Tagebuch ohne Fotos zum Drucken


Dienstag, 09. September 2008



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Dienstag, 09. September 2008

Letzte Nacht war es unnatürlich warm und eine eigenartige Luft draußen, bis es dann am frühen morgen um etwa sechs Uhr vernünftig gewittert hat. War es in der Nacht bzw. letzten Abend noch möglich, leicht bekleidet draußen zu sein so ist es jetzt, heute Abend um kurz nach 22 Uhr richtig kalt geworden - die Temperaturen mögen wohl um fast 15°C gefallen sein. Wenn ich meine Mitbewohner richtig verstanden habe, dann sollen es morgen früh nur 6-8°C sein. Nun verstehe ich auch meine Müdigkeit heute - dieser Wetterumschwung ist einfach zu viel. Zudem hat es den ganzen Vormittag ordentlich geregnet - auch als ich zur Uni musste - meine Jacke hat ihren ersten Härtetest mit Bravour bestanden. Nun gibt es ja ein Lied, das sich "Moskau bei Regen" oder so ähnlich nennt. Nur ist mein Lied "Moskau im Regen" keineswegs so romantisch wie es im Radio gespielt wird: Bei ordentlichem Regenwetter wie heute ist Moskau eine einzige Katastrophe!!! Gut beraten ist, wer Gummistiefel hat, mit denen er im Notfall weit springen kann. An einigen Stellen sind die Gehwege nur mit einem großen Schritt oder Sprung passierbar, weil an jeder Häuserecke ein Regenrohr vom Dach sein Wasser über den Gehweg spült. Und das Wasser sammelt sich dann im Rinnstein, der das Wasser wiederum nicht schlucken kann, so dass die Pfütze bis weit auf die Straße reicht. Und wer nun meint, die Autofahrer hier bremsen vor einer Pfütze ab, der irrt gewaltig! Ich habe es zum Glück zeitig gesehen, dass ein Auto mit recht hoher Geschwindigkeit durch eine solche Riesenpfütze gefahren ist, die Autos zu beiden Seiten mit dem braunen Wasser völlig übergossen hat und die Fußgänger zur linken gleich mit! Die hätten ihren Regenschirm an dem Tage gar nicht gebraucht, die waren nicht nur klatschnass, sondern auch ebenso dreckig. Und so musste ich dann nicht nur auf das Wasser auf dem Gehweg achten, sondern auch auf das Wasser und die Autos auf der Straße. Es kann aber auch mal sein, dass man durch eine Pfütze muss, der Grund dann aber tiefer ist als erwartet, weil sich Wasser in einem Schlagloch gesammelt hat. Ich habe fast den Eindruck, dass die Straßen an einem solchen Regentag besser mit dem Schiff oder mit Wasserskiern zu bewältigen ist als zu Fuß. Nun bin ich ja richtig gespannt, was der erste Schnee und vor allem das Tauwetter in Moskau für Ungewohntheiten mit sich bringt.

Nun - ich habe es jeweils nicht mehr so rechtzeitig in die Stalowaja geschafft, dass ich noch hätte essen können, denn die Schlange vor der Kasse war immens lang. So habe ich mir dann einen Löffel geschnappt und eine Palette Joghurt, die mir dann über den ersten Hunger helfen sollte. Hier soll noch dazugesagt werden, dass es hin und wieder vorkommt, dass in der Mensa mit einem Mal ein riesiger Stapel - in der Tat eine halbe 7,5-Tonner-Ladung - mit Joghurt oder anderem Nachtisch in der Ecke steht, von dem wir soviel mitnehmen können, wie wir wollen oder besser tragen können. Das ist nun lange nicht jeden Tag der Fall, aber in den ersten beiden Wochen kam es mit heute drei Mal vor. Dann bin ich zur Vorlesung gegangen - ein Liturgieseminar. Auch diese Stunde begann ähnlich wie die anderen - nämlich zuerst mit dem Gebet und dann wurde bald die Diskussion über die Frage eröffnet, welche Sprache in der Liturgie sinnvoll sei (für die orthodoxe Kirche eine spannende Frage, denn alles liturgische wird ja in kirchenslawisch gehalten). Das wurde schnell eine spannende Diskussion, in die ich mich hätte ohne weiteres einbringen können, wenn ich nicht so lange meine Sätze hätte im Geiste zusammenschustern müssen und etwas mehr Mut gehabt hätte. Aber immerhin - ich habe gewusst, worum es geht. Anschließend habe ich mir noch einige Bücher in dem nahe gelegenen Geschäft "Orthodoxes Wort" gekauft, das ein sehr umfangreiches Sortiment an theologischen Büchern hat. Vor allem die Buchpreise sind ein echter Traum: Drei der vier Bücher haben 156 Rubel, also etwa 4,25 € gekostet, sind mit Pappdeckel und fest gebunden, also keinesfalls ein "billiges" Taschenbuch! So habe ich alles in allem für vier Fachbücher keine 18 € ausgegeben. Für das Geld bekomme ich allerhöchstens ein Buch in Deutschland. So macht der Buchkauf richtig Spaß! Ich muss immer nur im Bewusstsein haben, dass die alle irgendwann eine wiederum teure Reise nach Ostfriesland bzw. Münster antreten müssen.

Anschließend bin ich dann noch in der Innenstadt einkaufen gewesen - ich habe in der Ladenpassage ein Geschäft entdeckt, dass ich gerne mal ausprobieren wollte. Mein Eindruck ist, dass der Laden nicht unbedingt wesentlich teurer ist als die Geschäfte, die in der Nähe des Wohnheims sind. Also kann man dann Uni und Internet mal mit einem Einkauf verbinden. Anschließend bin ich kurz vor dem Feierabendverkehr mit der Elektritschka nach Hause gefahren, wo ich am Kursker Bahnhof noch einen Kommilitonen und Mitbewohner getroffen habe, so dass wir dann uns schön unterhaltend gemeinsam nach Hause gefahren sind.

Im Wohnheim habe ich mir dann erst was vernünftiges zu Essen gemacht, weil der Magen ganz schön Krach gemacht hat, schließlich musste er ohne Mittagessen auskommen. Zum Nachtisch gab es dann Joghurt - das wird die nächsten Tage auch wohl noch so sein. Dann habe ich noch ein wenig Russisch gelernt - bis Stephan (gesprochen Stepán) bei mir hereinkam. Er ist sehr bestrebt, deutsche Lieder zu lernen: "Laurentia, liebe Laurentia mein" kennt er nun schon sehr gut, nur mit der Kondition hapert es noch ein wenig, zumal er die Kniebeugen auslässt. Nun wollte er heute ein neues Lied lernen, dass ich ihm dann vorgesungen habe, beim zweiten Mal hat er es mitgesungen (man beachte: Melodie und fremde Sprache) und nun übt er es wahrscheinlich alleine. Gemeinsam haben wir beide dann noch die Reste von meinem späten Mittagessen gegessen - zum Nachtisch gab's Joghurt - und dann das Gebet aus kirchenslawischer Sprache ins Deutsche übersetzt, das immer vor den Vorlesungen gesungen wird.

Nun dauert es nunmehr knapp eine Stunde, als ich vor zwei Wochen das erste Mal das Wohnheim betreten habe und so ist es Zeit, eine Summe der zwei Wochen zu bilden. Zu Hause und während der Reise mit meinen Eltern zum Flughafen habe ich sehr oft gesagt: "Wenn die ersten drei bis vier Wochen einmal vorbei sind, dann bin ich über den Berg, dann ist das Schlimmste erst einmal vorbei." Ich denke, ich kann voller Freude sagen, dass alles Organisatorische viel besser gelaufen ist, als ich gedacht hatte. Das liegt durchaus daran, dass ich hier eine nach wie vor bewundernswerte Unterstützung meiner Mitbewohner und Kommilitonen vorfinde, die mich auch nach zwei Wochen im Notfall an die Hand nehmen und mir sehr behilflich sind, obwohl ich nur noch in Extremfällen Hilfe benötige. Äußere ich einen Wunsch oder deute ihn auch nur an, dann versuchen sie ihn zu erfüllen. Dies gilt in besonderer Weise auch für Juri Valerjewitsch, der heute noch angerufen und indirekt gefragt hat, ob bei mir alles in Ordnung sei. Jetzt - nach zwei Wochen - kann ich langsam sagen, dass das Chaos überwunden ist und sich die ersten Strukturen und Gewohnheiten bilden, die mir Sicherheit bieten. Das ist damit gute ein bis zwei Wochen eher eingetreten, als ich erwartet habe. Doch so optimistisch das auch alles klingen mag, so denke ich doch, dass ich noch mehr Zeit in die Sprache investieren muss. Wenn ich heute auch für meine Verhältnisse sehr viel in dem Seminar verstanden habe, so fehlt mir immer noch der Wortschatz, den ich mir unbedingt noch aneignen muss. Ich lerne zwar jeden Tag neue Vokabeln hinzu, aber es reicht noch lange nicht, so dass ich zufrieden wäre. Ich glaube, dass ich hier noch vor einem langwierigen Prozess stehe, der zu bewältigen bestimmt nicht einfach ist. Das wird mit großer Sicherheit die Baustelle der nächsten Monate werden. So groß dieser Berg auch ist, vor dem ich hier stehe: Aufgeben gibt es nicht. Nach zwei Wochen bin ich jetzt wenigstens schon so weit, dass ich das Wichtigste mit viel Konzentration verstehen kann. Ich muss aber auch zugeben, dass wenn andere Geräusche im Hintergrund sind, es schon wieder viel schwieriger wird. Wenn Juri Valerjewitsch beispielsweise auf der Straße per Handy mit mir telefoniert, dann muss ich ihn zumeist bitten englisch zu sprechen, weil ich sonst die Sprachfeinheiten schwer verstehe. Ich muss mich auch an jeden einzelnen hier gewöhnen, weil jeder so seine eigenen Spracheigenschaften hat, die nicht nur regional bedingt sein müssen: So spricht der eine hier eine jugendliche Sprache, der andere spricht schnell, ein anderer wiederum undeutlich. Was mich aber selbst beruhigt und mir auch zeigt, dass ich (kleine) Fortschritte mache, ist, dass ich es alleine und ohne größere Probleme geschafft habe, den "falschen" Tausender umzutauschen und auf der Post einen Brief (mit Zollformalitäten usw.) aufzugeben oder heute mehr in dem Seminar verstanden habe, als ich gedacht hätte. 

In der ersten und Anfang der zweiten Woche hatte ich große Probleme, mit dem U-Bahnnetz klarzukommen. Heute bin ich zumeist ohne dem Netzplan der Uni unterwegs, so dass ich die geläufigen Umsteigestationen im Kopf habe und nicht mehr alles nachschlagen muss. Ich schaue lediglich immer noch auf die wegweisenden Schilder in der U-Bahn und achte darauf, auf welcher Seite des U-Bahnsteigs ich einsteigen muss. So habe ich mich bis dato - glaube ich - nicht einmal verfahren. Auch kann ich mir mittlerweile merken, wo beispielsweise das eine oder andere Geschäft ist. Ich selbst habe in jedem Fall das Gefühl, dass mein Lieblingsspruch neben "Я не знаю." (wörtl.: "Ich weiß nicht.") der Satz "Всё будет хорошо!" (wörtl.: "Alles wird gut!") geworden ist.

Nun zum Abschluss des Tages und der ersten zwei Wochen das Lied oder das Gebet, das wir vor den Vorlesungen immer singen. Ich habe es mit Stephan krampfhaft (und daher sehr frei) aus dem Kirchenslawischen übersetzt:

König im Himmel, Tröster,


Himmlischer König,

Tröster; Du Geist der Wahrheit,

Allgegenwärtiger und alles Erfüllender,

Schatz der Güte und Leben Spendender,

komme und kehre in uns ein,

und reinige uns von aller Sünde;

und errette, Gütiger, unsere Seelen.

 

 



Mittwoch, 10. September 2008

Es ist feucht und nass draußen und wenn man vorgestern noch in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs sein konnte, braucht man heute Winterkleidung. So bin ich dann heute um viertel vor zehn Uhr mit der Elektritschka in die Stadt gefahren - leider eine gute Stunde zu früh. So habe ich zunächst etwas eingekauft und bin dann in die Passage gegangen, wo ich dann noch in aller Ruhe Vokabeln gelernt habe. Die erste Vorlesung sollte eigentlich kanonisches Recht (zu deutsch Kirchenrecht) sein, wurde aber innerhalb des Kurses durchgetauscht, so dass es Patriologie (die Lehre von den Kirchenvätern) geworden ist. Nach dem Essen - die Schlange vor der Kasse war mal wieder sehr lang, aber ein Kommilitone hat mir eine Essensmarke gekauft - hatte ich dann noch "Neues Testament", was eine Art Einführung und Exegese zugleich ist. Nach der Vorlesung ging es dann zügig nach Hause, denn diese enorme Temperaturumschwung hat mich ziemlich aus den Socken gehauen. Ich wollte mich eigentlich gut eine Stunde hinlegen, da ist dann aber wesentlich mehr daraus geworden. Anschließend habe ich bis zum Abendessen weiter russisch gelernt. Zum Abendessen habe ich wieder meine Hawaii-Toasts gemacht, die offenbar immer beliebter werden, so dass ein Blech schon fast gar nicht mehr ausreicht... Kurz bevor ich ins Bett gehen wollte, gab es noch neue Bettwäsche und die Dame der Administration hat meine Registrierung kopiert. Dann kam noch ein Student zu mir herein, der zwei Sätze übersetzt haben wollte. Dabei stellte sich heraus, dass er Mathe studiert. Auf dem Rechner habe ich noch eine Formel vom Gymnasium, mit der man den Alkoholabbau in der Stunde nach einem beliebigen alkoholischen Getränk messen kann. Die hat ihn sehr interessiert und so haben wir uns noch ein wenig darüber unterhalten. Da die Türe aufstand, kam noch ein zweiter Student herein, der dann noch gerne Bilder von meiner Heimat sehen wollte, so dass es wieder einmal recht spät geworden ist.



Donnerstag, 11. September 2008

Am heutigen Tag stand vergleichende Theologie auf dem Programm - eine Vorlesung eines Professors, der in New York (orthodoxe Theologie) studiert hat und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen orthodoxer, katholischer und protestantischer Kirche aufzeigt. Wobei hier die letztgenannten Kirchen oft mit "im Westen" gleichgesetzt wurden. Die Vorlesung findet in einem recht verlotterten Kellerraum statt, der aber sein eigenes Flair entwickelt, weil die Treppe von außen nach unten und der Raum an sich etwas häusliches haben - er ist ein bisschen wie der Kellereingang bei uns zu Hause in Oldersum. Das ganze sieht auch nicht so offiziell aus wie andere Teile der Universität oder der in Münster, sondern einfach wie der Kellereingang eines Einfamilienhauses, so dass nicht unbedingt der Eindruck herrscht, man sei in der Uni. Als Daniel und ich dort nach der Mittagspause hinkamen, saßen unten drei Mädchen, die sich scheinbar verirrt hatten. Zwei packten recht schnell ihre Sachen und verschwanden. Die letzte, Ria, bekam mit, dass ich aus Deutschland bin und klinkte sich gleich in das Gespräch ein und plapperte munter drauf los. Ich war irritiert. Das lag wohl daran, dass sie einen so anderen Eindruck macht als die anderen Studentinnen hier: ein kleines Piercing (zumindest so'n glänzender Silberpunkt im Gesicht), sie schaut einen direkt an beim sprechen und redet wesentlich lauter und fordernder. Nun wird sich bei dem ein oder anderen sicherlich ein großes Fragezeichen über dem Kopf bilden bzw. ein "oho" durch die Gedanken rutschen. Die anderen Begegnungen mit der weiblichen Fraktion an der Fakultät verläufen im Normalfall anders: Zunächst einmal: Hier herrscht noch eine relativ hohe Geschlechtertrennung und meistens sind Männlein und Weiblein in verschiedenen Kursen, so dass sie nur in wenigen Vorlesungen zusammensitzen. Auch in der Stalowaja ist es eher so, dass jedes Geschlecht für sich in der Gruppe an einem Tisch sitzt (vielleicht aus dem Grund, dass die Mädchen durch die oftmals schlechten Tischmanieren der Jungs verschreckt werden). Nun kann es aber sein, dass nicht mehr viele freie Plätze da sind und dass ich mir (oder andere Jungs sich) einen anderen Platz suchen. Wenn ich denen dann einen guten Appetit wünsche, kann es gut und gerne vorkommen, dass die - so mein Eindruck - verschüchtert den Blick senken und ein leises "Dankeschön" piepsen. Ähnliche Szenen ergeben sich, wenn ich eine Frage habe oder mein Geschirr beim Spüldienst abgebe. Auf mich macht der Großteil der Studentinnen an der Fakultät einfach einen unselbstbewussten, manchmal schon fast ängstlichen und zurückhaltenden Eindruck. Ganz anders dagegen Ria, die zu meiner Überraschung völlig anders auftritt.

Nach der Vorlesung wollte ich meinen Stundenplan für den kommenden Tag vervollständigen und auf dem großen Stundenplan schauen, in welchem Raum die Vorlesungen stattfinden. Dort habe ich dann einen der Studenten und Mitbewohner getroffen, mit denen ich vor etwa einer Woche abends zusammen gesungen habe. Er schaute auf meinen Stundenplan und fragte mich dann, ob ich nicht mit im Chor seines Kurses singen wolle. Er war überzeugt davon, dass ich das wohl können würde. Nun hatte ich zunächst die Einwendung, dass ich ja überhaupt kein kirchenslawisch kann. Er meinte dagegen, dass ich gut singen könne und dass das kein Problem wäre. Innerlich hatte ich in der Vorbereitungsphase in Münster schon mit dem Gedanken gespielt, in Russland in einem Chor singen zu wollen. Nachdem ich den Gedanken verworfen habe, dass das auch wohl eine Nummer zu groß für mich sein könnte, habe ich dann zugesagt. Nun bin ich mal gespannt auf den kommenden Mittwoch.

In den letzten Tagen habe ich immer mehr gemerkt, dass meine Wörterbücher hier nicht mehr ausreichen, so dass ich in einem nahegelegenen Buchladen ein neues großes Wörterbuch gekauft habe, dass in Deutschland bestimmt das dreifache gekostet hätte. Bücher sind hier - wie schon einmal erwähnt - total günstig. Anschließend bin ich durch den Dauerregen, der nun schon seit zwei Tagen anhält, zur Metrostation gelaufen und an der Station Kurskaja wieder von der Erde ausgespuckt worden. Im Kursker Bahnhof hatte sich die RZD (russische Eisenbahngesellschaft) etwas ausgedacht, was den Tag trotz Regens erhellte: Im ganzen Bahnhofsbereich erklangen aus Lautsprechern Puccinis Opern! Das macht dann doch schon einen triumphalen Eindruck und erleichterte zudem das Warten am Fahrkartenschalter. Und auch hier scheint es eine Regel zu geben: Müssen recht wenige Fahrgäste eine Fahrkarte für die Elektritschka kaufen, sind zwei oder sogar drei Schalter geöffnet. Ist aber Feierabendverkehr, dann hat nur ein Schalter geöffnet und es steht eine lange Schlange an. So war es auch heute. Vom Ende kann man übrigens gut auf die Abfahranzeiger schauen und sehen, welchen Zug man vielleicht nicht mehr erreicht. In der Regel arbeiten die Damen hinter der Glasscheibe aber sehr schnell. Hält man dann seine Fahrkarte in der Hand, lohnt sich noch ein Blick auf die Abfahrtafel der Züge, denn meistens haben sie so etwa fünf Minuten Verspätung. Meistens fahren die Züge von Gleis drei oder vier in Richtung Pererwa. Ist man dann die Treppe hochgeklettert, dann benutzt man die Fahrkarte für die meistens durch zwei Wachleute beaufsichtigten kleinen Klapptüren, die den Weg zum Bahnsteig freigeben. Steht man auf dem Bahnsteig, muss man meist noch ein wenig warten, bis der nächste Zug eintrifft. Nachdem dieser langsam in den Bahnhof eingefahren ist, öffnen sich die Schiebetüren und die Menge strömt in den Zug. Oft ist es im Feierabendverkehr so, dass man stehen muss, obwohl jeweils 1320 Menschen im Zehn-Waggon-Zug Platz finden, zusätzlich sind noch viele Stehplätze möglich. Wenn man etwas Pech hat, dann erwischt man sogar noch einen Zug mit Holzsitzen, die anderen sind etwas durch das Leder abgepolstert. Nachdem die Türen zugeklappt sind - und hier kann man schön sehen, dass sie recht locker eingebaut sind, geht die Fahrt mit lautem Poltern der Schaltstufen los, die sich im Ein- und Ausstiegsbereich finden. Das klingt manchmal ein wenig so, als würden die Träger des Zuges an einigen Stellen brechen oder ein größeres Teil vom Zug abfallen.

Kurz nach der Abfahrt gehen meistens Leute durch den Zug, bei denen man so einiges kaufen kann - heute war es z. B. ein Mann mit Eis, aber auch Zeitungs- und Zeitschriftenverkäufer und Buchverkäufer kommen durch den Zug. Hierbei wechseln Verkäufer und Sortiment jedoch ständig: Es ist auch möglich, Maßbänder, Regenschirme, Haushaltsgeräte usw. zu kaufen. Vorgestern waren z. B. nur Zeitschriftenverkäufer im Zug - und davon gleich fünf. Auch Kontrolleure kommen dann und wann durch den Zug, die zwar schnell, dafür aber nicht sorgfältig kontrollieren. So wollten die zum Beispiel meinen Studentenausweis gar nicht sehen. Blickt man aus dem Fenster, sieht man einerseits einige Moskauer Vororte, aber auch viele Menschen, die die Abkürzung durchs Gleisbett wählen. Aus dem Grund geben die Lokführer vor der Einfahrt in den Bahnhof immer ein Warnsignal ab, weil die Moskauer auch gerne einfach mal den Bahnsteig wechseln und dabei die hohe Bahnsteigkante herunter springen und an der anderen Seite irgendwie wieder hoch krabbeln. Dabei ist recht egal, ob sie mit vielen Tüten und Reisetaschen bepackt sind, die dann erst auf den Bahnsteig gewuchtet werden. Noch interessanter wird es, wenn jemandem geholfen werden muss, die Bahnsteigkante zu erklimmen. In Deutschland würde "wegen Personen im Gleis" kein Zug mehr fahren... Irgendwann geht aber in Ruck durch den Zug, er wird langsamer, kommt am Bahnsteig zum stehen und die Türen rumpeln auf - Ankunft in Pererwa.

Am Abend habe ich dann noch jemanden (mein Namensgedächtnis lässt zu wünschen übrig) geholfen, der gerade anfängt, die deutsche Sprache zu lernen. So kann ich wenigstens etwas von dem zurückgeben, was die russischen Studenten mir gegeben und geholfen haben.

 

 

Freitag, 12. September 2008



Nun ist heute schon der dritte Regentag in Folge, ohne dass ich wüsste, dass es einmal aufgehört hätte. Das bedeutet ebenso, dass ich seit drei Tagen bemüht bin, trockenen Fußes - also zwischen Pfützen Slalom zu laufen - von A nach B zu gelangen. Und dabei regnet es in einem fort. Am liebsten möchte man morgens im Bett liegen bleiben. Selbst die vielen Hunde in Moskau suchen sich ein trockenes Plätzchen und dösen träge vor sich hin. Heute standen das Neue und Alte Testament auf dem Plan und anschließend habe ich mit einigen Mitstudenten zu Mittag gegessen. Anschließend haben wir noch zusammen gesessen und geplauscht, bis die anderen Kurse zu Tisch kamen und die Mensa überfüllten. Am Abend habe ich dann wieder einem Mitbewohner bei seinen ersten Deutschversuchen geholfen. Nicht, dass mir das Tempo fremd wäre - aber in der dritten Stunde wurden sämtliche Tageszeiten und zugehörige Redewendungen wie "Guten Morgen" durchgenommen, die Fälle aller Artikel mit den Fachbezeichnungen gelernt usw. Das hat dann doch wieder Eindruck gemacht.

 

 



Samstag, 13. September 2008

Nachdem mir am Vorabend ein Student gesagt hatte, dass die Dogmatikvorlesung am heutigen Tag ausfällt weil der Professor auf einer Exkursion sei, konnte ich etwas länger schlafen. Zu Mittag bin ich dann wieder in die Stadt gefahren, um in der Mensa zu Mittag zu essen. Ich musste mich ein wenig beeilen, denn ich wollte mich um 13 Uhr mit Stephan in der Metro-Station Arbatskaja treffen, wo ich dann auch pünktlich ankam. Wir hatten uns am Vorabend verabredet, ins Puschkin-Museum zu gehen. Das Wetter heute war etwas wärmer und vor allem schien bis dato die Sonne! Auf dem Weg dorthin habe ich immer wieder mal etwas fotografiert, so dass wir nicht allzu zügig vorangekommen sind.

 

In das Puschkin-Museum, dass sehr nobel aufeingerichtet ist, ist Stephan ohne weiteres zum Studententarif für 50 Rubel eingelassen worden. Bei mir hat das trotz russischem Studentenausweis leider nicht funktioniert. Die Kassendame fragte, ob ich Ausländer sei, was ich ja leider bejahen musste, so dass ich unter Protesten 100 Rubel mehr bezahlt habe. Dennoch - das Museum hat sich in jedem Fall gelohnt, wenn ich auch nicht so der an Kunst interessierte Mensch bin. Dort befinden sich viele Bilder - insbesondere von holländischen Malern und zur Zeit eine Ausstellung, die das Thema "Expressionismus" zum Inhalt hat. Dies sind dann ausnahmslos deutsche Künstler. Aber auch kirchliche - vor allem katholische - Gegenstände sind dort ausgestellt, wie Taufbecken, Chorgestühl, Bilder, Ikonen, usw. Des Weiteren gibt es dort eine recht umfangreiche Ausstellung von antiken Gegenständen von der ägyptischen bis zur römischen Zeit. Alles in allem haben wir uns dort mehr als drei Stunden aufgehalten.



 

 

Anschließend sind wir dann in die Christus-Erlöser-Kathedrale gegangen. Auf dem Weg dorthin wurden wir schon mit tiefem Glockenschlag begrüßt. Bevor wir in die Kirche herein durften, wurden unsere Rucksäcke untersucht und wir mussten durch eine elektronische Schleuse gehen. Und dann zeigte sich uns die ganze Pracht der Kirche: Viel Gold, überall Ikonen und Gemälde. Die Ikonostase geht rund um den ganzen Altar und hat ein Spitzdach - ähnlich einem Baldachin. Diese Kirche ist von innen sehr hell und mehr als prächtig. Es ist dort, als könnte man sich nicht satt sehen an dieser Pracht. Sie ist unbeschreiblich schön. Während wir in der Kirche herumgingen, begann die Liturgie. Es war, als würde die ganze Kathedrale von dem Gesang erfüllt, ebenso die Stimme des Diakons und Priesters (natürlich halfen Lautsprecher dabei). Die Kirche scheint also eine ausgezeichnete Akustik zu haben. Doch leider hatten wir nicht mehr ganz so viel Zeit, weil ich noch zu 19 Uhr in die Heilige Messe in die katholische Kirche wollte. Draußen auf dem Kirchplatz wurden dann zu Abend mit dem Glockenspiel geläutet - per Hand, was ich mir auch noch unbedingt anhören wollte. Dann sind wir über die Moskau ans andere Ufer gegangen, um vor dort aus zur Kreml-Mauer zu gehen.



 

Dort angekommen, hatte ich einen kleinen Eisstand entdeckt, wo wir uns als kleine Erholung von der ganzen Kultur ein Eis gegönnt haben. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station kamen wir dann am "Ewigen Licht" vorbei - das ist eine immer brennende Gasflamme zum Gedenken an die im Krieg Gefallenen. Dort stehen immer zwei Soldaten, die Wache halten. Kurz nachdem wir dort ankamen, kam ein dritter Soldat, der in einer etwas abgelegenen Ecke stand, erst zu einem Soldaten, dann zum anderen. Jeweils dort angekommen, ging er die letzten Schritte in zackigem Stechschritt zu ihm, grüßte ihn militärisch (was dieser aber nicht erwiderte) und richtete seine Kleidung. Dabei sprachen die beiden unauffällig miteinander. Dann ging er ebenso wieder weg und stellte sich wieder in seine Ecke. 

 

Dieses Mal hatte ich in der katholischen Kirche eine Messe in russischer Sprache erwischt, so dass ich dieses Mal wenigstens etwas verstanden habe. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, dass ich vielleicht ein bekanntes Gesicht aus Irkutsk wiedersehe, wo ich ja vor vier Jahren auf dem gesamtrussischen katholischen Jugendtreffen war. Aber bis jetzt habe ich noch keinen entdeckt.



Nach der Kirche bin ich noch schnell in dem Stadtviertel einkaufen gegangen und habe dann die U-Bahn zur Haltestelle Textilschchiki genommen, von wo aus ich dann nach Pererwa weitergefahren bin. Als der Zug eingefahren ist, bin ich eingestiegen und war etwas verwundert darüber, dass wenig Leute im Zug sitzen, habe dann aber ein Buch gelesen. Etwa einen Kilometer vor der Bahnstation Pererwa - wo ich ja aussteigen wollte - hielt der Zug. Ich hatte inzwischen das Buch in den Rucksack gesteckt. Dann fuhr der Zug wieder langsam an und mit einem mal ging ein Ruck durch den Waggon, in dem ich mittlerweile alleine saß. Der Zug fuhr ruckartig nach rechts durch eine Weiche. Dann wieder durch eine Weiche. So langsam dämmerte es mir: Der Zug hatte eine Station vor meiner geendet und ich war jetzt gerade auf der Fahrt ins Ausbesserungswerk in dem Zug. Und richtig - auf der rechten Seite die Hallenwand und auf der linken Seite konnte man den Bahnsteig erkennen. Was also tun? Ich habe mir schnell den Rucksack geschnappt und bin eilends nach vorne gelaufen, wo der Triebfahrzeugführer sitzt. Zuvor habe ich aber noch ein paar andere Arbeiter getroffen, die im ersten Waggon des Zuges saßen und die ich dann über mein kleines Missgeschick aufgeklärt habe. Die blieben aber freundlich, haben die Türe zu zweit aufgestemmt und mich dann in die Freiheit entlassen - mir vorher aber noch den Weg zur Brücke gezeigt, so dass ich sicheren Weges - wenn auch etwas ungewöhnlich - mein Ziel erreicht habe.

Der Abend war dann aber auch noch wieder schön: Ich hatte drei Bierflaschen gekauft, um sie gemeinsam mit Oleg und Dmitri zu trinken. Da ist dann aber wieder mehr draus geworden: Wir hatten alle noch nicht zu Abend gegessen und so haben wir dies gemeinsam gemacht: Ich habe Frikadellen gebraten, Dmitri Nudeln und Oleg hat Tomaten, Gurken, Brot und Spiegeleier dazugegeben, so dass wir dann zu dritt auf Olegs Zimmer gegessen und einen Trickfilm geschaut haben. Dieses Mal habe ich ein Vater Unser als Tischgebet vorgebetet. Alles in allem war es ein gelungener und sehr spannender Tag, so dass ich dann todmüde ins Bett gefallen bin, dass ich morgens noch krampfhaft mit neuer Bettwäsche des Wohnheims bezogen habe. Krampfhaft deshalb, weil ich allein einige Minuten gebraucht habe, um das Loch zu finden, wo die Bettdecke hereingehört. Das befand sich dann nicht an der schmalen Seite, sondern tatsächlich an der Längsseite. Und das Loch war so klein, dass es recht lange gedauert hat, bis ich damit fertig war. Normalerweise habe ich mit dem Bettbeziehen keine Probleme, aber mit dieser eigenartigen Technik hat es dann doch etwas länger gedauert. Zumindest habe ich gut darin geschlafen.

 

 


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