Die Phasen von Übergangsritualen im Kontext Aufstellungen



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©Guni Leila Baxa


Die Phasen von Übergangsritualen im Kontext Aufstellungen

Rituale wie Aufstellungen (und auch andere szenische Verfahren) “leben” davon, dass sie durchgeführt werden. Es werden Prozesse vollzogen, die in ihrer Wirkung unmittelbar wahrgenommen, gesehen, gehört, gespürt und gefühlt werden können. Je nach Kultur sind der weltanschauliche Hintergrund, die Bilderwelt und die Symbolik von Übergangsritualen sehr unterschiedlich. Doch in allen Gesellschaften erfüllen sie dieselben oder ähnliche Funktionen. Funktionen, die zur Zeit in unserer westlichen Kultur – so meine ich- zu einem Großteil von Psychotherapie, Beratung und anderen verwandten Bereichen erfüllt werden.


Auch der Ablauf von Übergangsritualen folgt einer bestimmten Abfolge von Schritten. Auf diese, ein 3stufiges Phasenmodell, gehe ich im Folgenden etwas näher eingehen und es dann im Kontext von Aufstellungen zu betrachten.
Erstmals wurde diese Abfolge von Schritten 1909 von dem Ethnologen Arnold Van Gennep in seinem Hauptwerk Übergangsrituale beschrieben. Van Gennep spricht von 3 Phasen, den Trennungsriten, den Umwandlungs - oder Schwellenriten und den Wiedereingliederungsriten, die in allen Übergangsritualen vorkommen- wenn auch vielleicht mit unterschiedlicher Gewichtung. Etwa 20 Jahre später fand J. Campbell diese Phasen auch in Mythen und Märchen wieder. Campbell versteht diese Abfolge von Phasen als das Wie, als die Weise, in der sich Veränderung und Transformation organisiert. Sie sind die Schritte, in denen sich existentielle, geistige oder psychische Transformationsprozesse vollziehen. Diese erweiterte Sicht macht das Modell für all die Bereiche interessant, in denen es um sich anbahnende Veränderung und Wandlung geht. Es lädt auch zu Fragen ein nach den Charakteristiken und nach Ziel führenden Vorgehensweisen für die einzelnen Phasen. Für die Entwicklung therapeutischer Rituale machte das z.B. die amerikanische Fam.therapeutin Evan Imber-Black. Oder A. Retzer und Kollegen im Rahmen von Supervision.

Wie ist diese Abfolge von Schritten - etwas detaillierter - zu verstehen?

Vorbereitungsphase

Ruf

Schwelle

Wiedereingliederung

Schwellen – oder Durchführungsphase

Rückkehr


Der Ruf

Jeder Veränderungsprozess, so Campbell, beginnt mit einem Ruf. Einem Ruf, der darauf hinweist, dass eine Struktur, eine bisher praktizierte Ordnung an ihre Grenze gestoßen ist; dass ein Sich-Trennen, ein Sich-Lösen von Gewohntem und Vertrautem notwendig wird.

Der Ruf kann eine Aufforderung aus unserer Innenwelt sein oder ein Anstoß von außen. Im Märchen von den sieben Raben verlässt ein Mädchen heimlich sein Elternhaus, um seine sieben in Raben verwandelten Brüder zu erlösen. Da kommt der Ruf von innen. Ganz anders beim Märchen von Tischlein deck dich. In diesem weist ein Vater seine Söhne auf Grund ungerechtfertigter Anschuldigungen aus dem Haus. Da kommt der Anstoß von außen. Oder ein ganzes Land befindet sich in Not und ein tapferer Held zieht aus, um es vom Drachen zu befreien.
Vorbereitungsphase

Wird der Ruf angenommen und brechen die Held.Innen– ich folge mit dieser Bezeichnung J. Campbell - und brechen die Held.Innen auf, treffen sie auf erste kleinere Herausforderungen. Erste Zeichen einer noch unbekannten Realität blitzen auf. Da bittet etwa ein in eine Falle geratenes Tier um Befreiung. Oder ein unscheinbares Weiblein hockt am Wegrand und fordert zum Verweilen auf. Manchmal bieten sich geheimnisvolle Gestalten - ein Fährmann, ein Zauberer, eine Hexe, eine Fee - als Begleiter oder Lehrherren an.


Der zentrale Aspekt dieser ersten Wegstrecke ist die Frage: Wie reagieren die Helden auf die Begegnungen? Übersehen sie scheinbar Unscheinbares? Sind sie bereit, den um Hilfe bittenden Menschen und Tieren beizustehen? Hören sie die Stimme, die im Bach murmelt oder die Worte, die der Wind flüstert? Manchmal - wie Märchen berichten - wird diese Trennungs- Ablösungs - oder Vorbereitungsphase mehrmals durchlaufen, ehe das Jüngste von mehreren Geschwistern die Herausforderungen meistert.
Doch werden diese ersten Herausforderungen angenommen, wandeln sie sich zu schützenden, wohlgesinnten und helfenden Kräften; zu notwendigen Ressourcen für den weiteren Weg.

Schwelle

Dieser Weg führt die Held.Innen an eine Schwelle. An die Schwelle, die den Übergang in einen noch offenen, unbekannten Bereich markiert, den Bereich möglicher Wandlung. Ein zumeist beängstigender Übergang.


In der Märchenwelt wird die Schwelle von Torhütern bewacht. Da gibt es Feuer speiende Drachen, riesige Schlangen oder andere bedrohliche Ungeheuer. Oder der jenseitige Ort wird durch einen tiefen Abgrund oder einen reißenden Fluss vom Rest der Welt getrennt. Campbell versteht diese Torhüter als Symbolisierungen der Ängste und Gefahren, die so ein Schritt ins Unbekannte auslösen kann. An der Schwelle sind die zuvor erworbenen Ressourcen und Helfer von Nöten. Der aus der Falle befreite Adler kann über den tiefen Graben fliegen. Das vom alten Weiblein überreichte Amulett schläfert den Drachen ein. Das ins Ohr geflüsterte “Sesam öffne dich“ ermöglicht den Zugang in die gesuchte Höhle.

Schwellenphase

Mit dem Überschreiten der Schwelle beginnt eine Phase - die Schwellen – oder Durchführungsphase - in der sich die Heldinnen weder hier noch da befinden. Sie bewegen sich weder in der alten noch in der neuen Struktur. Im Alltag geltende Gewissheiten sind hier außer Kraft gesetzt.


Vertraute Grenzen, wie etwa die Grenze zwischen Ordnung und Chaos, die Grenze zwischen Wildnis und Kultur oder auch die Grenze zwischen Lebenden und Toten scheinen aufgelöst, normaler Raum und normale Zeit aufgehoben. Diese Phase lässt der Spekulation freien Lauf. Sie ist, wie Retzer sagt, das Reich einfacher Hypothesen. Es öffnen sich Spielräume, die eine gewisse Freiheit zum Jonglieren mit den Faktoren der Existenz zulassen. Das Ungewisse und Uneigentliche herrscht vor - mit einer eher poetischen und bilderreichen Sprache.
Mythen und Märchen sprechen von diesem Ort als dem Anderland, einem vom Alltag her nicht zugänglichen Bereich. Da gibt es vielleicht den paradiesischen Garten, in dem das Wasser des Lebens fließt. Oder ein prächtiges Schloss, eine Höhle voll Gold und Edelsteinen, die Tiefe des Meeres oder eine geheimnisvolle Lichtung im dunklen Wald.
In diesem Land, dem Anderland, vollziehen sich stufenweise Prozesse der Auflösung, der Umorientierung, der Umwandlung und der Neuordnung.
Wiedereingliederung

Aus dem Anderland kehren Heldin oder Held mit Geschenken zurück. Das kleine Mädchen kehrt nach Hause zurück mit den verloren geglaubten Brüdern, der Drachentöter erhält die Tochter des Königs zur Frau, die jungen Männer kehren heim mit einem „Tischlein deck dich“ und anderen Zauberdingen.


Die Phase der Wiedereingliederung dient der Integration dieser Gaben - den neu erworbenen Fähigkeiten, der vertieften Einsicht, Reichtum oder großem Segen - in den Alltag. Das zuvor so Andere und Fremde, dem Jenseitigen Zugeschriebene, kann als Dimension erkannt werden aus der Welt, in der wir leben. Als eine bisher vielleicht vergessene oder ausgeschlossene oder verdrängte Dimension.

Das Phasenmodell beim Stellen von Systemen

Übergangsrituale thematisieren die Auswirkungen existentieller und sozialer Veränderungen. Sie begleiten die auf Grund der Veränderung notwendige Um- und Neuorientierung für die betroffene Gemeinschaft als auch für deren einzelne Mitglieder. Sie klären dabei Fragen von Zugehörigkeit, Verantwortung, Schuld und Unschuld, Krankheit, Gesundheit usw. Die Rituale geben Raum für Gefühle und den Ausdruck subjektiven Erlebens und dienen auch der Entwicklung persönlichen Wachstums.


Auch Aufstellungen dienen diesem Ausloten von Eingebunden - Sein in Gemeinschaft einerseits und Individualität und persönlichem Wachstum andererseits. Das Stellen von Systemen ist eines der wenigen in unserer westlichen Kultur praktizierten Verfahren, mit dessen Hilfe dieses Ausloten auf so verdichtete Weise möglich ist.

Vorbereitungsphase
Übergangsrituale schenken nicht nur der Schwellenphase, sondern auch den anderen beiden Phasen große Aufmerksamkeit. Was uns vielleicht auch für das Stellen von Systemen zu mehr Achtsamkeit für diese Phasen anregen kann.

Der Raum oder Naturplatz - für die Zeit des Rituals als sakraler Raum definiert – wird liebevoll gestaltet und vorbereitet. Über Anrufungen, Lieder, Gebete werden universelle und spirituelle Instanzen eingeladen, das Ritual zu schützen und mitzutragen. Zudem wird die Bereitschaft und innere Ausrichtung der Initiant.Innen für die bevorstehenden Veränderungsschritte sorgfältig überprüft


Auch beim Stellen von Systemen benötigen wir einen geschützten Rahmen. Wie etwa einen geeigneten Raum und geeignetes Setting, Informationen zum äußeren Ablauf, der Zeitstruktur usw. Jedoch auch Informationen zum Stellen von Systemen, zum Übernehmen von Rollen, zum Entrollen u.a.m.

Vor allem aber vollziehen wir beim Stellen von Systemen einen sich oftmals wiederholenden Wechsel von Wirklichkeiten. Der Wirklichkeit des gestellten Systems in die andere, sich näher am Alltag bewegende Realität der Gruppe. Achtsamkeit auf ein klares Differenzieren dieser beiden Realitäten unterstützt einen sicheren Rahmen. Unterstützt wird dieses Differenzieren der Realitätsebenen auch mit Zeit für Rückmeldungen, Austausch, Reflexion und Fragen.


Besonders Gewicht, meine ich, kommt in der Vorbereitungsphase dem Klären der jeweiligen Fragestellung der Protagonist.Innen, - dh. derjenigen, die eine Aufstellung machen wollen - zu. Das Anliegen führt als roter Faden durch die Aufstellung. Ist es unklar oder vorwiegend von Hypothesen und Lösungsideen des Aufstellungsbegleiters gesteuert, wirkt sich das lähmend auf den Aufstellungsprozess aus. Ich vermute, dass viele der sogenannt abgebrochenen Aufstellungen auf einer unklaren Vorarbeit beruhen. Vorgehensweisen aus der Systemischen Therapie und der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie sind mir in dieser Vorarbeit besonders hilfreich. Zielarbeit, Wunderfrage, Verwendung von Metaphern, erste kleine Reframings, zirkuläres Fragen, Beachten des Überweisungskontextes u.a. Dies können auch schon stärkende und stützende Elemente für die Aufstellung sein und durchaus auch kleine Herausforderungen darstellen.

Und selbstverständlich gehört in diese Phase auch das Überprüfen, inwieweit eine Aufstellung dem Anliegen überhaupt angemessen ist bzw. ihm gerecht werden kann.



Schwellenphase

Die Schwellenphase bildet das Herzstück bei Übergangsritualen - auch bei Aufstellungen. Je nach beruflichem und weltanschaulichem Hintergrund der Aufstellungs-Begleiter.Innen kommen in dieser Phase sehr unterschiedliche Konzepte zum Tragen und es wird eine Vielzahl an methodischen Varianten eingesetzt. Zunehmend wird das Stellen von Systemen auch mit anderen therapeutischen Ansätzen kombiniert. Da z.B. können Traumatherapie, Körperarbeit oder Kommunikationstechniken mit hineinspielen, oder aber Aufstellungen werden in andere Verfahren integriert, wie die Gestalttherapie, bewegungstherapeutische Ansätze, Kunst – und Musiktherapie, Mediation ....

Die Vielfalt an praktizierten Vorgehensweisen dieser Phase fassen Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer zu drei Hauptkategorien zusammen: Stellungsarbeit, Prozessarbeit und Tests.
Die Stellungsarbeit beruht vor allem auf dem Ausloten stimmiger Positionen im Beziehungsgefüge des gestellten Systems, sowie dem Hinzunehmen von eventuell noch fehlenden, ausgeschlossenen oder verdrängten Systemaspekten oder Systemmitgliedern.
In der Prozessarbeit wird an einer Verbesserung des Befindens der Systemmitglieder gearbeitet. Einige Interventionsmöglichkeiten habe ich in der Folie angedeutet. Doch, wie schon erwähnt, ist da die Vielzahl an Vorgehensweisen sehr groß und es würde den Rahmen sprengen, hier darauf einzugehen.
Tests werden eingesetzt um Hypothesen oder auch vermutete Dynamiken zwischen Systemmitgliedern zu überprüfen.
Der Ethnologe V. Turner hat sich viele Jahre nach Van Gennep intensiv mit der Schwellenphase befasst. Er umschreibt sie mit dem Begriff der Liminalität und stellte fest, dass unter Teilnehmern, die gemeinsam die Liminalität durchlaufen, eine Gemeinschaftlichkeit entsteht, in der alle gleich sind. Liminalität hebt Alltagsrollen, Hierarchien, gesellschaftlichen Stand usw. auf.

Wie die Übergangsrituale werden auch Aufstellungen von einer ganzen Gruppe getragen. Gemeinschaftsprozesse und individuelle Prozesse sind eng miteinander verwoben. Alle am Ritual bzw. einer Aufstellung Beteiligten sind gleichzeitig Gebende und Nehmende. Es entsteht ein gleichwertiges Miteinanderteilen und Füreinander da sein. Neben ihren individuellen Prozessen erleben viele TeilnehmerInnen das als besonders eindrücklich. Als eine Erfahrung, die ihnen zuvor nicht oder nur ahnungsweise zugänglich war und die sie für ein achtsameres Miteinander im Alltag öffnet.



Rückkehr und Wiedereingliederung

Bei Übergangsritualen beginnt die Rückkehr mit dem Auflösen des Ritualraumes. Den begleitenden Kräften wird gedankt und es werden Hinweise für den Umgang mit den gemachten Erfahrungen gegeben. Die Initiant.Innen erhalten häufig einen neuen Namen und werden in der Gemeinschaft damit begrüßt und gefeiert. Für den Übergang in den Alltag erhalten sie eine gewisse Schonzeit und ältere Mitglieder weisen sie in ihre neuen Rollen und die damit verbundenen Aufgaben und Rechte ein.

Bei Aufstellungsseminaren haben sich für viele Teilnehmer. Innen Empfehlungen und Vorschläge für zu Hause bewährt. Vorschläge, die sich aus dem Aufstellungsprozess ergeben, wie etwa Weisen des absichtlichen Pendelns zwischen altem und neuem Verhalten, wiederholtes Visualisieren des Lösungsbildes und andere Imaginationen, ein Abschiedsritual, ein Fest, das Malen eines Bildes, aufhängen von Fotos, einen Baum pflanzen usw.
Für alle TeilnehmerInnen ist es gut, sie auf eine vielleicht noch sensible und nicht ganz stabile Zeit des Wieder – Ankommens im Alltag aufmerksam zu machen; ihnen etwas Schonzeit nahe zu legen. Auch sind Lösungsbilder von Aufstellungen als metaphorische Aussagen zu verstehen; nicht als reale Handlungsaufforderungen. Für die Integration und die Umsetzbarkeit der Lösungsentwicklungen empfiehlt sich der Hinweis, Lösungsbilder vorerst in sich zu bewegen. Und eine Weile zu beobachten, wie sie sich im künftigen Handeln und in den Beziehungsgestaltungen auswirken.

Ein chassidischer Märchenerzähler sagte einmal:



Kein Ding der Welt vermag aus einer Wirklichkeit in eine andere Wirklichkeit zu kommen, wenn es nicht vorher zum Nicht kam - zur Wirklichkeit des Dazwischen. Da ist es Nichts und niemand kann es begreifen. Es ist zur Stufe des Nichts gelangt wie in der Zeit vor der Schöpfung der Erde. Und da wird es zu einem neuen Dasein, zu einer neuen Ordnung und Wirklichkeit erschaffen. (Mündliche Weitergabe)
Übergangsrituale schreibt J. Roberts in dem Buch Rituale fungieren “für Individuen, Familien und soziale Gemeinwesen sowohl als Bewahrer und Schöpfer einer sozialen Struktur als auch als Bewahrer und Schöpfer von Weltbildern. Ich meine, dass Aufstellungen in unserer westlichen Kultur unsere Weltbilder, sozialen Regeln und Strukturen einerseits stabilisieren, diese andererseits aber auch transformieren und damit dazu beitragen, auch neue Sichten und Ordnungen schaffen.


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