Pierre Bourdieu



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#39327

Pierre Bourdieu

Das Fernsehstudio und seine Kulissen

(aus: Über das Fernsehen, Edition Suhrkamp, 1998)

Abstract:

In seinem Vortrag „Das Fernsehstudio und seine Kulissen“ kritisiert Pierre Bourdieu das Fernsehen in seiner heutigen Form. Für ihn ist ein Auftritt auf dem Bildschirm gleichbedeutend mit „einer regelrechten Zensur, einem Verlust an Autonomie“. 1

Schlagwörter:

Bourdieu, Fernsehen, Fast-thinkers, Einschaltquoten, vermischte Meldungen, Moderator, Scheindebatte, bonnes Clients

Kathrin Ulreich 0305653

Armin Rainer 0303253

Marc Müller 9808882

Martin Stieger 9952352

696511 VO: Medienpädagogik: Medienbildung, Medienkompetenz, Medienkultur

Univ. Prof. Dr. Thomas A. Bauer, Institut für Publizistik- und

Kommunikationswissenschaft, Universität Wien, WS 2004/2005


Einleitung

Zu Beginn dieser Arbeit werden wir kurz die Thematik des Artikels umreißen um den weiteren Verlauf der Arbeit einzuleiten.

Im zweiten Teil versuchen wir die Hintergründe des Artikels vorstellen und die Thesen und Forschungsergebnisse präsentieren. Im Anschluss daran werden wir Verbindungen zur Medienpädagogik suchen und abschließend versuchen, die gewonnenen Erkenntnisse zu interpretieren.
Ausarbeitung

Pierre Bourdieu war in Frankreich einer der großen Soziologiestars und hat sich in den letzten Jahren seines Lebens mit seiner Kritik an der Globalisierung und dem vorrangig ökonomisch bestimmten Zusammenwachsen der EU einen Namen gemacht. 1996 unternahm er einen Versuch eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, indem er zwei Fernsehsendungen machte, die vom College de France produziert und vom Privatsender Première gesendet wurden. Als Thema nahm er sich das Fernsehen vor, benutzte es aber lediglich als Bühne, um einen Vortrag zu halten, wie er ihn ansonsten an der Universität gehalten hätte.

Seiner Meinung nach sei eine lange öffentliche Rede eine der verlässlichsten Formen des Widerstands gegenüber Manipulation und ein Ausdruck von Gedankenfreiheit.
In seinem Vortrag „das Fernsehstudio und seine Kulissen“ meint Bourdieu, dass das Fernsehen einer symbolischen Gewalt entspricht, die sich zum Beispiel in den so genannten „vermischten Meldungen“ widerspiegelt. „Vermischte Meldungen“ sind im allgemeinen Inhalte der Sensationspresse, wie zum Beispiel Blut, Sex, Tragödien oder Verbrechen. Aufgrund der hohen Einschaltquote dieser Meldungen haben sie sich von den hinteren Rängen an den Beginn der Fernsehnachrichten gestellt.2 Bourdieu sieht das Problem der vermischten Meldungen in ihrer Irrelevanz und ihrer Funktion wichtiges zu verbergen. Da das Fernsehen aber für viele Menschen die einzige Informationsquelle ist sind sie nur mit vermischten Meldungen, also Unwichtigem konfrontiert.

Journalisten müssen aufgrund ihrer Arbeit Nachrichten selektieren. Bourdieu beschreibt dieses Verfahren als Brille durch welche Journalisten bestimmte Dinge sehen. Sie wählen meist das Sensationelle und Spektakuläre. Der Soziologe nennt diese Methode „Dramatisierung im doppelten Sinn“: „Sie setzt Ereignisse in Bilder um, und sie übertreibt ihre Bedeutung, (…), seinen dramatischen, tragischen Charakter.“3 Eine Gefahr sieht Bourdieu im Wirklichkeitseffekt des Fernsehens. Es kann Bilder zeigen und dadurch erreichen, dass die Menschen glauben, was sie sehen, was dazu führt, dass das Fernsehen zunehmend bestimmt was wichtig ist und was nicht, bzw. „ wer und was sozial und politisch existiert“.4 Aufgrund des Wettbewerbs unter den Journalisten und dem Bestreben Informationen als Erster zu haben, bringen Fernseh- und Radionachrichten letztendlich die gleichen Meldungen, nur in einer anderen Reihenfolge. Da Journalisten immer miteinander in Kontakt stehen, sich auf Debatten und Pressekonferenzen treffen und zumindest gleich viel Information wie die Konkurrenz haben wollen, kommt es laut Bourdieu zu einer zirkulären Zirkulation, einer Art Teufelskreis bzw. Zensur, die es den Reportern nicht erlaubt für sie unübliche, jedoch wichtige Information zu produzieren.

Laut Bourdieu gilt für alle Redaktionen ein gewisser Verkaufserfolg als Maßstab, er nennt das die „Einschaltquotenmentalität“. Selbst für renommierte Blätter wie „Le Monde“ gilt die Quote als höchste Instanz bzw. der Markt mehr und mehr als Legitimationsinstanz. jedoch gerade das sture fokussieren auf die Verkaufszahlen verhindere das Entstehen neuer Betrachtungsweisen und Errungenschaften. Bourdieu bezieht sich auf menschliche Errungenschaften wie die Philosophie oder die Mathematik welche ja auch nicht durch die Bevorzugung des Kommerzes entstanden sind. Die Herstellung neuer Werke ist also in Gefahr wenn diese nicht den Publikumserwartungen entsprechen. Der Autor bezeichnet die heutige Medienlandschaft weiters als sehr oberflächlich, da die Zeitungen und Fernsehanstalten unter immer größeren Zeitdruck stehen, die Geschichte jedoch beweise, dass es einen Zusammenhang zwischen Denken und Geschwindigkeit gibt, bzw. das man Themen nicht korrekt ausarbeiten und hinterfragen kann, wenn man es eilig hat. „Denker“, die vom Fernsehen zum Beispiel zu Diskussionen eingeladen werden bezeichnet, der Soziologe als „Fast-thinkers“. Diese Menschen haben die Fähigkeit in

„Gemeinplätzen“ zu denken, was bedeutet, dass ihre Kommunikation auf Banalität und dem Schein von Kommunikation beruht. Information wird daher als „Fast Food“ angeboten, also als vorgekaute und vorgedachte geistig Nahrung.5


Interessant ist Bourdieu´s Analyse der falschen Fernsehdebatten. Er beschreibt Fernsehdiskussionen in welchen zwei Seiten, in diesem Fall die rechte und linke Fraktion in einer Debatte zum Schein miteinander diskutieren, obwohl die zwei Diskussionspartner sich schon lange kennen. „Das Universum der ständigen Fernsehgäste ist eine geschlossene Welt, in der jeder jeden kennt.“6 Für uns relevanter ist seine Beschreibung der scheinbar „echten Debatten.“ Er kritisiert die Rolle des Moderators, der objektiv sein sollte und über die Einhaltung der Spielregeln wachen sollte. Denn seiner Meinung nach greift auch der Moderator unbewusst durch seine Fragestellung und seinen Tonfall ein. Durch Schweigen, Gesten, Mimik und Augenbewegungen verrät selbst der beste Moderator auf welcher Seite er in Wirklichkeit steht. Er kann „ respektvoll oder herablassend, entgegenkommend oder ungeduldig sein, selbst das kleinste Kopfnicken kann ein Signal des Einverständnisses sein. Durch einen Blick auf die Uhr kann der Moderator den momentanen Sprecher schon verunsichern. Es stellt sich also das Problem, dass Menschen die viel zu sagen hätten, sich jedoch schwer artikulieren können in einer viel schlechteren Position sind. Laut Bourdieu helfen die Moderatoren nicht nur den Hilflosen nicht, sondern sie schlagen ihnen auch noch die Krücken weg.“7 Die „Fast-thinkers“ sind bei den Sendern daher sehr beliebt und werden „bonnes clients“ genannt. Sie sind Leute die keine Schwierigkeiten verursachen, keine Vorfälle provozieren und trotzdem redselig sind.

Die Zwänge ihres Berufes bleiben von den Fernsehleuten nicht unentdeckt, unter ihnen breitet sich Zorn, Ekel und Lustlosigkeit gegenüber ihrer Arbeit aus, einer Arbeit in der sie Marionetten eines Systems sind indem alles gleich sein muss.




Zusammenhang zur und Relevanz für die Medienpädagogik

Hier ist sicher von Bedeutung nach welchen Kriterien Studiogäste zu Diskussionsrunden im Fernsehen ausgewählt werden, und welche Art der Gesellschaft das voraussetzt. Anders gefragt, welche Gesellschaftsform repräsentieren diese Auswahlkriterien?


Aus Sicht der Sozialisierungsperspektive lässt sich sagen, dass der Medieneinfluss auf Haltungen und Einstellungen der Rezipienten sicherlich eine große Rolle spielt. „Ich hebe dies hervor, weil wir aus anderen Untersuchungen wissen, dass weite Teile der Bevölkerung keinerlei Tageszeitung lesen, dass sie dem Fernsehen als einziger Informationsquelle völlig ausgeliefert sind.“8
Den Einfluss des Mediums für sich alleine stehen zu lassen, wäre dennoch zu wenig. Die Frage nach der Medienwirkung ist ebenfalls von großer Bedeutung. Angesichts der oft offensichtlichen Freundschaft zweier Diskussionsteilnehmer, die unterschiedliche Meinungen vertreten sollen, stellt sich die Frage, ob dem Publikum diese Tatsache auch bewusst wird, bzw. ob es diese akzeptiert und richtig interpretieren kann. „Ist sich das Publikum ihrer Komplizenschaft bewusst? Sicher ist das nicht. Sagen wir: vielleicht“9

Dadurch, dass gewisse Tatbestände nicht hinterfragt werden, machen sich die Zuseher zu Komplizen dieser Praktiken.


Welchen Nutzen ziehen die Zuseher jetzt aus solchen Diskussionen. Eine Informationsvermittlung, bzw. Vermittlung meist tertiärer Informationen in Fernsehdiskussionen soll der Bildung der Rezipienten dienen. Kann eine derart aufbereitete Sendung diesen Nutzen erfüllen? Da sich die Vermittlung von Wirklichkeit an sich nicht möglich ist, müssen Abstriche gemacht werden, die sich in vielfältigster Weise darstellen: Welches Thema wird diskutiert, wer ist der Moderator, wann und auf welchem intellektuellen Niveau wird diskutiert, wer sind die Teilnehmer. Kurz: der effektive Nutzen für den Zuseher hält sich in Grenzen, da durch diese Faktoren die Debatte schon in eine Richtung gelenkt werden kann, und so relevante Inhalte zum Teil aus Diskussionen ausgeklammert werden. „Darum sagt man sich nicht: Sieh an, der und der ist nicht dabei“10

Eine Gesellschaft, die sich mit derart vermittelter Information zufrieden gibt, ist die Realität wie wir sie auch heute noch oft sehen. Symptomatisch ist die Bezeichnung des Informationszeitalters, in dem wir der allgemeinen Meinung nach leben. Noch nie zuvor gab es eine solche Fülle an möglichen Informationsquellen, die man nutzen könnte.



Kritik des Artikels

Pierre Bourdieu, zählte zu den wichtigsten französischen Soziologen und lehrte am Collège de France. Das Buch „Über das Fernsehen“ stellt die überarbeitete Transkription der Aufzeichnung zweier Fernsehsendungen dar die vom Privatsender Première im Mai 1996 ausgestrahlt wurden. Seiner Meinung nach ist das Fernsehen eine große Gefahr für die „kulturelle Produktion“ sowie für das „demokratische Leben“ und diese Aussage hat er versucht in diesen beiden Vorträgen zu erörtern. Im ersten Teil mit dem Titel „Das Fernsehstudio und seine Kulissen“ weist er auf eine Spaltung der Staatsbürger hin in jene (die Minderheit) die noch Zugang zur seriösen Presse hat und jene (für ihn die Mehrheit) für die das Fernsehen die einzige Informationsquelle einnimmt. Und gerade diesen Personen, die der von den Fernsehjournalisten geschaffenen Wirklichkeit des Spektakulären, Sensationellen und Übertriebenen und den „vermischten Meldungen“ ausgeliefert sind, traut er zu seinen Vorlesungsstil folgen zu können oder seine Aussagen auch nur im geringsten zu verstehen? Er hat sich jedoch bewusst dafür entschieden die „formalen Spielereien bei Bildeinstellung oder Aufnahmetechnik zu meiden und auch auf Illustrationen – Auszüge aus Sendungen, Faksimiles von Dokumenten, Statistiken, usw. – zu verzichten“ um seine „Linie argumentierender Beweisführung“ nicht zu verwischen.11


Es ist mir aber ein Rätsel warum er diese Vorzüge des Mediums, welches er kritisiert, nicht nutzt. Somit nimmt er in Kauf von all jenen die seiner professoralen Vorlesung nicht folgen können / wollen auch nicht verstanden zu werden (mal abgesehen davon, dass somit wohl das Radio als adäquateres Medium betrachtet werden kann).

Ebenfalls im ersten Teil des Fernsehvortrages stellt Bourdieu die Mittel vor derer sich die Fernsehsender bedienen um eine „unsichtbare Zensur“ aufzustellen welche sich auch auf politischen Diskussionsdebatten auswirken. Zu diesen werden 1. nur Personen geladen die wie vom Fernsehsender gewünscht agieren und sich zu benehmen wissen (Bourdieu nennt sie „des bonnes clients“) und 2. der Moderator die Diskussion anführt das Thema festlegt und die Fragestellung bestimmt. Er wacht über die Einhaltung der Spielregeln die nicht für alle dieselben sind. Der Moderator erteilt das Wort, signalisiert die Wichtigkeit von Beiträgen und greift mit Mimik, Gestik und Blicken und seinen Tonfall in die Diskussion ein und gibt die Richtung vor. Aber auch die Zusammensetzung der Diskussionsrunde ist entscheidend und wichtig, weil sie den Eindruck demokratischer Ausgewogenheit vermitteln muss. Eine andere Zusammensetzung der Diskussionsrunde kann den Sinn der Botschaft ändern. Der Soziologe ist der Ansicht, dass Fernsehen immer mehr zu einem „Ausstellungsort“ verkommt indem es nur mehr um das sich herzeigen und gesehen werden geht, jedoch nicht mehr um die Mitteilung, die Meinung zu einem Thema. Diesem „Sein = wahrgenommen werden“-Ansatz von Berkeley unterliegen auch immer mehr Wissenschaftler und andere Intellektuelle die an solchen Sendungen teilnehmen und sich somit Instrumentalisieren lassen. Wer sich den Bedingungen des Fernsehens fügt, zu allem etwas zu sagen hat, alles mitmacht und als "fast-thinker" auftritt, wird dann als Prominenter oder Experte immer wieder eingeladen. Dennoch, erklärt Bourdieu, sei es wichtig, im Fernsehen zu sprechen, um die Öffentlichkeit zu erreichen - "aber unter bestimmten Voraussetzungen".12 Welche das genau sind, erfährt man leider nicht.



Bibliographie

- Münker, Stefan / Roesler, Alexander: TeleVisionen. Suhrkamp, März 1999

- Adelmann, Ralf / Hesse, Jan-Otmar / Keilbach, Judith: Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Utb, September 2002

- Postman, Neil / Powers, Steve: How to watch TV News. Penguin Books, September 1992

- Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Fischer (Tb.), Frankfurt 1985

- Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991



- Doelker, Christian (Hrsg): Immer dieses Fernsehen – Handbuch für den Umgang mit Medien. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 1984


1 Bourdieu, Über das Fernsehen, Seite 18.

2 ebda, Seite 22

3 ebda, Seite 25

4 ebda, Seite 28

5 ebda, Seite 40

6 ebda, Seite 41

7 ebda, Seite 46

8 ebda, Seite 23

9 ebda, Seite 42

10 ebda, Seite 47

11 ebda, Seite 15

12 ebda, Seite 15


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