schuldbewußtsein hat seine Quelle in gewissen frühzeitigen Seelenvorgängen, findet aber eine beständige Auffri­schung in der bei jedem rezenten Anlaß erneuerten Versuchung und läßt andererseits eine immer lauernde Erwartungsangst, Unheilserwartung, entstehen, die durch den Begriff der

Bestrafung an die innere Wahrnehmung der Versuchung geknüpft ist. Zu Beginn der Zeremo­niellbildung wird dem Kranken noch bewußt, daß er dies oder jenes tun müsse, sonst werde Unheil geschehen ... . Der jedesmal nachweisbare Zusammenhang zwischen dem Anlasse, bei dem die Erwartungsangst auftritt, und dem Inhalte, mit dem sie droht, ist dem Kranken bereits verhüllt. Das Zeremoniell beginnt so als Abwehr- oder Versicherungshandlung, Schutzmaßregel.


Dem Schuldbewußtsein der Zwangsneurotiker entspricht die Beteuerung der Frommen, sie wüßten, daß sie im Herzen arge Sünder seien; den Wert von Abwehr- und Schutzmaßregeln scheinen die frommen Übungen (Gebete, Anrufungen usw.) zu haben, mit denen sie jede Tä­tigkeit des Tages und zumal jede außergewöhnliche Unternehmung einleiten.“
Die zugrunde liegende Tatsache „ist allemal die Verdrängung einer Triebregung. ... Auch der Religionsbildung scheint die Unterdrückung, der Verzicht auf gewisse Triebregungen zugrunde zu liegen; es sind aber nicht wie bei der Neurose ausschließlich sexuelle Kompo­nenten, sondern eigensüchtige sozialschädliche Triebe, denen übrigens ein sexueller Beitrag meist nicht versagt ist.
Nach diesen Übereinstimmungen und Analogien könnte man sich getrauen, die Zwangsneu­rose als pathologisches Gegenstück zur Religionsbildung aufzufassen, die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose zu bezeichnen. ...

Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutionelle Triebe ... scheint eine der Grundlagen der menschlichen Kulturentwicklung zu sein. Ein Stück dieser Triebverdrängung wird von den Religionen geleistet, indem sie den einzelnen seine Trieblust der Gottheit zum Opfer bringen lassen.“



Sigmund Freud, Zwangshandlungen und Religionsübungen (1907), Studienausgabe, Bd. VII, 12-21 (Hervorhebungen von Freud).


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