Urbanität zwischen Integration und Ausgrenzung



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Tilman Rhode-Jüchtern

Urbanität zwischen Integration und Ausgrenzung –


Spurensuche nach einer menschlichen Stadt

Wenn man Sie heute Abend fragen würde: „Wo fühlen Sie sich in der Stadt wohl?“, dann würden Sie sicher einen Ort nennen können; sie könnten sicher auch sagen, warum Sie sich hier wohl fühlen. Aber Sie werden wahrscheinlich nicht sagen: „Gehen wir Jahnplatz!“, das wäre nämlich eher die Antwort bestimmter Jugendlicher. Und man könnte denen das nicht verübeln, denn der Jahnplatz und die von den Jugendlichen bevorzugten Wellblechdächer sind einmal der Erste Preis bei einem städtebaulichen Wettbewerb in Bielefeld gewesen. Man könnte es den Jugendlichen auch sonst nicht verübeln, denn ihre Motive sind ehrenwert: Leute treffen, gucken, Zeit vertreiben. Andererseits ist der Jahnplatz auch ein Ort kribbeliger Kriminalität.


Daraus folgt: Jeder wird wohl einen Ort haben, wo er sich relativ wohl fühlen würde, aber das werden ganz verschiedene Orte sein und auch ganz verschiedene Gründe.
Woran liegt das? Klar, an verschiedenen Perspektiven, am Alter, am sozialen Status, an persönlichen Vorlieben, auch an der Tageszeit und am Verhalten anderer Gleichgesinnter, kurz: an der Perspektive. Es gibt nicht den einen Wohlfühlort in der Stadt. Es kommt darauf an.
Die unterschiedlichen Antworten rühren aber auch daher, dass der Charakter einer urbanen Lebensweise immer auf eine bestimmte historische Epoche und damit auf eine bestimmte Gesellschaftsformation bezogen ist.
Deshalb will ich vorab einen kurzen Überblick über die Begriffs- und Realgeschichte von „Urbanität“ geben, danach möchte ich in einem „Bilderbogen für Stadtbewohner“ Lesarten der uns geläufigen urbanen Lebensweise diskutieren (vornehmlich an Beispielen aus Bielefeld, das zugleich als Chiffre von „Bielefeld ist überall“ genommen werden kann).
1.Kurze Begriffsgeschichte von „Urbanität“
Der Begriff Urbanität ist als Stichwort in wissenschaftlichen Handbüchern leicht aufzufinden und soll hier nicht zu weit ausgebreitet werden. Nur zur Orientierung und Selbstvergewisserung deshalb einige Hinweise (nach Siebel in Häußermann 2000):

  • Urbanität ist nicht nur eine Differenz zwischen Stadt und Land. Darin steckt auch eine normative Vorstellung von der Qualität eines Lebens in der Stadt. Urbanität ist Ergebnis und Ort der Kultivierung und enthält ein emanzipatorisches Moment, von der Natur und aus gesellschaftlichen Zwängen: „Stadtluft macht frei“

  • Der Anfang aller Stadtkultur ist die Unabhängigkeit von Naturzwängen (Wind und Wetter, Tag und Nacht, Jahreszeiten, Produktion). In der Antike hatte eine stadtsässige Aristokratie das Land unterworfen und sich ein Heer von Sklaven für die notwendigen Arbeiten gehalten. Der freie Bürger der antiken Stadt war von Arbeit freigestellt, für ein höheres Leben der Politik als den öffentlichen Angelegenheiten der Polis. Man kann Urbanität nach dem Ideal antiken Lebens definieren: „Urbanität ist Bildung, ist Wohlgebildetheit an Leib und Seele und Geist, aber sie ist auch fruchtbare Mitwirkung des Menschen in seinem ihm und nur ihm eigenen politischen Raum“ (Edgar Salin 1960)

  • Die Frühsozialisten (Robert Owen, Charles Fourier) nehmen diese antike Stadtutopie wieder auf: Die Stadt als eine Maschinerie, die den einzelnen davon entlastet, zu Fuß zu gehen, seine Lebensmittel anzubauen, sein Haus zu bauen. Die Infrastruktur der Stadt vergesellschaftet sämtliche Arbeitsvorrichtungen des alltäglichen Lebens. Die private und öffentliche Infrastruktur leistet weit mehr als ein Heer von Sklaven.

  • Im europäischen Mittelalter geht es nicht mehr um den Gegensatz von Stadt und Land als Unterschied von Muße und Arbeit. Die mittelalterliche Stadt ist vielmehr der Beginn des Wandels vom ökonomischen und sozialen System des Feudalismus durch die kapitalistische Produktions- und demokratische Herrschaftsform. Max Weber hat die mittelalterliche Stadt als Keimzelle der modernen Gesellschaft angesehen, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch: Autonomie, Selbstverwaltung, eigenes Recht. Die politische Macht wird aber nicht mehr über militärische Gewaltmittel, sondern über Verfügung über ökonomische Machtmittel ausgeübt und dabei demokratisiert. Beruf und Eigentum werden nämlich prinzipiell erwerbbar. Der Bürger gehört als Einzelner zur Stadt, seine Rechtstellung als Bürger hängt nicht mehr von Sippe oder Stamm oder Klasse ab. Stadttypisches Verhalten ergibt sich aus dem Markt; der Markt der Stadt ist gekennzeichnet durch „unvollständige Integration“. Es fehlt nämlich ein vorgegebenes soziales Bezugssystem, das die Beziehungen der Individuen lückenlos definiert; nur so können sich Individuen überhaupt als Individuen begegnen.

  • Systeme unvollständiger Integration (wie der Markt) ermöglichen auch Kontakte unter Fremden. Dieser erzeugt zugleich Unsicherheit; auf dem Marktplatz ist das eigene Verhalten den Blicken eines unbestimmten Anderen jederzeit ausgesetzt. Daraus ergibt sich ein Bedürfnis nach geschützter Privatheit, als Reaktion auf die Diskrepanz zwischen räumlicher Nähe und sozialer Distanz im öffentlichen Raum. So wird die städtische Lebensweise von der ländlichen spezifisch abgegrenzt: „Eine Stadt ist eine Ansiedlung, in der das gesamte, als auch das alltägliche Leben die Tendenz hat, sich zu polarisieren, d.h. entweder im Aggregatzustand der Öffentlichkeit oder dem der Privatheit stattzufinden“ (Hans Paul Bahrdt). Wenn sich diese Polarität ausgebildet hat, entwickelt sich ein Verhaltensstil, der normativ und notwendig ist für Humanität: „Es wird jener Verhaltensstil ausgebildet, den wir Urbanität nennen und der den Charakter einer echten Tugend annimmt. Der urbane Mensch setzt in jedem Falle voraus, dass der andere – mag dessen Verhalten noch so sonderbar sein – eine Individualität besitzt, von der her sein Verhalten sinnvoll sein kann. ... Das Verhalten ist geprägt durch eine resignierende Humanität, die die Individualität des anderen auch dann respektiert, wenn keine Hoffnung besteht, sie zu verstehen.“ (Hans Paul Bahrdt 1998)

  • Die industrielle Großstadt schafft eine neue Dynamik : gewaltige Wanderungen, Bevölkerungswachstum, Industrialisierung bewirken ein explosionsartiges Wachstum der Stadt. Die industrielle Großstadt hat die Merkmale Heterogenität, Größe, Dichte, Unüberschaubarkeit und Dynamik. Damit ist die Großstadt kaum noch sinnlich und auf einen Blick zu erfassen: „Die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.“ (Georg Simmel 1993). Die moderne Großstadt ist nach Georg Simmel durch drei Begriffe gekennzeichnet: Intellektualisierung (als Schutzorgan gegen die Entwurzelung), Blasiertheit (als Abstumpfen der Sinne durch ständige Überreizung), Reserviertheit ( als Aversion und Abstoßung der fortwährenden Berührung mit unzähligen Menschen).

  • Damit die moderne Stadt funktioniert, braucht sie eine lineareZeit und rationalisierte Raumorganisation. Die Stadt bekommt eine abstrakte Ordnung z.B. durch Straßennamen und Hausnummern; sie verlangt Pünktlichkeit, Berechenbarkeit und Exaktheit. Wer seinem Brief eine minimal unrichtige Postleitzahl mitgibt, kann lange auf die Zustellung warten, auch wenn Namen, Stadt und Straße passen. Die Geldwirtschaft schließlich verlangt Sachlichkeit und Indifferenz gegenüber Menschen und Dingen; qualitative Differenzen werden auf solche des rein quantitativen Geldwertes reduziert.. Die Blasiertheit des Städters „ist der getreue subjektive Reflex der völlig durchgedrungenen Geldwirtschaft“ (Simmel 1993). Die Stadt ist hoch produktiv und arbeitsteilig, ein ökonomisch und kulturell produktiver Ort für eine urbane Lebensweise.

  • Die Stadt des 20. und 21. Jahrhunderts ist nicht mehr nur der Ort der Individuierung, sondern auch der Vereinsamung, des Zerfalls sozialer Bindungen, des krassen Gegensatzes von Arm und Reich, der Nivellierung und Vermassung. Die urbane Lebensweise wird abermals ambivalent. Das Janusgesicht zeigt Stadt als Ort extremer Individualisierung und als Ort aller Pathologien. Anonymität, Unübersichtlichkeit, der Verlust direkter sozialer Kontrolle, Gleichgültigkeit und Blasiertheit, Zuwanderung von immer neuen Fremden: Was hält die Stadt als Gesellschaft von lauter Distanzierten und Fremden zusammen? Die Chicagoer Schule der Stadtsoziologie hat diese Frage bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts studiert. Die soziale Stadtstruktur lässt sich räumlich ablesen, die sozialräumliche Struktur ist ein „Mosaik aus kleinen Welten“, das durch Konkurrenz zustande kommt. In der Segregation hält jede Gruppe ein anderes Territorium besetzt; dies kann die Integration erleichtern und das gesellschaftliche Konfliktniveau senken. Es gibt ein differenziertes Gleichgewicht von Nischen und Lebenswelten. So wird produktive Differenz und sozialer Frieden zugleich möglich.

  • In der Wirklichkeit der spätmodernen Stadt allerdings ist nicht nur die freiwillige Segregation nach Lebensstilen und kultureller Differenz prägend, sondern auch der Zwang von Diskriminierung und Armut. So wäre die Realität der segregierten Stadt als Landkarte sozialer Ungleichheit zu lesen und nicht als Mosaik gleichberechtigter aber differenter Lebensweisen. Der Bürgermeister von Hamburg soll jedenfalls erstaunt gewesen sein, dass viele Hamburger Kinder die Binnenalster oder Hagenbecks Tierpark noch niemals in ihrem Leben gesehen haben.

So wäre der Begriff Urbanität zum einen ein deskriptiver Begriff für die griechische Polis und einige freie Reichsstädte des Mittelalters; und er wäre ein kritischer Begriff zur Analyse heutiger Städte, wenn man sich für die Maßstäbe Befreiung von Arbeitszwang, durchgesetzte Demokratie, entfaltete Individualität, produktive Differenz und soziale Integration interessiert.



2. Stadt als Objekt und Stadt als Medium
Beginnen wir dieses Eingangsproblem der Perspektivität und der Relativität mit einem bekannten Bild des niederländischen Grafikers und Perspektivenkünstlers Maurits Cornelis Escher.

Folie 2:


(Escher)

Stadt als Objekt und Stadt als Medium


Nach einem kurzen Staunen erkennen wir, dass der Betrachter, dem wir da über die Schulter sehen, seinerseits zwei Perspektiven hat: Er betrachtet zum einen die Stadt von außen, als Objekt, und zum anderen ist er mitten drin, er ist im Medium der Stadt wie ein Fisch im Aquarium. Diese erkenntnistheoretisch einfach scheinende Figur ist sehr wichtig, wenn man verstehen will, wie es zu unterschiedlichen Beobachtungen derselben Sache kommen kann. Der eine findet das Stehen unter den Jahnplatzdächern in Ordnung oder „normal“; der andere ist froh, wenn er das nur von außen ansehen muss. Diese beiden haben wie im Fall des Aquariums eine Erkenntnis-Glasscheibe zwischen sich, sie können sich kaum oder gar nicht verständigen. Wir sehen nun dieses Bild von Escher ganz von außen, wir sind in der Sprache von Niklas Luhmann „Beobachter zweiter Ordnung“; wir können wir uns darüber unterhalten, was wir denn dabei sehen und uns dabei reflexiv selbst über die Schulter schauen. Reflexion wäre eine Operation, die eigene Beobachtung in Frage zu stellen und sie im Gespräch ihrerseits zum Thema zu machen.


Nach dieser wahrnehmungspsychologischen Eingangsübung kommen wir nun zum Thema.

„Urbanität“ oder „Menschliche Stadt“ sind nichts Essentielles, Stoffliches, Nachweisbares, sondern etwas Wahrgenommenes; sie sind je nach Perspektive und nach Interesse und nach Erfahrung und nach Vorstellungskraft etwas Unterschiedliches.


Es kann also keinen abschließenden Vortrag über die Frage „Was ist eine menschliche Stadt“ geben. Was wir aber versuchen können, ist die Reduktion der übergroßen Komplexität des Gegenstandes und Mediums Stadt, und eine gemeinsame Annäherung über Spuren und deren Deutung. Wir können also Lesarten erproben, müssen aber zuvor klären, was wir im Einzelnen lesen und deuten wollen.
Da wäre zum einen der Untertitel des Vortrags: Integration und Ausgrenzung, oder „Inklusion/ Exklusion“. Ausgrenzung mag zunächst als etwas Negatives klingen, Integration als etwas Positives. Aber so einfach soll es heute Abend nicht zugehen. Wir alle finden vielleicht den Türsteher einer Diskothek nicht politisch korrekt, wenn er nach seinem Gutdünken Leute einlässt oder abweist. Aber das tun wir ja alle ständig, wenn wir es unbemerkt dulden, dass Asylsuchende abgewiesen werden; wir kennen sie gar nicht und auch nicht ihre Gründe, wir wissen nur, dass sie im Namen des Volkes abgewiesen werden, nur weil sie auf der Flucht vorher durch ein anderes Land gegangen sind. Das sind viele Deutsche vor einigen Jahrzehnten auch, und wir sollten uns daran erinnern.
Ich will die Operationen der Inklusion/Exklusion aber nicht hochpolitisch klarmachen, weil da sofort das große „Ja aber“ beginnen würde. Ich wähle stattdessen zu Anfang und vor den beiden Hauptteilen einen Fall, der mir vor einigen Tagen aufgefallen ist, als ich für diesen Vortrag auf Spurensuche war.
Folie 3

(Bahnhofstoilette Schranke 2x)

Inklusion/ Exklusion: vom Ort zum Nichtort
Im renovierten Bielefelder Hauptbahnhof gibt es eine öffentliche Toilette, die aber leider von 22 Uhr nachts bis 6 Uhr in der Frühe geschlossen ist. Nun kann man denken, dass es in dieser Zeit keine legitimen Bedürfnisse dieser Art geben dürfte, normale Reisende sind dann zuhause und andere sollen doch sehen, wo sie bleiben. Das wäre sozial-exkludierend gedacht, ist aber sachlich-strukturell falsch; denn in diesem Zeitraum fahren laut Fahrplan ganz normale 49 Züge ab.
Noch Folie 3

Foto vom Fahrplan, montiert Mitternacht und frühmorgens 22-06.00 Uhr


Was ist denn mit den Reisenden, die auf diese 49 Züge warten, in der Nacht, im Windzug, im Stehen? Denn „natürlich“ gibt es im ganzen Empfangsgebäude auch nicht eine einzige Sitzgelegenheit, man steht eben tags und nachts, und man hat nachts zudem auch keine Toilette im Bielefelder Hauptbahnhof zu benötigen. Eine Videokamera ist zwar da, sie wird aber nicht zu einer Lösung des Nacht-Problems eingeplant.
„Ja, aber“, würde die Deutsche Bahn vermutlich sagen. „Da würden dann ja die falschen Leute auf der Bank sitzen“, oder „Da verstecken sich dann die Drogensüchtigen“ – dann doch lieber gar keiner ... Es gibt zwar Sicherheitsdienste, aber die sollen nicht mit den genannten Sach- und Strukturproblemen behelligt werden. – Übrigens sind auch die 60 €-Cent ein Modus der Ausschließung.
Und es ist sehr wichtig zu wissen, ob man das nur von außen beobachtet oder ob man drin ist im Bahnhof als Medium. Dafür können wir Eschers Bild gut gebrauchen.
3. Referenzpunkte zum Verstehen von Stadt
Damit kommen wir zu den Referenzpunkten, in denen über das Leben in der Stadt für Menschen nachdenken. Eine „humane Stadt“ ist dies ja nicht von selbst; aber wen oder was sollte man dafür niemanden verantwortlich machen?
Die allgemeine Daseinsvorsorge ist so ein Referenzpunkt; dafür sind Staat und Gemeinde zuständig, nach einem komplizierten Regelwerk der Zuständigkeiten, aber immerhin. Es gibt Schulen für alle, eine Feuerwehr, Wasser und Strom, auch für die Krankenversorgung ist gesorgt, zumindest in Absprache mit privaten Trägern. Dies nennen wir die Pflichtaufgaben, die von der öffentlichen Hand finanziert und/oder organisiert werden, auch wenn sie nicht rentierlich sind und auch dann, wenn das Geld knapp ist.
Es gibt auch feste Regeln, wie die Nutzungen der Fläche in der Stadt zu handhaben sind. Wenn im Plan z.B. kartiert ist „Reines Wohngebiet“, dann sind alle anderen Nutzungen ausgeschlossen, auch Büros oder ein Fingernagelstudio, auch dann, wenn diese weit weniger stören als es Wohnungen mit Fetenmusik oder Grillqualm auf dem Balkon tun können. Wenn da steht „Gewerbegebiet“, ist wiederum Wohnen völlig ausgeschlossen, auch wenn man dort freiwillig gerne wohnen wollte, weil einem eine Loft-Etage gut gefällt. Es ist in der Bauordnung sogar vorgeschrieben, wie hoch eine Zimmerdecke beim Wohnen oder wie groß die Grundfläche einer Wendeltreppe mindestens sein muss. Eine bürokratisch handhabbare Inklusion und Exklusion des Erlaubten oder Verbotenen also, in einem ganzen Stadtviertel oder in einer einzelnen Etage, ganz ohne Leidenschaft und ohne weitere Prüfung der Angemessenheit und Absichten.
Es gibt eine dritte Linie der Regulierung, nach den genannten Pflichtaufgaben und den Regeln der Bauleitplanung, das ist die Erwartung einer Synomorphie. Dieses griechischstämmige Fremdwort bezeichnet die Passung von räumlicher oder formeller Struktur und subjektivem Handeln. Wenn wir ins Theater gehen, erwarten wir, dass alle Besucher sich dort in etwa als Theaterbesucher verhalten, in Kleidung, Benimm, Interesse; es wäre nicht passend, wenn dort jemand im „Don Giovanni“ mit einem Eimer Popcorn Platz nehmen würde. Umgekehrt ist dies im Cinemaxx ausdrücklich vorgesehen und es gibt dort sogar Extra-Sitze zum Kuscheln ohne Zwischenlehne. In beiden Fällen wird in der gebauten Umwelt das Verhalten der Nutzer programmiert und reguliert, und allen geht es in der Regel gut damit. Es passt zusammen. Wenn sich die Synomorphie dagegen nicht wie von selbst herstellt, gibt es mehr oder wenige dezente Zeichen dazu: Rasen bitte nicht betreten! Bitte kein Eis essen! Keine Reisetasche stehen lassen! Wenn das in Form von Schildern, Piktogrammen etc. nicht funktioniert, helfen Wachleute bei der Interpretation, das kann in New York ganz schnell auch bei der Polizei enden oder unter dem Gummiknüppel.
Folie 4

(Bahnhof, „So ist’s in Ordnung“)

Action Setting: Normierung von Verhalten

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Folie 5

(N-Y. World Financial Center) Public Space –privat geregelt



Im folgenden will ich in einer ersten Runde die Stadt umkreisen nach den Referenzpunkten, in denen die Struktur der Stadtentwicklung allgemein zu beobachten ist. In einer zweiten Runde werde ich dann dazu jeweils eine Spur aus dem alltäglichen Leben in der Stadt aufnehmen, in der man sich die Struktur konkret vorstellen und dazu auch eine Meinung bilden kann. Ich verrate es schon im Voraus, dass es dabei schöne und unschöne und unlösbar problematische Erzählungen gibt, die das Thema diskutierbar machen.
Folie 6

(Grafik mit zwei Kreisen)

Stadt – ein komplexes Handlungsfeld mit vielen Spuren

Im inneren Ring der Grafik betrachten wir die Stadt als Objekt von außen und erkennen, was alles strukturell dazu gehört und behandelt werden muss. Im äußeren Ring erkennen wir an Fällen oder kleinen Erzählungen, was die Strukturen für das konkrete Handeln der Akteure bedeuten oder wie diese verändert werden und wie sie sich wechselseitig durchdringen.


Im inneren Ring sehen wir professionelle Fenster der Stadtbetrachtung. Wir blicken kurz hindurch, um zu sehen, was man alles verstehen müsste, wenn man die Stadt verstehen will.
Folie 7

(FAZ-Aktion)



Deutschlands lebendigste Städte – Genau zehn?



  • Da kümmern sich Profis um die Finanzierung der Verwaltung und der Pflichtaufgaben, aber auch um Gestaltungsaufgaben und Hilfen für gewollte Aktivitäten.

  • Es kümmern sich Profis um die Analyse des demographischen Wandels und um die Folgen.

  • Es gibt viel zu regeln bei der Privatisierung oder Ausgründung ehemals städtischer Tätigkeiten, etwa bei der Stadtreinigung, im Nahverkehr, bei der Energieversorgung, beim Wohnungsbau, bei Großprojekten im Städtebau u.v.m.; das geht vom Verkauf an Dritte bis hin zur Gründung städtischer Töchter, die auf eigenen Füßen stehen und der Mutter nur noch spärlich mitteilen, was sie tun. Wichtig zu wissen: Die „Mutter“ ist der Rat der Stadt und der besteht aus Laien in den allermeisten Fachfragen. Zwar lässt sich diese Mutter von ihrer Verwaltung beraten, aber alle haben doch auch einen eigenen Kopf.

  • Da gibt es jede Menge von Richtlinien, Gesetzen und Vorschriften, die aus Brüssel, aus Berlin, aus Düsseldorf kommen können oder aus dem eigenen Ratssaal als städtische Satzung. Fachleute sprechen hier vom „stretching“, d.h. vom Überdehnen und Ziehen an allen Ecken, was von den Bürgern kaum noch zu durchschauen und zu erklären ist.

  • Es muss sich jemand kümmern um die öffentliche Ordnung und Sicherheit, nicht nur im harten strafrechtlichen Bereich, sondern auch bis in den weichen Bereich des sozial Erwünschten oder Unerwünschten.

  • Es gibt professionelle Sponsoren, die dafür sorgen, dass die Stadt mit bestimmten Aktionen und Symbolen sichtbar und attraktiv wird (natürlich wollen sie dadurch auch selbst sichtbar werden).

  • Es kommen Investoren und werden zumeist willkommen geheißen, die die Stadt als Geschäft betrachten und – wenn es gut geht – ein win-win-Spiel mitbringen.

  • Unternehmen und Gewerbe sorgen für Arbeitsplätze und Steuern, verlangen aber auch eine pflegliche Behandlung durch die Politik, denn sie könnten auch woanders ...

  • Wenn es beiden Seiten Vorteile verspricht, tun sich Stadtpolitik und –verwaltung mit privaten Firmen zusammen und nennen das public-private-partnership (PPP); der eine führt aus, was der andere sich wünscht, bzw. der andere genehmigt, was der eine machen will; vieles wäre heute anders gar nicht mehr machbar.

  • Der Verkehr ist ein wichtiger Referenzpunkt, denn alles muss fließen und bezahlbar sein; er darf die Gesundheit nicht zu sehr schädigen und die Stadt muss bewohnbar bleiben.

  • Die Städte haben sich neu organisiert; die Verwaltungen verstehen sich als Dienstleister und müssen ihre Arbeitsstunden abrechnen wie eine Firma, auch gegenseitig. Unternehmen Stadt heißt das dann. Da kennen sich manche nicht mehr aus, wer denn nun Hoheit ausübt, Aufsicht und Verwaltung macht und wer als Eigenbetrieb selbst Hand anlegt. Da gibt es z.B. den Bäder- und Freizeitbetrieb, der zwar eine Tochter der Stadt ist, in dessen Aufsichtsrat aber nur noch einzelne Vertreter aus dem Rat dabei sitzen. Das sog. Berichtsorgan sind nicht mehr der Rat und seine Ausschüsse, sondern nur noch der vertraulich tagende Aufsichtsrat. Mutter weiß nur noch hintenrum, was Tochter so treibt.

  • Die Städte müssen nicht nur „schlank“ arbeiten, sondern auch „schön“, denn sie stehen in Konkurrenz zu anderen Städten, um Kaufkraft, Wanderungsgewinne, Investoren, Events und Kongresse, Image fördernde Aktionen und Installationen; darum kümmert sich u.a. ein professionelles Stadtmarketing.

  • Die Städte werden nach bestimmten ökonomischen Sachzwängen und Routinen immer ähnlicher, die Fußgängerzonen und Passagen haben immer mehr identische Kettenläden und Branchenmischungen; Optiker, Drogeriemärkte, Handyläden, Jeansboutiquen, Schuhläden dominieren, Spezialisten wie selbstständige Uhrmacher und Juweliere, Buchläden, Kaffeeröstereien oder echte Bäckereien sind Raritäten geworden. „Wo bin ich?“ ist die Frage des Stadtbewohners und –besuchers, wie in einem komfortablen, aber austauschbaren Hotelzimmer.

  • Die Stadtgestalt ist nach Krieg und Abriss und Wiederaufbau und Investorenplanung entsprechend immer ähnlicher zusammengepuzzelt. Prägende Bauten und Landmarken wären hochwillkommen und wollen gepflegt und wieder entdeckt werden, sie wollen auch mit Priorität behandelt werden nach der Ära der autogerechten Stadt und dem sorglosen Verbrauch von Flächen und Nachbarschaften. Dabei sind Debatten um Fragen der Ästhetik und des Geschmacks immer von besonderer Heftigkeit geprägt.

  • Ein professionelles Fenster der Stadtbetrachtung ist das der Landschaft und des Naturhaushaltes; hier wachen und arbeiten der behördliche und der ehrenamtliche Naturschutz, hier arbeiten auch die Gewerbeaufsicht, der Immissionsschutz, die Landwirtschaftskammern, die Forstbehörden u.a.

  • Es gäbe noch eine lange Reihe weiterer Referenzpunkte zu erwähnen, die z.B. im BauGesetzBuch als „Träger öffentlicher Belange“ aufgelistet sind. Aber nicht unerwähnt bleiben dürfen die informellen Aktivitäten von Bürgervereinen und –initiativen, die sich darauf berufen, dass nach dem Grundgesetz die Parteien „an der Willensbildung des Volkes mitwirken“, aber keineswegs ein Monopol darauf besitzen. Es wird hier auch an den Leitsatz der Gemeindeordnung erinnert, wonach die Gemeinden die „Grundlage des demokratischen Staatsaufbaus“ sind.

Diesen kleinen großen Rundblick konnte ich Ihnen nicht ersparen, wenn man einen ersten Eindruck von der Komplexität der Aufgaben und der Verschiedenheit der verschiedenen Akteure haben will. Man möchte seine Stadt „verstehen“, dazu braucht man auch ein Wissen über die Strukturen, in die die konkreten Fälle und Erzählungen eingebettet sind.



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