Wintersemester 2006/07



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Der „Mann Mose“

„Wir bemerken jetzt, daß der Schatz der religiösen Vorstellungen nicht allein Wunscherfül­lungen enthält, sondern auch bedeutsame historische Reminiszenzen.“



Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, Studienausgabe Bd. IX, 176.

„Ich habe seit damals [‚Totem und Tabu’, 1912] nicht mehr bezweifelt, daß die religiösen Phänomene nur nach dem Muster der uns vertrauten neurotischen Symptome des Individuums zu verstehen sind, als Wiederkehr von längst vergessenen, bedeutsamen Vorgängen in der Urgeschichte der menschlichen Familie, daß sie ihren zwanghaften Charakter eben diesem Ursprung verdanken und also kraft ihres Gehalts an historischer Wahrheit auf die Menschen einwirken (507) …



Die Konstruktion geht von einer Angabe Ch. Darwins aus ... . Sie besagt, daß in Urzeiten der Urmensch in kleinen Horden lebte, jede unter der Herrschaft eines starken Männchens. ... Das starke Männchen war der Herr und Vater der ganzen Horde, unbeschränkt in seiner Macht, die er gewalttätig gebrauchte. ... Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung dieser ersten Art von ‚sozialer’ Organisation soll gewesen sein, daß die vertriebenen, in Gemeinschaft le­benden Brüder sich zusammentaten, den Vater überwältigten und nach der Sitte jener Zeit roh verzehrten. ... die Erinnerung an die gemeinsam vollbrachte Befreiungstat und die Gefühls­bindungen aneinander, ... führten endlich zu ... einer Art von Gesellschaftsvertrag. Es entstand die erste Form einer sozialen Organisation mit Triebverzicht, Anerkennung von gegenseitigen Verpflichtungen, Einsetzung bestimmter, für unverbrüchlich (heilig) erklärter Institutionen, die Anfänge also von Moral und Recht. ... Ein starkes, vielleicht zuerst immer auch gefürch­tetes Tier wurde als Vaterersatz gefunden ...“ und verehrt (529f.).
„Es wäre der Mühe wert zu verstehen, wie es kam, daß die monotheistische Idee gerade auf das jüdische Volk einen so tiefen Eindruck machen ... konnte. Ich glaube, man kann diese Frage beantworten. Das Schicksal hat dem jüdischen Volke die Großtat und Untat der Urzeit, die Vatertötung, nähergerückt, indem es dasselbe veranlaßte, sie an der Person des Moses, einer hervorragenden Vatergestalt, zu wiederholen. Es war ein Fall von ‘Agieren’, anstatt zu erinnern, wie er sich so häufig während der analytischen Arbeit am Neurotiker ereignet (536f.). ...
Es ist kaum gleichgültig oder zufällig, daß die gewaltsame Tötung eines anderen großen Mannes auch der Ausgangspunkt für die religiöse Neuschöpfung des Paulus wurde. ... Dann ist auch an der Auferstehung Christi ein Stück historischer Wahrheit, denn er war [der aufer­standene Moses und hinter ihm] der wiedergekehrte Urvater der primitiven Horde, verklärt und als Sohn an die Stelle des Vaters gerückt (537). ...
Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu verleugnen fortfuhr, hat im Laufe der Zeiten schwer dafür gebüßt. Es wurde ihm immer wieder vor­gehalten: Ihr habt unseren Gott getötet. Und dieser Vorwurf hat recht, wenn man ihn richtig übersetzt. Er lautet dann auf die Geschichte der Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben, daß ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater, und seine späteren Reinkarnationen) gemordet habt. ... Wir haben freilich dasselbe getan, aber wir haben es zugestanden, und wir sind seither entsühnt“ (538).
„Dem Verhängnis, den Vater beseitigen zu müs­sen, ist es [das Christentum] nicht entgangen“, und die Kommunion sei eine „neuerliche Beseitigung des Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat“. Auch habe die christliche Religion „die Höhe der Vergeistigung nicht eingehalten, zu der sich das Judentum aufgeschwungen hatte“, sei in „durchsichtiger Verhüllung“ zum Polytheismus zu­rückgekehrt und in magische Praktiken zurückge­fallen.
Sigmund Freud, Der Mann Mose und die monotheistische Religion, Studienausgabe, Bd. IX, 580, 536.
Die psychologische ‚Wahrheit’:
„Wir haben ... erfahren, ... daß nichts leichter von uns geglaubt wird, als was, ohne Rücksicht auf die Wahrheit, unseren Wunschillusionen entgegenkommt“ (574).
Die historische ‚Wahrheit’:
„Das heißt, wir glauben nicht, daß es einen einzigen großen Gott heute gibt, sondern daß es in Urzeiten eine einzige Person gegeben hat, die damals übergroß erscheinen mußte und die dann zur Gottheit erhöht in der Erinnerung der Menschen wiedergekehrt ist“ (574)
Die Verbindung von Individual- und Menschheitsgeschichte vollzieht sich nach Freud da­durch, „daß im psychischen Leben des Individuums nicht nur selbsterlebte, sondern auch bei der Geburt mitgebrachte Inhalte wirksam sein mögen, Stücke von phylogenetischer Herkunft, eine archaische Erbschaft.” ... Freud scheint es möglich, “die Behauptung aufzustellen, daß die archaische Erbschaft des Menschen nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte umfaßt, Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen. ... Wenn wir den Fortbestand sol­cher Erinnerungsspuren in der archaischen Erbschaft annehmen, haben wir die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrückt, können die Völker behandeln wie den einzel­nen Neurotiker (545, 546, 547). ...
Eine Tradition, die nur auf Mitteilung gegründet wäre, könnte nicht den Zwangscharakter erzeugen, der den religiösen Phänomenen zukommt. ... Sie muß erst das Schicksal der Ver­drängung, den Zustand des Verweilens im Unbewußten durchgemacht haben, ehe sie bei ihrer Wiederkehr so mächtige Wirkungen entfalten, die Massen in ihren Bann ziehen kann“ (548) ...

„Aber aus dem jüdischen Volk erhoben sich immer wieder Männer, die die verblassende Tra­dition auffrischten, die Mahnungen und Anforderungen Moses’ erneuerten und nicht rasteten, ehe das Verlorene wiederhergestellt war.“ - im Dienste des Triebverzichts als Nötigung zu einem „Fortschritt in der Geistigkeit“ und des damit verbundenen Erwählungsbewußtseins (557ff.).


„Während aber der Triebverzicht aus äußeren Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren Gründen, aus Gehorsam gegen das Über-Ich, eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt außer der unvermeidlichen Unlustfolge dem Ich auch einen Lustgewinn, eine Ersatzbefriedi­gung gleichsam. Das Ich fühlt sich gehoben, es wird stolz auf den Triebverzicht wie auf eine wertvolle Leistung. [...] Der Fortschritt in der Geistigkeit besteht darin, daß man gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu Gunsten der sogenannten höheren intellektuellen Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen, Überlegungen, Schlussvorgänge“ (562f.).
Kommentare zum „Mann Mose“:
„Aber was mich besonders dran jetzt an Ihrer Auffassung faszinierte, ist ein spezieller Cha­rakter der ‘Wiederkehr des Verdrängten’, nämlich der Umstand, wie damit ganz Hohes und Kostbares wiederkehrt ... . Bisher stellten wir uns unter ‘Wiederkehr des Verdrängten’ Bei­spiele neurotischer Prozesse am meisten vor: allerlei zu Unrecht Verdrängtes bedrängte den Menschen unheimlich mit altersstarren Schemen, weil er das Urvertraute darin spürte und doch ängstlich von sich abwehrte. Hier sind es nun Beispiele für das Überleben des siegreich Lustvollsten von einstmals, als ‘wahrster’ Besitz.“

Brief von Lou Andreas Salomé an Freud, aus: Briefwechsel, Ernst Pfeiffer (Hg.), Frank­furt/Main 1966, 227.
„Sie sagen: ‚Allem, was mit der Entstehung einer Religion, gewiß auch der jüdischen zu tun hat, hängt etwas Großartiges an, das durch unsere bisherigen Erklärungen nicht gedeckt wird. Es müßte noch ein anderes Moment beteiligt sein, für das es wenig Analoges und nichts Gleichartiges gibt, etwas Einziges und etwas von der gleichen Größenordnung wie das, was daraus geworden ist, wie die Religion selbst.’
Diese Äußerung verdient unseren Beifall, denn hier wird gesagt, was gesagt werden muß: daß trotz aller Anstrengungen von Religionshistorikern, Theologen und anderen Wissenschaftlern und ungeachtet der im Lauf von mehr als hundert Jahren erzielten Fortschritte das Wesentli­che immer noch nicht greifbar ist, die unheimliche Macht der Religion nämlich, Männer und Frauen über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg in ihren Bann zu ziehen. Wir sollten uns daher nicht nur für den Ursprung einer Religion interessieren, sondern für ‘das, was daraus geworden ist’. ... Ebenso wichtig wie der Ursprung, wenn nicht gar wichtiger, ist also die Tra­dition, die Überlieferung. ... Mit anderen Worten, Kraft und Lebensdauer einer religiösen Überlieferung lassen sich nicht begreifen, wenn die Überlieferung vor allem geistes- oder bildungsgeschichtlich dargestellt wird oder auch als Symbolsystem ..., wenn man die psy­chologische Dimensionen außer acht läßt. ...
Die Psychoanalyse sollte ... auf eine nicht reduktionistische Weise klären ... helfen, welche unbewußten Wünsche jeweils befriedigt werden, wenn man innerhalb einer bestimmten reli­giösen Tradition lebt ... .
Nehmen wir an, die Religion, die große Illusion, hat, wie Sie sagen, keine Zukunft. ... Sollten Sie mir jedoch sagen, es gäbe für sie keine Hoffnung, so würde ich einfach erwidern: Mag sein, daß Sie recht haben. Vielleicht aber ist Ihre Lehre in diesem Punkt, in der Frage von Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit, und nicht hinsichtlich Ihrer eigenen Gottlosigkeit, beson­ders unjüdisch.
Der Nutzen der gesamten Antidiskriminierungsliteratur liegt ... nicht in der minimalen Wir­kung auf Antisemiten, sondern in dem Trost, die sie den Juden bei der Lektüre bietet. Das Trösten aber war nie Ihre Stärke ... .“

Yosef Hayim Yerushalmi: Freuds Moses, Berlin 1992, 128/29; 132; 141; 143.

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