Südwestrundfunk swr2 Wissen Manuskriptdienst



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SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
„Wir haben unseren Traum wahrgemacht“

Deutsche Auswanderer in Neuseeland

Autorin: Ingrid Kölle

Redaktion: Udo Zindel

Regie: Iiris Arnold

Sendetermin: Dienstag, 7. Juni 2005, , 8.30 Uhr, SWR2 Wissen

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Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.

Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen

Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

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Mitschnitte von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Schulfunk (Montag bis Samstag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim Landesmedienzentrum Karlsruhe (LMZ) erhältlich.

Bestellungen an das LMZ: Telefon 0721-8808-20, Fax 8808-69,

e-mail: hschneider@lmz-bw.de

Manfred Dickgießer:

"Neuseeland ist scho toll, i tät nimmer nach Deutschland geh, //"Na, mir hems hier wie im Paradies hemmers hier.“
Sprecherin:

Manfred Dickgießer kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Wahlheimat Neuseeland spricht. Seit zehn Jahren wohnt der 50jährige aus Hornberg im Schwarzwald, am anderen Ende der Welt. Bei strahlendem Sonnenschein beißt er an diesem Samstagvormittag in eine Thüringer mit Senf vom „Bratwurstgrill“ in Nelson. Es ist Markttag in dem Küstenstädtchen im Norden der Südinsel.

Neuseeländer, Polynesier und Asiaten kaufen sich hier ihre Wurstsemmeln und ziehen weiter. An den drei langen Holztischen vor der Wurstbude aber sitzen Deutsche, Schweizer und Österreicher zusammen, tauschen Informationen aus, planen gemeinsame Partys.
Ansage:

Wir haben unseren Traum wahrgemacht. Deutsche Auswanderer in Neuseeland. Eine Sendung von Ingrid Kölle.


Doris’ Wurststand:

"Hallo, alles klar?, Zwei Bratwürste, Hallo, zwei Bratwürste. Ohne Sauerkraut, gell?, Ohne Sauerkraut einmal mit Senf und einmal ohne und mit Ketchup


(Brutzeln vom Grill,) das ist alles für heut, 7 Dollar bitte, hast Verwandtschaft aus Deutschland hier, gell? Schön's Wochenende. –
Would you like mustard on yours. oh jaja 7.70, wonderful, thank you very much, thank you…..
Sprecherin:

Etwa 10.000 Deutschen haben sich mittlerweile in den schönsten Ecken Neuseelands niedergelassen. Sie kamen auf der Suche nach einem neuen Leben und Abenteuern, blieben nach einer Reise hängen oder verliebten sich. Viele hatten einen Beruf, der gesucht war in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke, wie die Maori, die polynesischen Ureinwohner, Neuseeland nennen.

Bereits 1842 kamen die ersten 125 Auswanderer aus dem Königreich Hannover und dem Herzogtum Mecklenburg hier an. Sie waren vor Unterdrückung, Zensur und erzwungenem Militärdienst geflohen. Sie gründeten in Neuseeland die ersten deutschen Siedlungen, führten Weinbau ein und pflanzten Hopfen und Äpfelbäume.
Noch heute bessern sich Globetrotter bei der Apfel- und Traubenernte rund um Nelson gern ihre Reisekasse auf. Auch Reiner und Claudia Kuske kamen Anfang der 80er Jahre hierher, um sich für die geplante Weltreise zusätzliches Geld zu verdienen. Dem jungen Paar gefiel Neuseeland jedoch so gut, dass es beantragte, das sechsmonatige Visum um weitere sechs Monate zu verlängern. Als dann langsam das Geld ausging, bewarb sich Reiner Kuske um eine Stelle in seinem gelernten Beruf.
Reiner Kuske
"Ich war der erste deutsche Augenoptiker, der sich hier beworben hat. Als ich meine Papiere vorlegte, da wussten sie nicht so recht, was sie damit machen sollten."
Sprecherin:

Augenoptiker stand nicht auf der Liste von gefragten Berufen, mit denen man damals sofort eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung in Neuseeland erhielt. Der Inselstaat im Südpazifik mit nur vier Millionen Einwohnern, passt seine Einwanderungspolitik immer wieder seiner jeweiligen wirtschaftlichen Situation an.

Von Weißen planmäßig besiedelt wurde die beiden Hauptinseln – die Nord- und Südinsel - erst nach der Unterzeichnung des Treaty of Waitangi im Jahr 1840. Mit diesem Vertrag zwischen der englischen Krone und den Maori, wurde das Land zur britischen Kolonie. Die Direktive aus London lautete damals, das Land mit Briten zu besiedeln. Und obwohl Neuseeland seit 1948 unabhängig ist, konnten Briten noch bis 1974 unbeschränkt einwandern. In den folgenden Jahren wurde das Einwanderungsrecht jedoch mehr und mehr auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abgestimmt. Reiner und Claudia Kuske hatten damals schon die Hoffnung aufgegeben, dass ihr Antrag auf Einwanderung, der mit einer Arbeitserlaubnis für Reiner einher ging, noch erfolgreich sein würde.
Reiner Kuske
"Es war dann glaub' ich nur noch zwei Wochen bis unsere Aufenthaltsgenehmigung ablief. Dann haben wir noch mal angerufen und dann hat man uns gesagt, also Herr Kuske, da ist jetzt ein Brief an Sie unterwegs. Das war also nochmals so fünf Minuten vor Schluss haben wir das OK gekriegt. Naja und jetzt sind wir halt immer noch hier."
Sprecherin:

Inzwischen haben die beiden drei Kinder groß gezogen und betreiben ihren eigenen Augenoptikerbetrieb mit neun Angestellten in Whangarei. Das Küstenstädtchen mit 46.000 Einwohnern liegt auf der Nordinsel, etwa 1 1/2 Autostunden nördlich von Neuseelands einziger Millionenstadt Auckland. Mit ihrem Heimatort Remscheid, einer Stadt zwischen dem Ruhrgebiet und dem Sauerland, hat die Gegend um Whangarei so gut wie gar nichts gemeinsam.


Reiner Kuske
"Wir haben so Sachen kennen gelernt wie Segeln, Tauchen und die kann man hier ganz toll machen. Von denen kann man aus der Gegend, wo wir herkommen eigentlich nur träumen. Die Sachen haben wir uns verwirklichen können. Wir haben ja hier 'ne Inselgruppe, Poor Knights, die liegt vielleicht 1 1/2 Stunden östlich von der Küste, da fahren wir oft hin zum Tauchen. Das sind Sachen, die dazu beitragen, dass es uns immer noch so gut gefällt."
Sprecherin:

Mitte der 80er Jahre kauften sie sich mit einem großzügigen Bankkredit ein Häuschen am Hafen. Das haben sie mittlerweile auf die doppelte Größe umgebaut. Im Garten blühen Palmen, Oliven-, Orangen- und Zitronenbäume. Als die Kinder noch klein waren, konnten sie am Strand über der Straße im Sand buddeln.

Die Auswanderung hatten sie eigentlich nie so richtig geplant, erklärt mir Reiner, als wir um den Küchentisch beim Interview sitzen. Wie fast alle Deutschen in Neuseeland spricht er mich von Anfang an mit „Du“ und dem Vornamen an. "Das ist hier so üblich", weist man mich oft schon am Telefon zurecht, wenn ich es vorsichtig erst mal mit „Sie“ probiere. Im Englischen gibt es keinen vergleichbaren Unterschied zwischen Du und Sie und selbst die Premierministerin wird lieber mit Helen angesprochen als mit Miss Clark.
Reiner Kuske
"Als unsere Tochter geboren wurde, ein Jahr später hab' ich sie nach Deutschland mitgenommen, weil ich sie meinen Eltern vorstellen wollte. Ich kam in Frankfurt an. Meine Eltern haben mich abgeholt, wir sind nach Remscheid gefahren, ungefähr eine zweistündige Autofahrt. Auf dem Weg zurück hörten wir, dass an dem Tag zuvor, an dem Donnerstag, der Atomunfall in Tschernobyl war. Gleichzeitig kamen Warnungen an durchs Radio. Man durfte Kinder nicht im Sandkasten spielen lassen und wenn sie draußen waren, sollte man sie abduschen und so. Das war mein erster Besuch zurück in Deutschland. Tja und da fragst du, warum wir immer noch hier in Neuseeland sind?"
Sprecherin:

Die Wellen deutscher Auswanderer nach Neuseeland spiegeln immer auch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in der alten Heimat wider: In den 50er und 60er Jahren zog es vor allem Arbeitsmigranten ans andere Ende der Welt. Junge Handwerker, Krankenpfleger und Haushaltshilfen waren damals gesucht und die Löhne in Neuseeland waren oft doppelt so hoch wie in Deutschland. In den 70er Jahren, als Deutschland wirtschaftlich prosperierte und die Studentenbewegung zu einer breiten gesellschaftlichen Aufbruchstimmung führte, ging die Einwanderung zurück. Nach den Nato-Nachrüstungsbeschlüssen, dem Bau von Atomkraftwerken und dem Gau in Tschernobyl resignierten viele jüngere, grün gesinnte Bundesbürger und Neuseeland wurde in den 80er und 90er Jahren wieder zum wichtigen Auswanderungsziel. Jetzt waren es eher Privilegierte, Bildungsbürger, Vertreter der Umwelt- und Friedensbewegung, die - häufig als Rucksackreisende - Deutschland den Rücken kehrte. Neuseeland erschien ihnen als heilere Welt, eine weit entfernte, dünnbesiedelte, grüne Insel mit sauberer Luft und freundlichen Menschen. Die Ethnologin Brigitte Bönisch-Brednich, Autorin des Buch "Auswandern – Destination Neuseeland", erzählt


Brigitte Bönisch-Brednich
"Die Deutschen sind in den 80er und 90er Jahren groß gekommen und haben auch großen Einfluss gehabt im Land, haben die grüne Partei mit gegründet, viele Umweltaktivitäten mitgestaltet und ja auch einige berühmte Schriftsteller, Maler und so ... und auch viele reiche Deutsche sind gekommen, vor allem in den 90er Jahren."
Sprecherin:

Einmal auf einer einsamen Insel in Rente zu gehen, davon hatte Franz Grau sein Leben lang geträumt. In Nelson glaubt der 67-jährige Franke aus Ansbach mit seiner Frau Monika das ideale Plätzchen gefunden zu haben. Das Ehepaar strahlt Zufriedenheit und Optimismus aus. Diamantringe, goldenen Kettchen und Armbänder zeugen von ihrem Wohlstand.


Franz Grau
"Warum wir uns Neuseeland ausg'sucht habm: Erstens des mit der einsamen Insel und zum anderen: Wir wollt'n an Fluchtpunkt haben, wenn's in Deutschland nicht mehr auszuhalten ist, so wie jetzt mit dem gläsernen Menschen, //wo sogar das Bankgeheimnis aufgehoben wird usw. usf. Da hamer gsagt, irgendwann, wenn die so weiter spinnen, dann brauchen wir einen Punkt wo wir hinkönnen.// Wenn’st die Zeitung wieder liest heut, was die wieder alles vorham - es wird unerträglich in Deutschland."
Sprecherin:

Dieser Meinung sind derzeit offensichtlich viele Deutsche. Beim Raphaelswerk in Hamburg, das Auswanderungswillige kostenlos berät, sind die Zahlen der Ratsuchenden in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Und Neuseeland zählt neben Kanada, Australien und den USA eindeutig zu den Favoriten. Franz und Monika Grau sind 1997 zum ersten Mal mit einem Wohnmobil durch Neuseeland gefahren. Ihre Farbenfabrik hatten sie da schon verkauft.


Franz Grau
"Wir haben uns dann a wenig informiert, wie des iss in Neuseeland mit den Städten und dann ist uns Nelson ins Auge gefallen, weil des kulturell sehr viel bietet, durch die Musik School und durch des Technikum usw., ist des - wo Studenten sind, ist immer a weng a besondere Atmosphäre. Des hat uns also gereizt, und dann hamer also gsacht, wenn's möglich ist, schau'mer dass mer in Nelson was kriegn."
Sprecherin:

Sie zögerten dann auch nicht, gleich das erste Haus, das ihnen gezeigt wurde, zu kaufen. Innerhalb einer halben Stunde war der Kaufvertrag unterschrieben. 285.000 Neuseeland Dollar hat es gekostet, damals rund 325.000 DM. Heute wird es auf mehr als doppelt so viel geschätzt. Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren in ganz Neuseeland gewaltig in die Höhe gegangen.


Sprecherin:

Das Haus der Graus liegt auf einem kleinen Hügel, umgeben von blühenden Sträuchern und großen Farnen. Ein schmaler Pfad führt in zwei Minuten hinab zu einem goldfarbenen Sandstrand, den sie auch von ihrem Wohnzimmer aus sehen können. Im Esszimmer hängt eine deutsche Pendeluhr, für ihr Schlafzimmer hat sich Monika Grau von einer einheimischen Künstlerin ein Gemälde mit Nikau-Palmen an der berühmten Golden Bay anfertigen lassen.

Nelson ist die sonnigste Stadt Neuseelands, die Temperaturen steigen im Sommer selten über 30 Grad und auch im Winter wird es tagsüber bis zu 12 Grad warm. Die Gegend ist bekannt für ihre Töpferarbeiten, ihren Schmuck und ihre Glaskunst. Die Weingärten sind mit den roten Merlot und Pinot Noir-Trauben bestockt, aber auch mit Chardonnay, Riesling, Pinot Gris und Sauvignon Blanc.

Der einzige Haken: Die Graus haben noch keine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Sie reisen als Touristen ein – meist im Oktober, wenn es in Deutschland kalt und grau wird und in Neuseeland gerade der Frühling ausbricht – auf der südlichen Halbkugel sind die Jahreszeit sozusagen spiegelverkehrt. Mit ihrem Touristenvisum können die Graus sechs Monate bleiben und fliegen dann im April, wenn's in Neuseeland stürmischer und kühler wird, zurück in den europäischen Sommer, nach Franken oder an den Gardasee, wo sie auch ein Domizil haben. Die Auswanderungsforscherin Brigitte Bönisch-Brednich hat das Hin und Herreisen als neuen Trend der letzten zehn Jahre beobachtet.


Brigitte Bönisch-Brednich

"Viele Leute, viele Deutsche, aber auch Amerikaner und andere wohlhabende Einwanderer leben nur ein halbes Jahr hier und gehen dann im deutschen Sommer wieder zurück nach München, Berlin, Hamburg und kümmern sich da um ihre Geschäfte. Das ist jetzt ganz normal. Ich nenne das das Ende der klassischen Migration, denn das ist jetzt eigentlich eher Pendeln. Und die haben ihre Häuser in den schönsten Gebieten wie Bay of Islands, Golden Bay und nördlich von Auckland und fliegen dann, wenn's hier nass und feucht wird, wieder zurück."


Sprecherin:

Es ist eine Frage des Lifestyle geworden: wer es sich leisten kann, nimmt das Beste von beiden Ländern mit und vergisst dabei gern, dass bei den mindestens 40.000 zurückgelegten Flugkilometern pro Jahr tonnenweise Kerosin verbrannt wird, auf dem Weg in "unzerstörte" Natur.

Bisher finden die Graus dieses Pendeln zwischen den Kontinenten noch recht angenehm. Langfristig hoffen sie jedoch darauf, dass sich die Immigrationsgesetze ändern und sie doch noch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung für ihren Ruhestand erhalten. Selbst die Premierministerin Helen Clark haben sie im Rahmen einer Benefizveranstaltung schon darauf angesprochen. Der Jurist Peter Hahn ist selbst 1992 ausgewandert und berät von der Hauptstadt Wellington aus deutsche Einwanderer.
Peter Hahn
Das mit dem zur Ruhe setzen ist nicht unbedingt auf der Wunschliste der Einwanderungsbehörde. //Ich hab öfter Anfragen von Leuten, die dann so in ihren 60er sind oder späten 50ern, die sagen, ach eigentlich haben sie genug Geld und sie haben auch eine gute Rente aus Deutschland, die auch hier in Neuseeland ausgezahlt wird, und sie möchten gern hier leben und dem Staat nicht zur Last fallen und hier eben das Geld ausgeben, anlegen usw. Für die gibt es eigentlich keine Möglichkeit hierher zu kommen, es sei denn, sie sind sehr reich."
Sprecherin:

In der Kategorie „Investor“ kann man bis zu einem Alter von 44 Jahren mit einem Kapital von einer Million Neuseeland Dollar, das entspricht etwa 550.000 Euro, einwandern. Je älter der Antragsteller jedoch ist, desto mehr Geld muss er mitbringen, um die permanent residency, die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.


Franz Grau
"Ich müsst also jetzt in barem Geld auf die Bank etwa 4 Millionen bringen, Neuseeland Dollar, um die Punkte zu erreichen, dass ich die Permanent krieg. Oder du fängst a Business an, kaufst a Motel, setzt an Geschäftsführer drauf oder was der Teufel, aber a Business musst' anfangen. Und des is eben des, was ich absolut nicht will."
Sprecherin:

Neuseeland hat traditionell immer nur die Einwanderer ins Land gelassen, die gerade gebraucht wurden, bzw. die der jeweiligen Politik zufolge als erwünscht galten. Zu Beginn der Besiedlungsphase, Mitte des 19. Jahrhunderts, lag den Briten daran, vor allem ihre eigenen Landsleute und ausschließlich weiße Europäer anzusiedeln. Durch die neuseeländischen Goldfunde wurden um 1860 auch Tausende Deutsche angelockt. Andere kamen als Missionare ins Land. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs wanderten zwischen 10.000 und 20.000 Deutsche ein. Sie stellten nach den Briten sogar die größte Einwanderungsgruppe dar, obwohl sie nur bis zu zwei Prozent der Gesamtbevölkerung von damals einer Million Menschen ausmachten. Danach waren die Grenzen bis Anfang der 50-er Jahre erst mal dicht, erzählt Brigitte Bönisch-Brednich:


Brigitte Bönisch-Brednich

"Die offizielle Politik war, keine Deutschen reinzulassen, natürlich weil Deutschland der Kriegsgegner war neben Japan, aber auch ne unglaubliche Angst da vorherrschte, und berechtigterweise da vorherrschte, dass man Nazis reinkriegen könnte, die sich verstecken wollen, die unter falschem Namen einreisen und dann hier nationalsozialistische Politik betreiben könnten."


Sprecherin:

In den 50er Jahren benötigte Neuseeland dann dringend Arbeitskräfte. Die Wirtschaft hatte nach dem Krieg einen rasanten Aufschwung genommen und der Inselstaat gehörte zu den Ländern mit dem höchsten Lebensstandard der Welt. Damals gab es noch die sogenannte assistierte Einwanderung, bei der die über drei Monate dauernde Schiffsreise von neuseeländischer Seite bezahlt wurde. Dafür mussten sich die Angeworbenen verpflichten, einen von der Regierung vorgeschriebenen Arbeitsplatz zwei Jahre lang beizubehalten. Das gab es zu Zeiten von Vollbeschäftigung immer wieder, bis Großbritannien 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat. Da das Vereinigte Königreich seine Handelsbegünstigungen dem Commonwealth gegenüber streichen musste, verlor Neuseeland den größten Abnehmer seiner Produkte in Europa und musste in Asien nach neuen Handelspartnern suchen. Bald darauf wurde auch das Einwanderungsrecht geändert. Briten müssen seitdem die gleichen Anforderungen erfüllen wie Immigranten aus anderen Ländern, und die rassistische Politik, nur Weiße einwandern zu lassen, wurde abgeschafft. Seit 1991 wird die Einwanderung nach einem Punktesystem geregelt, erzählt Peter Hahn:


Peter Hahn
"Dieses grundsätzliche Prinzip, dass man anhand von Punkten hier nach Neuseeland reinkommt, die in der Regel die berufliche Erfahrung, Ausbildung, Alter, Geld und solche Sachen bewerten mit Punkten, dieses Grundprinzip ist gleich geblieben. Es hat sich dann drumherum immer wieder verändert.// Jetzt auf einmal schrei'n alle wieder wir brauchen Einwanderer. Im Jahr 2003 als angekündigt wurde, dass eine neue Erfindung in Sachen Punktesystem wieder ansteht, da hieß es, wir haben zu viele."
Sprecherin:

Die Wirtschaft in Neuseeland wächst seit sechs Jahren wieder rasant, die Arbeitslosenquote lag im ersten Quartal 2005 bei nur 3,6 Prozent. Arbeitskräfte sind gesucht und die Chancen, als Einwanderer in Neuseeland anerkannt zu werden, stehen zur Zeit wieder recht gut. Besonders einfach ist es, wenn man einen der gefragten Berufe: Schreiner, Automechaniker, Elektriker, Klempner, aber auch Koch, Friseur, Computerfachmann, Lehrer und Arzt. Die Anerkennung von Qualifikationen kann jedoch zum Problem werden und daher gibt es durchaus deutsche Ärzte, die in Neuseeland eine Pizzeria aufgemacht haben. Wer in seinem Beruf weiterarbeiten will, muss heute meist auch bereit sein, Gehaltseinbußen in Kauf zu nehmen, sagt Peter Hahn:


Peter Hahn
"Oftmals muss ich den Leuten sagen: Jungs, wenn ihr hier Fuß fassen wollt, dann müsst ihr bereit sein, das Haus vom Nachbarn anzupinseln und damit Geld zu verdienen. Ihr könnt' nicht damit rechnen, dass ihr als Manager einer mittelständischen Firma oder so was, Vertriebsmanager oder was weiß ich, was man für einen Beruf hatte, Arbeit findet. Man muss hier als Pionier herkommen im Grunde genommen. Genau wie früher die Leute vor 150 Jahren hergekommen sind.// Die haben auch ganz schnell merken müssen, dass man hier ganz neu anfangen muss, sich anpassen und in der Lage sein muss, was ganz Neues zu machen."
Sprecherin:

Die Möglichkeit vom Prokuristen in einer deutschen Großstadt zum Rotwildfarmer auf South Island umzusatteln, wird als einmalige Chance des Einwanderungslandes begriffen. Hier wundert es niemanden, wenn eine deutsche Kosmetikerin zur Ökobäuerin wird, denn es ist auch völlig normal, dass ein neuseeländischer Polizist sich irgendwann entschließt, Blaubeeren oder Oliven anzubauen. Nach Neuseeland geht man wegen des ungebundenen Lebens, nicht wegen der Karriere.


Käpt’n Jochen Zaeschmar
"OK, bye-bye everyone. 'Bye, thank you', 'He does a great job,' bye-bye," (Motorboot wird angelassen, fährt ab) "OK, We're out of here." (klonk, klonk,… leise Musik im Hintergrund)
Sprecherin:

Ein letztes Mal winken die Gäste ihrem Käpt’n Jochen Zaeschmar zu. Die zwölf Deutschen, Amerikaner und Briten waren sichtlich begeistert von dem dreitägigen Segeltörn. Ein kleines Motorboot bringt sie mit ihren Rucksäcken und Reisetaschen die letzten paar Hundert Meter zurück an die Mole von Paihia, einem malerischen Städtchen mit 5.000 Einwohnern an der Bay of Islands. Die große Bucht mit ihren unzähligen Inseln, subtropischem Flair und türkisblauem Wasser liegt drei Autostunden nördlich von Auckland und ist einer der Höhepunkte jeder Neuseelandreise. Jochen Zaeschmar bietet hier seit fünf Jahren seine Öko-Kreuzfahrten einschließlich Kajak-Fahrten, Wandern und Schwimmen an. Jetzt bringt der 35-jährige Ostfriese seine Yacht in ihren Heimathafen zurück. Der friesische Käpt’n steht braungebrannt und bester Laune am Ruder seiner Ketsch.


Jochen Zaeschmar
"Jetzt auf der letzten Tour haben wir eine große Herde von Pilotwalen gesehen, 150 Stück direkt bei uns am Boot und Walhaie, Mantarochen. // Jedes Mal, wenn du denkst, jetzt hast du alles gesehen, zack siehst wieder was, was du noch nie gesehen hast. Heute morgen, da hatten wir in einer schönen Bucht geankert, sind aufgewacht um halb acht und dann hatten wir fünf Delfine am Boot und dann sind wir ins Wasser gegangen und haben mit denen gespielt und sind mit denen rumgeschwommen. 1 1/2 Stunden waren wir mit denen im Wasser und die sind mit uns und um uns rumgesprungen, rumgeschwommen. Das ist halt unschlagbar, unbezahlbar. Das ist halt ein herrliches Leben."
Sprecherin:

Jochen hat Deutschland schon im Alter von 20 verlassen, hat in Australien und Großbritannien gelebt und sich vor sieben Jahren in Neuseeland niedergelassen. Schon auf seiner erste Urlaubsreise traf er hier seinen Lebenspartner, den Maori James. Die neuseeländischen Ureinwohner machen heute ca. 15 % der Bevölkerung aus, leben hauptsächlich auf der Nordinsel und sind relativ gut in die Gesellschaft integriert. Jochen schätzt den starken Familienverbund der Maoris. Wegen seiner Homosexualität hat er in Neuseeland keine Schwierigkeiten.


Jochen Zaeschmar
"Die Maoris sind in der Hinsicht sehr pragmatisch. James ist Maori, der ist Familie und ich bin der Partner, end of story, da wird nicht weiter gefragt, das wird problemlos akzeptiert. //Aber auch generell in Neuseeland hab ich das Gefühl, für'n Land mit kleiner Bevölkerung, die hauptsächlich Landbevölkerung ist, is' es eigentlich sehr gut, find ich, kann man nicht klagen, sind die sehr tolerant. Die generelle Kiwi-Mentalität ist halt so, das geht mich nichts an.// Ich hab' jetzt nicht so das Gefühl, ich muss in 'ner Großstadt leben, dass ich da die Anonymität brauche. Ne, Neuseeland ist da sehr fortschrittlich."
Sprecherin:

So wie Jochen Zaeschmar machen sich viele Deutsche in der Tourismusbranche selbständig. Sie betreiben Import- und Exportgeschäfte, führen Frühstückspensionen, Bäckereien und Metzgereien. Mit anderen Deutschen wollen die meisten in den ersten Jahren jedoch möglichst wenig zu tun haben. Manche bleiben bei ihrer Abneigung, bei anderen legt sie sich später.


Marguerite Müllers
"Nach ein paar Jahren hab' ich festgestellt, dass es liebe Menschen gibt, auch besonders hier auf der Halbinsel, Coromandel Insel, die auch meine Philosophie unterstützen im anthroposophischen und analytischen Gedankengebäude, die mir sehr wichtig sind. Da wird einfach etwas angesprochen, da klingt etwas an, was den Neuseeländern fremd ist, weil sie das nicht so erlebt haben. In dem Land, wo wir großgeworden sind, hat man gemeinsame Erlebnisse, dass plötzlich der Rhein zufriert und Minus 20 Grad und der Geruch von Schnee und das alles oder die Art von Weihnachten oder die Art von Ostern."
Sprecherin:

Sieben Jahre hat Marguerite Müllers daran gearbeitet, ihren Traum wahr zu machen. Heute hat sie ihr eigenes Häuschen auf einem kleinen Hügel, mit Panoramablick auf den nahegelegenen Strand. Sie hat sich als Psychotherapeutin mit eigener Praxis selbständig gemacht. Im Urlaubsgebiet Coromandel, einer zerklüfteten Vulkanlandschaft mit Regenwäldern, Sandstränden, Buchten und Häfen, fühlt sie sich pudelwohl. Das war ganz anders, als sie 1989 in Auckland ankam. Sie war völlig ausgebrannt von ihrer Arbeit in Berlin, wo sie seelisch schwerkranke Menschen betreut hatte, und gönnte sich zunächst ein Jahr Ruhe.


Marguerite Müllers
"Dieses erste Jahr war ja ok, da war genug Geld da, //Aber als es dann wirklich darum ging, mitzumachen und Geld zu verdienen und dazu zugehören, das war unheimlich anstrengend. Ich hab' in Auckland gestanden, mitten im Verkehr und hab' mein Auto an die Seite gefahren und hab total losgeheult in der Zeit. Ich musste mich konzentrieren auf 'ne neue Stelle, auf 'ne neue Sprache. Ich musste mich konzentrieren links zu fahren, in 'nem stickigen Verkehr. Ich dachte, was mach ich denn hier? Das ist ja das gleiche wie in Berlin. Und da gab's viele, viele Zeiten, wo ich dachte, warum mach' ich das, das ist ja viel zu anstrengend."
Sprecherin:

Auswandern ist häufig mit enormem Stress verbunden. Latent vorhandene Probleme kommen dabei leicht zum Ausbruch. Ein Lebensgefährte kann in der neuen Heimat zwar sehr hilfreich sein, aber manche Partnerschaft ist diesem Druck nicht gewachsen. Der Mann, dessen Frau im ersten Jahr mit dem gemeinsamen neuseeländischen Freund durchging, die Frau, die von ihrem neuseeländischen Lover während der Schwangerschaft sitzen gelassen wurde und jetzt von der Sozialhilfe lebt - die gibt es auch und sie sprechen ungern darüber. Niemand mag es zugeben, wenn das Auswandern eine Fehlentscheidung war, sagt Brigitte Bönisch-Brednich:


Brigitte Bönisch-Brednich
"Das hat damit zu tun, dass die Immigration das Leben nachhaltig verändert und es ist ein unwiderruflicher Schritt. Und wenn man im Nachhinein, vielleicht nach 20 Jahren in einem neuseeländischen Wohnzimmer sitzt und vor sich selbst sagen soll: Das war schrecklich, das hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, dann heißt das ja eigentlich auch meine Lebensgeschichte ist ein Fehlschlag und wer möchte das denn schon vor sich selbst zugeben und vor andern. //Wenn man's vor allem nicht mehr rückgängig machen kann. Und rückgängig zu machen ist es nach 'ner gewissen Zeit nicht mehr möglich, weil man in Deutschland keine Altersversicherung mehr hat und man kann gar nicht mehr zurück, wenn man nicht wirklich reich ist."
Sprecherin:

Eines der Probleme der Auswanderer ist, dass sie ab einem bestimmten Punkt sowohl in der neuen als auch in der alten Heimat immer Ausländer sein werden. Ihre eigenen Kinder hätten sich manchmal dafür geschämt, dass ihre Eltern mit starkem deutschen Akzent Englisch sprechen, erzählt Claudia Kuske.


Claudia Kuske
"Wir sind Deutsch, obwohl wir immer dachten, wir sind anders als alle anderen Deutschen. Man ist pünktlich, man erwartet, dass irgendwas fertig ist, wenn einem das versprochen wird und das ist nicht so hier. Hier kann es auch mal zwei Wochen länger dauern, das muss man akzeptieren, aber man ärgert sich trotzdem, man weiß das und trotzdem möchte man es so, wie man es erwartet. Da sind einige Sachen, wo wir gemerkt haben wie urdeutsch wir doch sind."
Sprecherin:

Anfangs wird das neue Heimatland oft idealisiert. Aber wenn die Flitterwochen vorbei sind und der Alltag eintritt, sieht im vermeintlichen Paradies vieles nicht mehr so rosig aus. So stellt jeder Deutsche sehr schnell fest, dass das Umweltbewusstsein in Neuseeland noch relativ unterentwickelt ist. Pfandflaschen sind hier unbekannt, Batterien landen im Abfall, im Supermarkt werden Plastiktüten en Masse ausgegeben und fast jede Gemeinde kippt ihren Müll auf Halden. Der einzige Vorteil: bei nur 4 Millionen Menschen auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie die alte Bundesrepublik, fällt dies nicht so stark ins Gewicht.



Aber trotz so mancher geplatzter Illusion und der Erkenntnis, dass das Land, wo Milch und Honig fließen, nirgendwo existiert. - Die Faszination, die Begeisterung ist geblieben, die Überzeugung, am schönsten Ende der Welt zu wohnen. Aus der Ferne betrachtet man jedoch auch Deutschland wieder mit neuen Augen. Sooo schlecht ist es ja nun doch nicht. Die Kultur, die jahrhundertealten Häuser, die lange, reiche Geschichte, das Essen, deutsche Weihnachten mit Stollen und Glühwein. Es gibt kaum jemanden, der dabei nicht ins Schwärmen verfällt. Aber dort wieder leben? Niemals.
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